Zwischen Trauer und Hoffnung: Die Kinder des Genozids in Ruanda

iele schwangere Frauen haben die Kinder abgetrieben, ausgesetzt oder getötet.
iele schwangere Frauen haben die Kinder abgetrieben, ausgesetzt oder getötet. ©AP
Im April 1994 begann in Ruanda ein Völkermord, dem bis zu eine Million Tutsi und gemäßigte Hutu zum Opfer fielen. Bis heute sitzt das Trauma des Völkermordes tief und spaltet die ruandische Gesellschaft.

Mit traurigem Blick blättert Jean d’Amour Kubwimana durch einige persönliche Dokumente. Sein Blick bleibt auf dem Personalausweis haften. “Vater: Faustine Mbonyinshuti” steht dort geschrieben. Aber der 20-jährige Ruandese hat den Namen erfunden, denn er weiß nicht, von wem er gezeugt wurde.

Kubwimanas Mutter wurde während des Völkermordes in dem ostafrikanischen Land im Jahr 1994 gleich von mehreren Männern vergewaltigt. Von einem der Hutus wurde sie schwanger. “Von Anfang an war die Welt gegen mich”, sagt der junge Mann.

Denn die Mutter Rosette Uwizeyimana war unfähig, das Baby als ihren Sohn anzunehmen, zu groß war die Schande der Vergewaltigung, zu unerträglich die Erinnerung an das Geschehene. “Ich habe ihn so sehr gehasst”, sagt sie. “Ich wollte keinen Sohn eines Hutus in meinem Haus haben, ich wollte keinen Sohn eines Kriminellen.”

In einer Woche sechst Familienangehörige verloren

Uwizeyimana gehört der Volksgruppe der Tutsis an. In nur einer Woche verlor die heute 35-Jährige während des Genozids sechs enge Familienangehörige, darunter ihre Mutter, ihre Großmutter und mehrere Geschwister. Alle wurden mit Macheten erschlagen.

Als ihr Sohn drei Jahre alt war, wurde der psychologische Druck zu groß und die Mutter tat einen drastischen Schritt: Sie setzte den Buben aus. Aber eine Nachbarin fand das Kind und versuchte Uwizeyimana davon zu überzeugen, ihn wieder aufzunehmen – vergeblich. Also wurde der kleine Jean d’Amour von der Nachbarin aufgezogen, bis zu seinem 17. Lebensjahr. “Erst dann habe ich verstanden, dass das alles nicht seine Schuld war”, erzählt die Mutter.

Während des dreimonatigen Blutrauschs, dem 800 000 Tutsis und moderate Hutus zum Opfer fielen, setzten die mit barbarischer Mordlust durch die Straßen ziehenden Milizen Vergewaltigungen gezielt als Waffe ein. Wie viele Frauen und Mädchen betroffen waren, ist unklar. Schätzungen der Nationalen Kommission für den Kampf gegen Genozid zufolge waren es zwischen 100.000 und 250.000. Rund 25.000 Kinder sollen aus sexuellem Missbrauch hervorgegangen sein.

Babys wurden abgetrieben, ausgesetzt oder getötet

“Viele schwangere Tutsi-Frauen haben die Kinder abgetrieben, andere haben ihre Babys ausgesetzt oder sie getötet”, sagt Odette Kayirere von der Vereinigung der überlebenden Witwen des Genozids in Ruanda (Avega), die auch Vergewaltigungsopfer unterstützt. Viele der verantwortlichen Männer sind mittlerweile tot oder sie sind noch immer im Gefängnis.

Obwohl Mutter und Sohn sich mittlerweile ausgesöhnt haben und zusammenleben, bleibt das Verhältnis gespannt. Aber sie wollen die Vergangenheit hinter sich lassen, immerhin seien viele Jahre seit dem Völkermord vergangen, erklären sie.

Ausgrenzung und Stigmatisierung

Dennoch muss Kubwimana weiterhin mit Ausgrenzung und Stigmatisierung kämpfen. “Selbst wenn ich etwas Gutes tue, denken die Leute immer noch, ich sei ein Krimineller, so wie mein Vater”, meint der schlanke, hochgewachsene Mann. Hinzu komme bei manchen ein starkes Schuldgefühl, obwohl sie selbst nie ein Verbrechen begangen hätten, sagt der Psychologe Jean Damascene Iyamuremye vom “Rwanda Biomedical Centre”. Es sei ganz wichtig für die jungen Menschen, psychologisch behandelt zu werden, um das Trauma der eigenen Geburt irgendwann zu verarbeiten.

Hat Kubwimana die Hoffnung, irgendwann Glück zu empfinden? Er schaut weg, weiß nicht, was er antworten soll. “Ich hatte ja keine Wahl im Leben”, sagt er. “Aber ich bin froh darüber, mit meiner Mutter nun ein neues Leben zu beginnen.”

(dpa)

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