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Zypern - Aphrodites Schutzbefohlene

&copy Cyprus Tourism Organisation o. Fremdenverkehrszentrale Zypern
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Der weißhaarige Mann im dunkelbraunen Sakko beugt sich leicht vor, schiebt sein von der Sonne gegerbtes Gesicht in Richtung Plexiglasscheibe, spitzt die Lippen und drückt einen Kuss auf die Scheibe, mit der eine Ikone geschützt wird.

Die Szene in der zyprischen Klosterkirche ist für die Einheimischen alltäglich. Denn die Ikonenverehrung ist ein wichtiges Element im griechisch-orthodoxen Glauben, dem die Mehrheit der Bewohner Südzyperns angehört. Die Kirchen sind auf Zypern sonntags gut gefüllt, die Parkplätze vor den Klöstern der Mittelmeerinsel mit zahlreichen Bussen belegt, die nicht Touristen, sondern Wallfahrer befördern. Das Kloster Ayios Neophytos ist so ein Wallfahrtsort. Der Gründer des Klosters, Mönch Neophytos, war 1159 auf dem Weg ins Heilige Land, um ein asketisches Leben in völliger Abgeschiedenheit zu beginnen. Er scheiterte bereits im Hafen von Paphos, wo ihm sein Geld für die Überfahrt gestohlen wurde.

Seinen Eremiten-Traum wollte er dennoch verwirklichen und fand zehn Kilometer nordwestlich der Hafenstadt einen Berghang mit Naturhöhlen. Diese vergrößerte er zu einer Engkleistra, einer Einsiedelei, mit Kirche und Zelle. An den Wänden der niedrigen und engen Höhlen sind heute noch die farbenfrohen Fresken aus dem 12. Jahrhundert zu sehen. Ein Leben in diesen winzigen Löchern im Berg ist nur schwer vorstellbar. Neophytos muss es mit der Einsamkeit wirklich ernst gemeint haben. Selbst sein Bett meißelte er wie eine Mulde in die Felswand. Mönch Neophytos geriet allerdings nicht in Vergessenheit, so wie er sich das gewünscht hatte: Er wurde zum Priester geweiht, erste Novizen kamen und mit ihnen viele Besucher.

Die acht Mönche, die heute im Klosterkomplex mit Internatsschule und Museum am Fuße des Höhlenberges wohnen, fühlen sich keineswegs von den Besuchern gestört. Auch sie bauen: neue Gästezimmer. Wer für eine Nacht ein Bett braucht, kann kostenlos in einer Zelle schlafen. Und Neophytos lässt man auch heute nicht in Ruhe: Sein Schädel steht, in Silber gefasst, in der mit Fresken aus dem 16. Jahrhundert bemalten Klosterkirche. Zum Küssen.

Noch intensiver als die Religion erlebt der Urlauber die Geschichte auf Zypern – aber auch die ist immer mit Göttern und Mythen verknüpft. Man kommt kaum umhin, sich auf den Spuren von Aphrodite, Apollo, Adonis und etlicher anderer Gottheiten zu bewegen. Selbst die niedrige Scheidungsrate (0, 6 Prozent) wird der Liebesgöttin zugesprochen.Schwer zu sagen, wo die Sagen und Legenden aufhören und die Geschichte Zyperns beginnt.In den Mosaiken der Mittelmeerinsel vermischen sich Geschichte und griechische Götterwelt am deutlichsten. Die schönsten Bilder wurden in der römischen Stadt Kourion, der größten Ausgrabungsstätte Zyperns, und am Hafen von Paphos gefunden. Beide Stätten sind von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt worden.

Gegen Ende des vierten Jahrhunderts vor Christus wurde die Stadt Nea Paphos gegründet. Die ungefähre Lage der alten Stadt kannte man, als 1962 ein Bauer beim Umpflügen seines Feldes Teile eines antiken Bodenmosaiks entdeckte. Die folgenden Ausgrabungen ließen die Überreste einer römischen Residenz sichtbar werden, der einzigen auf Zypern. Gut ein Viertel der 2000 Quadratmeter großen Grundfläche des Hauses sind mit den zumeist gut erhaltenen Mosaiken bedeckt. Geometrische Muster, Bilder des Alltagslebens und Szenen aus der griechischen Mythologie sind mit Hilfe von schwarzen und weißen Kieselsteinen oder aus Glasstücken zusammengesetzt. Dionysos, der Gott des Weines, ist auffallend oft abgebildet. Daher auch der Name des Artiums: Haus des Dionysos. Möglicherweise war der Besitzer ein Weinhändler. Dass er zu den Neureichen der Insel gehörte, erkennt man an dem farbigen Pfauenmosaik neben der Eingangstür.

Die archäologischen Arbeiten auf dem Gelände brachten weitere Häuser mit erhaltenen Mosaiken, zwei Kastelle, ein Theater und eine Basilika ans Tageslicht. Die Ausgrabungsstätten liegen wie in einem Park angelegt beieinander, und man kann sie eine nach der anderen bequem ablaufen. Die früher bedeutende Hafenstadt, die mehrmals durch Erdbeben zerstört wurde, hatte bereits eine Kanalisation. Ein Stück Zivilisation, das die Einwohner des heutigen Paphos erst in diesen Monaten wieder erhalten. Der Tourismus hat die kleine Stadt erst in den 80er Jahren erreicht, umfasste aber sehr schnell europäisches Niveau. Ganz im Gegensatz zu den sonstigen Lebensmotto der Zyprer: syga – langsam.

Dieses Motto vergessen die Inselbewohner, sobald sie im Auto sitzen. Die kurvenreichen Straßen durch die hügelige Landschaft werden zu Geraden, wenn die Zyprer den Gang einlegen. Die Orangenhaine, Anemonenpflanzen und Ginsterbüsche in den weiten Ebenen verschwimmen mit den Gräsern und Kalkfelsen zu einem vorbeirauschenden beige-grünen Hintergrund mit orangefarbenen, gelben und blauen Tupfern. Ohne Auto ist die Inseltour zwischen Geschichte und Gegenwart aber kaum durchzuführen. Busse fahren nur zwischen den größeren Städten, Fahrrad fahren wäre im Sommer auf Grund der Hitze purer Selbstmord – da bleibt nur noch das Mietauto oder die Alternative: Badeurlaub ohne Heiligtümer, Mosaike und Klöster.

All zu große Sorgen muss man sich als Mietwagen-Tourist aber nicht machen. Denn für die roten Kaninchen bremsen alle. Die Mietautos sind schon von weitem an ihren roten Nummernschildern zu erkennen. Und da wird dann auch ein zyprischer Fahrer syga, denn die Touristen sind den Inselbewohnern fast so heilig wie ihre Ikonen. Das liegt nicht nur daran, dass die zwei Millionen Urlauber im Jahr den wichtigsten Industriezweig am Leben halten und die Insel innerhalb einer Generation ins postindustrielle Zeitalter katapultiert haben. Gastfreundlich waren die Zyprer – so die Sage – schon zu Aphrodites Zeiten, und das lassen sie sich ebenso wenig nehmen wie ihre Götterwelt.

Weitere Auskünfte: Fremdenverkehrszentrale Zypern, Kaiserstraße 50, 60329 Frankfurt/Main, Telefon: 069/251919, www.cyprustourism.org 

Swantje Dake

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