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"Allzeit, überall und immer nur Hardcore funktioniert nicht"

©Wann & Wo
Noch nie gab es so viel Sex in den Medien – und trotzdem ist der Frust in den Schlafzimmern oft groß. W&W sprach mit Sexualberaterin Bettina Schwung aus Feldkirch über Porno-Lügen und "Back to the roots".     

Von Anja Förtsch/Wann & Wo

WANN & WO: Wie „ghörig“ geht es in Vorarlbergs Betten wirklich zu?

Bettina Schwung: Ich bin davon überzeugt, in Vorarlberg gibt es nichts, was es nicht gibt. (lacht) Aber diese Vielfalt ist versteckt, man muss ein Insider sein, um diese Geschichten zu hören. Beim Angeben und Zahlen nennen sind viele laut. Aber wenn es um die ganze Bandbreite der Sexualität geht, wird es still. Ich habe das Gefühl, wir sind besonders durch die Medien regelrecht übersexualisiert, aber das Feintuning fehlt vollkommen. Es gibt leider kaum ehrlichen Austausch, nicht in Frauengruppen und erst Recht nicht in Männergruppen. Kaum jemand wird seinem besten Freund erzählen, dass es im Bett gerade nicht so läuft, dass er oder sie gerade nicht will oder kann. Weil das Thema Sexualität immer so ein bisschen Penislängenvergleich ist.

WANN & WO: Aber trotzdem redet man unter Freunden schon mal über Sex, mit dem eigenen Partner fällt das aber schwerer. Warum?

Bettina Schwung: Die Freunde kennt man in der Regel schon viel länger, als den Partner. Und natürlich betrifft es sie nicht direkt. Das macht es einfacher als meinem Partner selbst zu sagen: Das gefällt mir nicht, das passt mir nicht oder das mag ich gar nicht probieren. Denn dabei gibt es ja immer die Angst, den anderen zu verärgern oder gar zu verlieren, weil man ihn zurückweist. Diese Angst erlebe ich auch in der Beratung häufig. Aber sowohl mit Freunden, als auch mit dem Parnter: Es wäre gut, wenn mehr ehrlich über Sexualität gesprochen würde. Wir könnten so viel von einander lernen.

WANN & WO: Du hattest bereits gesagt, die Medien seien übersexualisiert. Tatsächlich ist das Internet voll von Porno, im ganz normalen TV läuft Werbung für Sextoys… und trotzdem fehlt die Offenheit in der Gesellschaft. Wie erklärst du dir diese Diskrepanz?

Bettina Schwung: Man muss sich anschauen, was da in den Medien dargestellt wird: Allzeit, überall und immer nur Hardcore. In den Medien wird selten kuscheln propagiert. Nur Penetration in jeglicher Form, aber nie Sinnliches, Feines und Liebevolles. Aber genau das fehlt uns, um unser Bedürfnis nach Nähe zu stillen: eine gute Art von Berührung.

WANN & WO: Denkst du, dass die Medien in der Hinsicht auch einen gewissen Leistungsdruck ausüben?

Bettina Schwung: Absolut! Bei meiner Aufklärungsarbeit an Schulen bekomme ich mit, wie schon Jugendliche beeinflusst werden. Pornos sind oft Vorbilder und Wegweiser fürs Erste Mal. Dabei werden die Darsteller anhand der akkuratesten Vulva und des größten Penis gecastet. Dadurch zementiert sich in den Köpfen: Bei mir stimmt was nicht oder ich bin nicht richtig, wenn ich nicht so aussehe. Auch Erwachsene sind oft von Pornos negativ beeinflusst. Sie sind unzufrieden, weil es daheim nicht aussieht und zugeht wie im Film. Tut es aber nie. Und das fängt schon beim Ausziehen an: Wenn man versucht, sich für den Partner erotisch zu entkleiden, sieht es spätestens bei der Hose scheiße aus. (lacht)

WANN & WO: Was sagst du zu Studien wie: „Österreicher haben so und so oft Sex pro Woche“?

Bettina Schwung: Finde ich total schrecklich. Denn solche Zahlen machen vielen einen unheimlichen Druck. Und es gibt eben Menschen, die ein halbes oder ein ganzes Jahr keinen Sex haben. Und das, obwohl sie in einer Beziehung sind, die völlig in Ordnung ist. Durch diese Studien wird transportiert: Man muss Lust auf Sex haben. Aber das stimmt nicht, es ist völlig normal, nicht ständig Lust zu haben.

WANN & WO: Wie kann man diesen Leistungsdruck überwinden?

Bettina Schwung: Ich sage immer: Back to the roots. Es gibt eine kindliche Sexualität, die überhaupt nichts mit einer erwachsenen Sexualität zu tun hat. Dabei berühren sich Kinder selbst und schauen, wo es fein ist. Das haben wir Erwachsenen unterwegs verloren: das spielerische Erkunden an uns selbst, daran, was uns gefällt. Zu diesem Kundschaften müssen wir zurück. Aber ohne Druck, wir müssen dabei nichts erreichen. Und das sollten wir in der weiteren Folge dann mit dem Partner tun. Nicht einfach nur das Mechanische: Ich greif dir an die Brust, ich greif dir an die Vulva, ich greif dir an den Penis. Sondern: Hallo, da ist noch viel mehr am ganzen Körper, das auch total spannend ist. Wir sollten keine Performances abliefern und Einstudiertes aufführen, sondern einfach entspannen, sich hingeben und mit allen Sinnen dabei sein.

WANN & WO: Neuerdings boomt auch der Markt für Sextoys, Anbieter sehen dabei nicht mehr aus wie olle, schmuddelige Kataloge, sondern präsentieren sich jung, hip und vor allem ihre Produkte als etwas Alltägliches, das in jedes Schlafzimmer gehört. Ist das wirklich so oder droht auch da Überforderung?

