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"Die Lebenserwartung war allerhöchstens drei Monate"

KZ Auschwitz Überlebender Erich Finsches
KZ Auschwitz Überlebender Erich Finsches ©APA - Alexandra Demcisin
75 Jahre Auschwitz-Befreiung: Zwei Zeitzeugen berichten von den Nazi-Gräueltaten: "Wir haben alles gesehen, wir haben es aber nicht geglaubt."
VdB bei Gedenken zur Auschwitz-Befreiung

Erich Finsches: Auschwitz-Zeitzeuge

Oswiecim (Auschwitz)/Wien - Dass der Wiener Erich Finsches die Hölle von Auschwitz-Birkenau überlebte, hat er nur der Tatsache zu verdanken, dass die Nazis für ihn beim Bau unterirdischer Flugzeug-Produktionsstätten Verwendung fanden. Nach rund fünf Monaten in dem Vernichtungslager wurde er daher Mitte September 1944, als die Massentötungsmaschinerie in Auschwitz auf Hochtouren lief, in ein anderes Lager in Bayern gebracht.

Dort waren die "Überlebensverhältnisse" nicht viel besser. Die Außenstelle des KZ Dachau wurde auch erst genau drei Monate nach Auschwitz, am 27. April 1945, von amerikanischen Soldaten befreit. Völlig krank und ausgemergelt hatte Finsches - damals 17 Jahre alt - aber überlebt. In einer Wehrmachtsuniform - weil es sonst keine Kleidung gab - kehrte er nach Wien zurück, wo er bis heute lebt.

"Dass so etwas nie mehr passiert!", wie der heute 92-Jährige sagt, erzählt er seit Jahren seine Geschichte jungen Menschen in Schulen. "Ich gehe zu jeder Partei, um zu diskutieren", erklärt der rüstige und resolute, kleine Mann. "Schaut, dass die jungen Leute davon erfahren", gibt er Journalisten auf den Weg mit.

Erich Richard Finsches wurde als Jude von den Nazis verfolgt. Einer seiner Urgroßväter, ein protestantischer Kirchenoberer aus dem heutigen Tschechien, war Ende des 19. Jahrhunderts zum Judentum konvertiert. Sein Vater, der in Wien-Sechshaus einen Lebensmittelgroßhandel und eine Spirituosenherstellung betrieb, wurde bereits 1938 nach Dachau deportiert. Damals wurde auch Erich Finsches als Zehnjähriger von der Gestapo aufgegriffen, gefoltert und in ein Arbeitslager am Erzberg gesteckt.

Von dort gelang ihm die Flucht und es folgte eine Zeit als sogenanntes U-Boot in Wien. Doch er wurde erneut aufgegriffen und musste schwere Zwangsarbeiten leisten - u.a. in einer Großwäscherei. Hier beteiligte er sich an einem Sabotageakt des Widerstands: Als er den Heizkessel der Wäscherei mit Handgranaten zur Explosion brachte, musst er aber untertauchen. Ihm gelang die Flucht nach Ungarn zu Verwandten. Auf dem Budapester Ostbahnhof verkaufte Erich Finsches Wehrmachtssoldaten, die auf der Durchreise waren, Salami und andere Würste. Als Deutschsprachiger trat er mit ihnen in Kontakt und konnte sie aushorchen. Diese wertvollen Informationen gelangten bis zu den jugoslawischen Partisanen. Wenn Erich Finsches über seine Begegnung mit dem kommunistischen Partisanenführer und späteren jugoslawischen Staatschef Tito erzählt, bekommt er noch heute Tränen in den Augen.

