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Arbeitnehmer bei Stress nicht ausreichend unterstützt

Krankenstände aufgrund psychischer Belastung gehen durch die Decke.
Krankenstände aufgrund psychischer Belastung gehen durch die Decke. ©Canva
62,1 Prozent der Betriebe verfügen über keinen Maßnahmenplan zur Vermeidung von arbeitsbedingtem Stress, zeigt eine Umfrage der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz.

Der zunehmenden Arbeitsdruck führt zu Handlungen, die für den Menschen alles andere als gesund sind. Mittlerweile nehmen rund zwei Prozent der Arbeitnehmer verschreibungspflichtige, leistungssteigernde oder stimmungsaufhellende Medikamente, um belastbarer im Job zu sein.

"Man kennt die Langzeitfolgen noch nicht"

Die Zahlen, die von der deutschen Krankenkassa im Jahr 2020 erhoben wurden und von Johanna Klösch von der Arbeiterkammer Wien im Gespräch mit der APA aufs Tableau gebracht wurde, sind auch auf Österreich umsetzbar. Diese Menschen würden Substanzen zu sich nehmen, um leistungsfähiger, länger wach oder konzentrierter zu sein. "Das hat natürlich entsprechende Nebenwirkungen, man kennt die Langzeitfolgen nicht und es ist auch fraglich, ob sie wirklich zur Leistungssteigerung führen", meinte Klösch. "Man versucht sich, möglichst gut anzupassen und das geht auf Kosten der Gesundheit."

Wenn im Jänner viele mit dem Job neu anfangen, sollten Arbeitnehmer auch psychisch gut ankommen, so die Arbeits- und Organisationspsychologin. Die Willkommenskultur mit einer Wertschätzung, Lob und Anerkennung ist genauso wichtig, wie das Einschulen der Abläufe und der Organisation. "Es ist ein Gleichgewicht von Anforderungen und Ressourcen", so Klösch. "Es muss sich die Arbeit an den Menschen anpassen und nicht umgekehrt. Das wäre eigentlich psychisch gesund."

"Arbeitgeber hat die Fürsorgepflicht"

Zwar ist laut ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG) eine arbeitsbedingte psychische Belastung Teil der betrieblichen Arbeitsplatzevaluierung. Das bedeutet, dass Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber krankmachende Arbeitsbedingungen ermitteln, beurteilen und durch wirksame Schutzmaßnahmen ausschalten oder zumindest reduzieren müssen. "Der Arbeitgeber hat die Fürsorgepflicht" und muss die richtigen Schutzmaßnahmen setzen. Doch die Realität sieht anders aus. Österreich hätte da noch viel nachzuholen, betonte Klösch nach zehn Jahren Evaluierung.

Laut Statistik Austria sehen sich 60 Prozent der Erwerbstätigen mindestens einem psychischen Gesundheitsrisiko ausgesetzt, wie Zahlen aus 2020 zeigen. 38,3 Prozent beanstandeten Zeitdruck und Arbeitsüberlastung. 34,4 Prozent beklagten den Umgang mit schwierigen Personen - da geht es aber nicht nur um Kolleginnen und Kollegen, sondern auch um Kundinnen und Kunden bzw. Schülerinnen und Schüler. Danach folgt schon die schlechte Kommunikation, die 12,8 Prozent beanstandeten. 8,2 Prozent haben mit fehlender Entscheidungsfreiheit ein Problem. 6,4 Prozent macht ein unsicheres Beschäftigungsverhältnis zu schaffen. 4,1 Prozent beklagten Gewalt am Arbeitsplatz, 3,2 Prozent Mobbing.

Krankenstandstage aufgrund psychischer Krankheiten vervierfacht

Am stärksten betroffen sind laut Klösch Branchen mit personenbezogenen Dienstleistungen, allen voran die Krankenpflegekräfte. In dieser Berufssparte gaben neun von zehn Personen an, dass sie sich einem psychischen Risiko ausgesetzt fühlen. Es ist zu betonen, dass diese Angaben im ersten Jahr der Corona-Pandemie gemacht wurden.