Bettina Schwung: Ein gutes Beispiel sind da die Adventkalender, die überall beworben wurden: Erstens kann ich mit der Hälfte, die da drin ist, nichts anfangen. Und zweitens spüre ich jeden Tag schon die Überforderung und Angst davor, was morgen wieder drin ist. Meistens kauft ja einer den Kalender für den anderen, weil er sich eben etwas davon erwartet...

WANN & WO: ... und der andere denkt sich: Oh Gott, jetzt muss ich 24 Tage lang abliefern.

Bettina Schwung: Ja genau! (lacht) Ich halte davon nicht viel. Da empfehle ich eher einen Besuch in einem guten Sexshop, in dem ich auch eine passende Beratung bekomme. Außerdem biete ich bei mir in der Praxis auch ein Toy-Coaching an. Denn richtig eingesetzt, können die der Sexualität schon auf die Sprünge helfen. Und diese gerade im reiferen Alter vereinfachen. 

WANN & WO: Du sprichst damit Sex im hohen Alter an, in unserer Gesellschaft zumindest medial ein Tabuthema.

Bettina Schwung: Ja warum nicht denen, die nur noch wenig zu Körperkontakt und Körpersensationen kommen, noch etwas Spaß ermöglichen? Sexualität hört ja nicht bei einer gewissen Altersgrenze auf. Man könnte so viel Gutes tun, wenn man Berührerinnen oder Sexualbegleiterinnen beschäftigen würde, auch für Menschen mit Beeinträchtigungen. Es ist oft auch gar nicht so, dass die sexuell stimuliert werden wollen. Oft wünschen sie sich bloß ein Streicheln, das Gefühl von Haut auf Haut. Woanders gibt es das längst, in Vorarlberg sieht es aber schlecht aus.

WANN & WO: In der Hinsicht ist die Gesellschaft wohl noch verklemmt. Andererseits probieren gerade Jüngere immer häufiger Polyamorie, also offene Beziehungen mit mehreren Partnern. Kann das aus deiner Sicht funktionieren?

Bettina Schwung: Ich denke, das hängt von dem jeweiligen Menschen ab. Es wird aber mit mehreren Partner auf jeden Fall nicht einfacher. (lacht) Das fängt schon bei Fragen an wie: Mit wem verbringe ich meinen Geburtstag? Mit beiden? Oder nur mit einem? Und fühlt sich der andere da nicht zurückgewiesen? Ich kenne in der Praxis auch nur wenige Polyamore, für die es funktioniert. Ich denke, es ist viel möglich, wenn man im Austausch bleibt, aber es ist nicht einfach.

WANN & WO: Mit der Queer-Bewegung kamen bislang eher unbekannte Orientierungen auf: Sapiosexualität etwa, die Anziehung aufgrund des Intellekts. War so etwas davor schon Thema?

Bettina Schwung: Diese Vorlieben gab es schon und ich finde es schön, dass die jetzt Namen bekommen haben – auch wenn ich als Sexualberaterin selbst manchmal nicht hinterherkomme und nachschlagen muss. (lacht) Ich frage mich aber, für wen es wichtig ist, so genau zu wissen, welches Label passt. Viele verwirrt das, weil sie sich in eine Schublade einsortieren wollen, aber keine passende finden. Ich würde sagen: Ich liebe Menschen. Das schließt alle ein.

WANN & WO: Verkomplizieren wir Sexualität also?

Bettina Schwung: Wir haben immer den Anspruch, dass Lust natürlich und spontan ist. Das ist sie aber meist nicht. Ich bin deshalb ein Freund von Paarabenden, an denen Sex passieren kann, aber nicht muss. Wenn ich etwa ein Problem damit habe, ungeduscht Sex zu haben, kann ich mich an so einem Paarabend entsprechend vorbereiten und gehe so entspannter an die Sache heran. So blöd das klingt, aber das macht es schon mal einfacher. Wenn wir ein etwas störanfälliges Sexualleben haben, dann kann ich durch Vorbereitung an so einem Abend verschiedene Störfaktoren schon im Vorfeld eliminieren.

WANN & WO: Zum Abschluss die Frage aller Fragen: Was macht guten Sex aus?

Bettina Schwung: Ich glaube, mit dieser Frage allein könnte man ein ganzes WANN & WO füllen. (lacht) Aber wenn ich es kurz zusammenfassen sollte, würde ich sagen: Zwei oder mehr machen etwas, das alle wollen, an einem Safe Space, an dem sich alle sicher fühlen und achtsam und präsent sind.

Kurz gefragt

Sex ist für mich... das Sahnehäubchen auf dem Eisbecher. 

Ohne Sex... hätte ich keine Kinder.

Pannen im Bett... dürfen und müssen sein. 

Was im Schlafzimmer gar nicht geht, ist... das Bild der Schwiegermutter überm Bett. (lacht)

An alle LeserInnen… Es muss nichts so bleiben wie es ist. Veränderung und Entwicklung sind auch in der Sexualität ein Lebenlang möglich.

Zur Person: Bettina Schwung

Alter, Familienstand: 42 Jahre, in einer Partnerschaft, zwei Kinder (11 und 20 Jahre)
Praxis: Liebes Leben, Rheinstraße 3, Feldkirch
Ausbildung: Entspannungstrainerin (Akademie für Neuromentaltraining), Psychologische Beraterin (Institut für Systemische Weiterbildung), Sexualpädagogin FH, 2014 Transaktionsanalytische Beratung im Arbeitsfeld Sexualberatung nach Sexocorporel

(WANN & WO)

Die gesamte Ausgabe der Wann & Wo lesen Sie hier.

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