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Alpsommer im Verwall: „Es ist wie in Kanada, nur schöner“

2)	Das Älplerteam: (v. l.):  Lucas, Jamie, Stefanie mit Niklas, Raimund und Martina Tschofen Lukas Lorenz und der Hund Kira
2) Das Älplerteam: (v. l.): Lucas, Jamie, Stefanie mit Niklas, Raimund und Martina Tschofen Lukas Lorenz und der Hund Kira ©est
Martina und Raimund Tschofen verbringe gemeinsam den 97. Alpsommer auf der Alpe Verbella.
Auf der Alpe Verbella.

Gaschurn Romantischer geht es wohl nicht mehrt: Die Verbella Alpe, was auf Rätoromanisch „schönes Tal“ bedeutet, liegt auf 1938 Metern Seehöhe, auf halbem Weg zwischen Zeinisjoch und Heilbronner Hütte, immer mit Blick auf die Silvretta. Der Verbellabach plätschert leise vor sich hin, bimmelnde Kuhglocken vermitteln Ruhe und Geborgenheit, die Almhütte schmiegt sich an den Hang der Versalspitze und der Verwallhimmel zeigt sich von seiner schönsten Seite.

Für Martina ist es heuer bereits der 41. Alpsommer, für Raimund Tschofen der 46. Seinen ersten Alpsommer verbrachte Raimund Tschofen 1969 auf der Alpe Netza, wo er bereits 20 Kühe und 16 Kälber hütete. Danach ging er für zwei Jahre auf die Alpe Verbella. Nach einer Schlosserlehre bei den illwerken vkw ging es 1975 wieder zurück auf Verbella. Von 1978 bis 1982 war er auf der Alpe Nova als Senn, bevor er 1983 jeden Sommer auf der hier oben als Senner und Hirte tätig war.

Seit 1983 ein (Dream) Team

In diesem Sommer begann auch Martina auf der Alpe Verbella zu arbeiten und seither sind sie ein Team. “Zuerst wollte sie nicht hier rauf“, verrät Raimund. „Wenn es dir nicht gefällt, kannst du wieder ins Tal zurück“, hat er ihr hoch und heilig versprochen. Es kam anders: „Es war immer schön, vor allem, als Sohn Mario schon mit drei Monaten dabei sein durfte. Melanie, Nadja und Lucas folgten. Wir waren eine glückliche Alpfamilie“, erinnert sich Martina noch heute. In der Küche ist es urig gemütlich, es wird gekocht, gegessen und gebacken (Apfelstrudel). Der braven Hündin Kira entgeht nichts. Enkel Niklas hat gerade seinen Mittagsschlaf beendet. „Es ist ein Paradies hier oben, wir erleben auch die schönsten und dunkelsten Nächte. Wir sehen ein Firmament aus Sternen, hier gibt es keine Lichtverschmutzung“, erzählen Gäste aus Deutschland. „Ja, das stimmt“, ergänzt Raimund, „Unser nächster Nachbar ist die Saarbrücker Hütte, sonst sehen wir nachts außer Sternen kein Licht“. Es ist wie in Kanada, nur schöner“, weiß Raimund aus Erzählungen.

Zum Älplerteam gehören neben den Seniorchefs, Martina und Raimund Tschofen, der Sohn Lucas mit Freundin Stefanie und Söhnchen Niklas, die seit fünf Jahren hier oben sind, sowie Enkel Jamie, die bereits zur dritte Alpgeneration gehören, und der Kleinhirte Lukas Lorenz aus Galtür.

Die Alpe Verbella ist eine rund 920 Hektar große Hochalpe und gehört zur Gemeinde Gaschurn. Der Viehbestand besteht aus 150 bis 170 Rindern und Jungvieh, die aus dem ganzen Land kommen. Die Milch von 11 Kühen wird für die eigene Käseproduktion nach alter Montafoner Tradition verarbeitet. Mit zwei gezähmten Wildpferden, ein paar Hühner und mit Hund Kira ist das Team komplett.

