Benjamin Fischer: Der Vorarlberger, der auszog, um Krieg zu führen

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Benjamin Fischer erzählt von Fronteinsatz.
Benjamin Fischer erzählt von Fronteinsatz. - © Youtube/Kurierat
Benjamin Fischer stammt aus einem Dorf im Kleinwalsertal. Von dort aus zog er in den Krieg: In die Ukraine, nach Syrien, in den Irak. Seine Gegner waren der IS – und Russland.

“Molon Labe”: Diese Worte hat sich Benjamin Fischer auf seinen rechten Unterarm tätowieren lassen. “Kommt und holt sie” lautet die deutsche Übersetzung aus dem Altgriechischen. König Leonidas soll dies gesagt haben, als die Perser die Waffen der zahlenmäßig heillos unterlegenen Griechen vor der Schlacht bei den Termophylen forderten. Schlachten hat auch Fischer geschlagen, wie der “Kurier” nun berichtet: Die Zeitung hat sich mit dem Vorarlberger über seine Kampfeinsätze unterhalten. In Syrien. Im Irak. Und in der Ukraine. Mit seinen gerade 24 Jahren hat er die gefährlichsten Kriegsschauplätze der Gegenwart gesehen. Nicht als Beobachter, nicht als Berichterstatter – auch nicht als Zivilist: Sondern als Kämpfer an vorderster Front. Freiwillig.

Via Facebook an die Front

Zu Beginn hat nicht viel auf seine spätere “Karriere” hingewiesen. Fischer geht normal zur Schule, seine Mutter hat hohe Ansprüche an den Buben. Er lernt Geige, ist bei der freiwilligen Feuerwehr, später beginnt er eine Skilehrerausbildung und fängt mit dem Skispringen an. Irgendwann hat er keine Lust mehr, die in ihn gesteckten Erwartungen zu erfüllen. Seine Noten werden schlechter. Ihm ist nicht nach einem bürgerlichen Leben.

Erst später im Heer flammt sein Ehrgeiz wieder auf. Am Wochenende bleibt er als einziger in der Kaserne, packt seinen Rucksack, und ging samt Schutzmaske laufen. Schließlich meldet er sich für den KFOR-Einsatz im Kosovo. Doch den empfindet er als langweilig: Jedesmal wenn es “ernst” wurde seien die Franzosen geschickt worden, und nicht die Österreicher, erzählt er dem “Kurier”. Er quittierte seinen Dienst beim Heer. Er verdingte sich als Schiffsecurity in Mogadischu, versuchte bei der französischen Fremdenlegion anzuheuern – allerdings erfolglos. Schließlich landete er in Wien, arbeitete dort als Security. Dort sei er auf die “schiefe Bahn” geraten. Fischer beschließt, die Stadt zu verlassen. Und Soldat zu werden. Über Facebook-Kontakte gelangt der damals 19-Jährige nach Kiew – und von dort direkt an die Front. In der Ukraine tobt zu der Zeit ein blutiger Bürgerkrieg, nachdem Putin-Treue Ostprovinzen von Kiew abzufallen drohen.

An der Front – Fischer schlägt sich auf die Seite der Ukrainer – habe das pure Chaos geherrscht, wie er dem “Kurier” erzählt. Der Alkoholkonsum hätte viele Soldaten regelrecht zerstört. Fischer sieht Kameraden russisches Roulette spielen. Andere hätten sich betrunken in Feindfeuer begeben, weil ihnen ihr Leben egal war. Den Kampf dort beschreibt er als Stellungskrieg. Ein- bis dreimal sei pro Tag aufeinander geschossen worden, den Auftakt habe jeweils die Seite gemacht, der “zuerst fad war oder die zuerst besoffen” gewesen sei.