Augenzeuge Erich Finsches im APA-Interview - Foto: APA

In das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau wurde Erich Finsches geschickt, nachdem er bei der Sprengung einer für den Balkan-Nachschub wichtigen Brücke in der Stadt Subotica teilgenommen hatte und bei der Aktion angeschossen wurde. Wer in Auschwitz landete und den Transport überlebt hatte, war "vorgesehen zur Vernichtung durch Arbeit", sagt Finsches. Die Gefangenen bekamen kaum zu essen und zu trinken - "hartes Brot und farbiges Wasser". Sie mussten harte Arbeit verrichten und wurden schikaniert. Die SS misshandelte die Menschen mit Peitschenhieben oder Schlägen mit dem Gewehrkolben. "Die Lebenserwartung war allerhöchstens drei Monate."

Schon allein die elf Tage lange Zugfahrt nach Auschwitz waren ein "Martyrium", das viele nicht überlebten. Erich Finsches wurde Anfang April 1944 dorthin deportiert. Rund 140 Menschen seien in den Eisenbahnwaggon gepfercht gewesen "wie die Sardinen", keiner konnte sich bewegen. Alle mussten stehen, konnten stehend kaum schlafen. Sie bekamen nichts zu essen und keine Möglichkeit, ihre Notdurft zu verrichten. Insassen des Waggons, die auf der Fahrt verstarben, wurden aufeinandergelegt. "Die Leute sind zusammengegangen wie die Fliegen, speziell die älteren."

Als der Zug dann an der Rampe ankam, riet Finsches ein Arzt: "Schau, dass du gerade gehst und kein verzerrtes Gesicht hast. Sonst kommst du nach rechts, ins Gas." Finsches hatte Glück, trotz Schmerzen kam er in den "Löwengang" und hatte so die Möglichkeit zu überleben. Die anderen mussten in die Gaskammer. "Der Rauch und der penetrante Geruch von verbranntem Fleisch" bleibt im Gedächtnis. Tag und Nacht seien die Gaskammern und Krematorien im Einsatz gewesen.

Nach der Selektion wurden alle Frauen und Männer nackt ausgezogen und ihnen die Haare abgeschoren. In einer eiskalten Dusche versuchten die Menschen sich die auf der Zugfahrt eingetrockneten Exkremente wieder vom Körper zu waschen. Eine Gefangenennummer habe er nicht bekommen und auch tätowiert sei er nicht geworden, sagt Finsches, weil der ganze Zug "zur Vernichtung" vorgesehen war. Durch seine kommunikative Art, handwerkliches Geschick und die Fähigkeit wegen seiner Deutsch- und Ungarischkenntnisse als Dolmetscher zu dienen, hatte er aber gute Kontakte zu einigen Kapos, die ihm zusätzliche Rationen zukommen ließen. Die normale Mahlzeiten bestanden zu Mittag aus einer Scheibe Brot und am Abend einer Brühe mit Dörrgemüse.

Im September 1944 kam Finsches dann "auf Transport" nach Mühldorf am Inn, wo die Nazis ein unterirdisches Flugzeugwerk bauen wollten. Bis zur Befreiung arbeitete er in den Dachau-Nebenlagern Mühldorf und später Kaufering. Dort bekam er auch seine Häftlingsnummer 108707. Vor der Befreiung am 27. April 1945 waren tagelang schon Schüsse und Scharmützel zu hören. Die geschwächten Häftlinge drückten das Lagertor auf, die SS war bereits verschwunden und die Zäune nicht mehr elektrisch gesichert. Die Amerikaner brachten Finsches in ein Lazarett und dort bekam er zum ersten Mal seit Jahren medizinische Betreuung und ein Bett. Bei der Befreiung wog er 27 Kilogramm.

Nach Wien zurückgekehrt, erhielt der Auschwitz-Überlebende von der Stadt einen Bezugsschein für einen Hubertusmantel und gebrauchte, löchrige Socken. Vom Geschäft seines Vaters, das enteignet worden war, erhielt er nichts zurück, für die elterliche Wohnung gab es eine "kleine Entschädigung". Eltern hatte er zu diesem Zeitpunkt nicht mehr: Sein Vater war aus Dachau freigekommen, floh nach Südfrankreich und kam dort um, als die Deutschen auch diesen Teil Frankreichs besetzten. Von der Mutter weiß Erich Finsches nur, dass sie versucht hatte, ihrem Sohn zu Fuß nach Ungarn nachzukommen. Doch sie wurde auf der Straße aufgegriffen.