Ein Vollzeitjob

Hier oben ist es nichts für Couchpotatoes oder Langschläfer. Denn um 5.30 Uhr heißt es raus aus den Federn, die Kühe müssen gemolken und die Milch verarbeitet werden, ebenso am Abend. Auch der Haushalt für die Familie und die Gäste, die zu Besuch kommen, gibt Umtrieb. „Wir brauchen hier keine Uhr und keinen Fernseher, die Tiere sagen uns die Zeit und bestimmen den Tagesablauf. Manchmal hören wir Radio und Gäste bringen uns die Vorarlberger Nachrichten”, erzählt der erfahrene Älpler, “wir verpassen nichts und sind trotzdem auf dem Laufenden“.

Tagsüber heißt das, die Tiere zu betreuen, die oft bis auf 2500 m Höhe ihre Kräuter suchen. Mit “hoijen” ruft man die Tiere beim Namen, dann stehen sie schon vor dem Stall und wollen gemolken werden. Auch wollen sie gestreichelt und gelobt werden. „Ich kenne sie alle mit Namen, die Zisi ist die Älteste, es gibt die Monika, Fina, Bibi,”, so Lucas. Und natürlich die eigene Familie und die Wanderer, die gerne einkehren. Die Alpromantik hält sich in Grenzen, denn Arbeit gibt es auch bis spät in die Nacht hinein.

Große Zufriedenheit

Gott sei Dank hat der Sommer bisher gut mitgespielt und wir wurden von Unfällen verschont. „Zweimal hat es geschneit, aber Schneewetter gibt es ja jeden Sommer“, sagt der Älpler. An den schlimmsten Sommer erinnert er sich noch gut: „Am 28. August 1995 hatten wir hier oben einen Meter Schnee. Die Tiere mussten im Stall gefüttert werden. Danach war der Almsommer schon vorbei, wir hatten gleich den Almabtrieb“, erzählt Raimund, der in Gortipohl ebenfalls einen Hof mit seiner Familie bewirtschaftet. „Das war sehr hart.“ Der trockenste Sommer war 2003, wo kein Gras mehr gewachsen.

Viele Gäste und Einheimische kehren gerne auf einen Hock oder zur Jause ein. “Wir kommen öfter hier rauf, es ist urgemütlich“, sagen die Gäste aus Mannheim. Am Nachbartisch loben die Gäste aus Wangen ebenfalls das Alpteam. „Gemütlich und urig, es gefällt uns“.

Lucas, der im Winter die Pistenrbully fährt, ist mit seiner Freundin Stefanie und Söhnchen Niklas schon der Alpchef und somit die nächste Generation auf der Alpe. “Es ist schön, mit der älteren Generation zusammenzuarbeiten“, sagt Stefanie. „Wir wollen das weiterführen, was unsere Eltern aufgebaut haben“, erklärt Lucas.

Alpabtrieb ist voraussichtlich Mitte September

Wenn der Alpsommer gut über die Bühne geht und die Tiere wohlbehalten an die Bauern übergeben können, ist natürlich immer ein Herzenswunsch der Älpler. Martina und Raimund Tschofen sind sehr zufrieden und hoffen, dass sie auch den 100. Alpsommer und noch viele weitere hier oben erleben werden. „Von mir aus“, wünscht sich Raimund Tschofen, könnte der Winter nur zwei Tage dauern, und dann gleich wieder Alpsommer übergeben“. Dass sie im Frühling schon wieder das Kribbeln in den Gliedern haben, ist schon nachvollziehbar. „Einen Sommer ohne Alpe Verbella können wir uns nicht vorstellen”, da sind sich alle einig. EST

 

Zur Person:

Raimund Tschofen

Jahrgang 1955

Beruf: Forstarbeiter, Schlosser, Älpler

Familie: Verheiratet mit Martina, vier Kinder, neun Enkel (eine Stube voll Enkel)

Wohnort: Gortipohl

Lieblingsessen: Brösel, von Martina gemacht

Motto: „es git nüt, was net got“

Zur Person:

Martina Tschofen

Jahrgang 1959

Familie: verheiratet mit Raimund

Wohnort: Gortipohl

Lieblingsküche: Brösel

Beruf: Hausfrau, Familie, Älplerin

Motto: „es git nüt, was net got“

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