Kampf gegen den IS

Ihm wird erneut langweilig: Die Fronten erstarren nach dem Waffenstillstand von Minsk. Schließlich entschließt er sich dorthin zu gehen wo der Kampf tobt: Nach Syrien. Dort schloss er sich der kurdischen YPG an, um gegen den IS zu kämpfen. Zwar entspricht der Kampf gegen den IS mehr seinen Vorstellungen. Allerdings wird die Religiosität seiner kurdischen Kampfgefährten bald zum Problem für ihn. So hätten die Kurden etwa mitten im Kampf Gebetspausen eingelegt, wie der Koran dies vorschreibe. Die IS-Krieger hätten allerdings weitergekämpft. Außerdem hätten die Kurden versucht, ihn zu “kurdisieren”, wie er sagt. Der Vorarlberger geht in den Irak, und schließt sich dort den wiederum kurdischen Peschmerga an. Auch dort gab es bald Probleme, Amerikaner wiesen die Peschmerga Kommandanten an, die Europäer und Amerikaner von der Front abzuziehen. Zurück in Österreich erhält er einen Anruf eines ehemaligen Heereskameraden, der gerade auf dem Weg in die Ukraine, an die Front ist. Er überlegt nicht lange, und zieht abermals in den Krieg. Sein vierter Kriegseinsatz – mit 22 Jahren. Warum? Warum riskiert er nochmals getötet zu werden? Fischer: “Wo der Tod ist, ist alles viel lebendiger”.

Er verbringt über einenhalb Jahre an der Front. Der Kleinwalsertaler wird Anführer einer kleinen Einheit, die aus drei Amerikanern und einem weiteren Österreicher besteht – “Force Pluto” nennen sie sich, eingegliedert in den “Rechten Sektor”. Aus der Zeit stammen Fotos, die zeigen, wie Fischer tote Soldaten hinter sich herzieht. In einem anderen Video sitzt er auf einem Pickup – auf der Ladefläche sind Tote.

“Reden wir da vom selben?”

Über eine Einrichtung für Österreicher in Not im Ausland gelangt er wieder nach Österreich zurück. Die Rückkehr in seine Vorarlberger Heimat allerdings gestaltete sich schwierig: Fischer wirkte als Fremdkörper, er wird von vielen Menschen gemieden. Im Dorf, in welchem er aufwuchs, gehen Gerüchte um, es würde ein Video existieren das zeige, wie er jemandem den Kopf abschneide. Einer, der auszog um Krieg zu führen in einem Tourismusdorf: Eine Belastungsprobe für beide Seiten, wie der “Kurier” erzählt. Nur mit einem Freund könne er normal reden, dieser sei der einzige, der ihn nicht schief anschaue. Sein Freund habe anfangs nicht glauben können, dass Benjamin in den Krieg ziehe. Seine Schwester, die mit Benjamin in die Klasse gegangen sei, habe ihm davon erzählt. Er habe nur geantwortet: “Unser Benji? Reden wir da vom selben?”

Rechtliche Konsequenzen hat Fischer keine zu befürchten. Weder bei der YPG noch bei den Peschmerga noch dem “Rechten Sektor” habe es sich um terroristische Vereinigungen gehandelt, wie ein Experte gegenüber dem “Kurier” erklärt. Selbst wenn er im Kampf getötet hätte, wäre das als Notwehr einzustufen. Auch die Staatsbürgerschaft könne ihm nicht entzogen werden: Zwar bestehe grundsätzlich die Möglichkeit, wenn man für die Armee eines anderen Staates kämpft. Einen solchen haben die Kurden aber nicht einmal. Und auch von der Ukraine hat er keine Staatsbürgerschaft erhalten. Konsequenzen würden ihm nur drohen, wenn er sich an Kriegsverbrechen beteiligt hätte. Dass er psychische Schäden davongetragen habe glaubt er nicht, so Fischer zum “Kurier”: “Ich kann ja nicht zuerst auf Facebook von der Front posten und dann nachher herumsudern.“

Fischer blieb übrigens nach seiner Rückkehr nur wenige Wochen in seinem Heimatdorf: Mittlerweile hütet er Ziegen irgendwo in der Schweiz.

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