Die arbeitsbedingte psychische Belastung macht krank. Bereits 40 Prozent der Invaliditätspensionen erfolgen aufgrund psychischer und Verhaltensstörungen, wie Zahlen des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger bereits aus dem Jahr 2019 zeigen. Die Krankenstandstage aufgrund psychischer Krankheiten und Verhaltensstörungen haben sich seit Mitte der 1990er-Jahre vervierfacht. Die gesamtwirtschaftlichen Kosten der Krankenstände aufgrund arbeitsbedingter psychischer Belastungen haben sich bereits im Jahr 2011, wie Aufzeichnung des Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo zeigen, auf rund 3,3 Milliarden Euro jährlich belaufen.

"Burn Aut"

Besonders lange Krankenstände werden durch Burn-out verursacht, obwohl es nicht einmal als Krankheit anerkannt ist. Laut einer Erhebung des Anton Proksch Instituts und "Burn Aut", der Österreichischen Gesellschaft für Arbeitsqualität und Burn-out aus dem Jahr 2017 sind bereits 19 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher im Problemstadium, 17 Prozent im Übergangsstadium und acht Prozent im Burn-out-Erkrankungsstadium. Das bedeutet, dass fast die Hälfte der heimischen Arbeitnehmer, nämlich 44 Prozent, Burn-out-gefährdet oder bereits krank sind.

Burn-out wird in der letzten Version der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10) sehr allgemein gehalten und als "Ausgebranntsein" bezeichnet. Es gehört dort zu den "Problemen mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung". Eine Definition für Burn-out gibt es in der ICD-10 nicht. "Das ist in den letzten Jahren viel diskutiert worden", so Klösch. Bei der neuen Version ICD-11 wurde das Diagnosekriterium zu Burn-out nun klar definiert. Allerdings wurde die Richtlinie in Österreich noch nicht umgesetzt, was laut Klösch "dringend erforderlich" sei, um es als Berufskrankheit anzuerkennen.

Kein Verfahren für Mobbing am Arbeitsplatz

Neben dem fehlenden Maßnahmenplan zur Vermeidung von arbeitsbedingtem Stress, haben laut Europäischer Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz auch mehr als die Hälfte der Unternehmen (55,1 Prozent) keine Verfahren, um mit möglichen Fällen von Bedrohung, Beleidigung oder Angriffen durch externe Personen wie etwa Kundinnen oder Kunden umzugehen. 66,7 Prozent der befragten Betriebe verfügen über kein Verfahren für den Umgang mit möglichen Fällen von Mobbing oder Belästigung am Arbeitsplatz.

Durch die abnehmende Motivation nimmt der Arbeitsfluss ab. "Der Arbeitgeber nimmt sich zu wenig kompetente Unterstützung ins Boot", kritisierte Klösch. Mit einem Zeitmanagement-Seminar werde das Übel nicht an der Wurzel gepackt, weil der Arbeitnehmer an den Arbeitsaufwand angepasst wird und nicht die Rahmenbedingungen geändert werden. Klösch plädierte dafür, Arbeits- und Organisationspsychologinnen und -psychologen als Unterstützung und dem richtigen Know-how miteinzubeziehen. Diese Expertinnen und Experten sollten genauso im ASchG gesetzlich verankert sein, wie die Arbeitsmedizinerinnen und -mediziner sowie die Sicherheitsfachkräfte. Nach wie vor seien die dafür oft notwendigen Schutzmaßnahmen im ASchG undurchsichtig und ungenau geregelt, wie die Evaluierung genau durchzuführen sei, betonte Klösch.

Ein gesunder Arbeitnehmer sei "eine Win-win-Situation" für den Arbeitnehmer selbst, den Arbeitgeber und das Unternehmen, betonte die Expertin. Krankenständen würden eingespart werden und die Menschen würden weniger schnell aus dem Job fallen. "Die Fluktuation nimmt ab und die Produktion nimmt zu", zeichnete Klösch die Vorteile auf. Hilfe für Betroffene bieten neben der Arbeiterkammer, u.a. auch Gewerkschaften, das Arbeitsinspektorat, Sicherheitsvertrauenspersonen, der Betriebsrat oder das "Chancen Nutzen" Büro des Österreichischen Gewerkschaftsbundes.

(APA)

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