Nach dem Krieg lebte Erich Finsches, der nur drei Volksschuljahre absolvieren konnte, von verschiedenen Arbeiten. Er gründete u.a. eine Verein zur Vermittlung ehrenamtlich Tätiger. Neben dem Vergessen des Holocaust und Unrechts treibt Erich Finsches heute noch der Gedanke an die sogenannten Mitläufer besonders um: Viele hätten ein schlechtes Gewissen gehabt, "denn sie waren entweder dabei beim Plündern oder beim Arisieren". Man habe aber vieles vergraben und vergessen. "'Ich war ja nur ein kleiner Nazi'", hätten sie gesagt.

(Das Gespräch führten Martin Richter und Alexandra Demcisin/APA)

Viktor Klein: Auschwitz-Zeitzeuge

Oswiecim (Auschwitz) - Er habe überlebt, weil er "den Mut und die Hoffnung nicht verloren" habe, sagte der Auschwitz-Überlebender Viktor Klein am Montag im Rahmen des Gedenkakts in Polen anlässlich des 75. Jahrestags der Befreiung des NS-Vernichtungslagers. Denn "wer die Hoffnung nicht verliert, kann nur gewinnen", fügte er, angesprochen auf die heutige politische Situation, hinzu.

Klein reiste in der Delegation von Bundespräsident Alexander Van der Bellen zu dem Gedenken nach Auschwitz. Er war nach eigenen Angaben in den vergangenen Jahren schon mehrmals dort, etwa mit seiner Familie oder um einen Vortrag zu halten. "Wir leben weiter", so der 1927 Geborene nach einer Besichtigung des früheren Vernichtungslagers, "um für die zukünftigen Generationen daran zu erinnern, und nicht zu vergessen: Es soll nie wieder geschehen".

In einem früheren Interview erzählte Klein, wie gleich nach der Ankunft in Auschwitz selektiert wurde: "Mein Vater, mein Bruder Shlomo, zwei Onkel und ich sind nach rechts geschickt worden. Meine Mutter, zwei Geschwister und alle Verwandten meiner Eltern sind nach links gegangen - in die Vernichtung. Sie wurden sofort ins Gas geschickt."

Er war mit 17 Jahren im Mai 1944 im Lagerkomplex Auschwitz-Birkenau angekommen. "Wir haben alles gesehen, wir haben es aber nicht geglaubt. Der menschliche Verstand kann gar nicht begreifen, dass man so eine Masse an Menschen vernichten kann, in so kurzer Zeit. Das ist nicht fassbar."

Klein ist in einer orthodoxen Familie in Munkacs mit fünf Geschwistern aufgewachsen. Die Stadt gehörte bis 1918 zu Österreich-Ungarn, zwischenzeitlich zur Tschechoslowakei, ab 1938 zu Ungarn.

Der Tag der Befreiung

Als Soldaten der Roten Armee am 27. Januar 1945 in Auschwitz-Birkenau eintrafen, befreiten sie etwa 7500 Häftlinge, die noch lebten. Sie fanden die Leichen jener, die die SS noch kurz vor ihrem Abzug umgebracht hatte. Sie fanden die Asche der Ermordeten in den Ruinen. Und sie fanden rund 110 000 Schuhe, 3800 Koffer, 40 Kilo Brillen und zwei Tonnen Haar, das die Deutschen deportierten Frauen abgeschnitten hatten. "Am 27. Januar 1945 wurden die Tore der Hölle geöffnet", formulierte es Israels Präsident Reuven Rivlin. 

KZ Auschwitz: 75 Jahre Befreiung

(APA)

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