Zufall half bei einer Ideengeburt

Unternehmerin Lea Sophie Cramer gründete Amorelie und beschäftigt sich heute mit dem Gründerinnenmangel.

Lea Sophie Cramer (33) hat es mit der Gründung von Amorelie, dem Onlinehändler für Sexspielzeug, geschafft, eine ganze Branche aus der Schmuddelecke zu holen. Die gebürtige Berlinerin ist überzeugt davon, dass das female empowerment, dass Frauen sich beruflich und privat ausleben können, Einfluss auf das Wachstum der Branche hat. Zum Thema Gründer und Frauen wird sie an ihren Geheimnissen und Ideen am Internationalen Wirtschaftsforum am 12. November in Bregenz teilhaben lassen.

Der „Vater“ der Startup-Idee von Lea Marie Cramer ist Herr Zufall: Sie las das Buch „50 Shades of Grey“, eine Erotiktriologie aus den Jahren 2010/11. „Ich habe das im stillen Kämmerlein gelesen. Auf einer Bahnfahrt von München nach Berlin sah ich dann bestimmt 15 Leute, die das Buch ganz ungeniert gelesen haben. Da habe ich gemerkt, der Bestseller ist massentauglich. Als ich mich auf die Suche nach den Toys aus dem Buch gemacht habe, konnte ich keinen schönen Shop finden“, berichtete die junge Frau in einem Interview. „Wenn es nichts gibt, dann musst du es eben selber machen“, habe sie sich gedacht. Der Sexshop sollte jedoch „entstaubt“ werden, Online sein und Frauen und Paare ansprechen. Sie begeisterte ihren Freund Sebastian Pollok für diese Idee. Pollok war gerade aus Silicon Valley zurückgekommen, wo er für einen Risikokapitalgeber gearbeitet hatte. Er wollte auch etwas Eigenes machen und so ging er mit an Bord.

Polarisierende Gründungsidee

Mit ihrem „Lifestyle-Start-up im Bereich Liebesleben“ war das Duo dann schnell Stadtgespräch. Familie und Bekanntenkreis begegneten der Idee mit gemischten Gefühlen. Amorelie erregt eben die Gemüter, polarisiert das Berliner Startup seit dem Start 2012. Kein Wunder: Nicht jeder Mensch fühlt sich wohl, wenn offen über Sex, Orgasmen oder Dildos gesprochen wird.

Spannende Frau

Dafür hätten sich Investoren unerwartet offen gezeigt: „Meist gab es bei den Meetings auf Investorenseite einen kleinen Moment der Schockstarre. Doch wenig später dachten die allermeisten sich: Ja, das macht schon Sinn,“ erzählte Cramer, die sich heute in der Gründerszene engagiert, in Start-Ups investiert und diese mit Expertisen unterstützt. Dafür gründete sie 2014 zusammen mit anderen Business Angels die Starstrike Ventures GmbH, um ihre Gründungserfahrung weiterzugeben. Als Mitglied des Verwaltungsrats bei Conrad Electronics verbindet sie seit 2014 und bis heute die Expertise der New- and Old-Economy. Mit ihrer Initiative #growdiverseboards setzt sie sich für mehr Diversität in Aufsichtsräten ein.

Sie liebt es, immer wieder ins kalte Wasser zu springen. „Ich liebe kaltes Wasser“, zumindest metaphorisch gesehen. Die metaphorische kalte Dusche verpasste sich Cramer neben dem Einstieg bei Conrad bereits einige Male: Kurz nach dem BWL-Studium an der Universität Mannheim bot Oliver Samwer, Vorstandschef des börsennotierten Beteiligungsunternehmens und Start-up-Inkubators Rocket Internet, ihr etwa die Position der Vice President International bei Groupon an. Cramer leitete drei Jahre lang elf asiatische Märkte, darunter Taiwan, Indonesien und Singapur, und war dabei für über 1000 Mitarbeiter zuständig.

Lea-Sophie Cramer wurde vom Bundeswirtschaftsministerium als „Vorbild-Unternehmerin“ ausgezeichnet und in die Capital „40 unter 40“ und Forbes „30 unter 30“ als führende Jung-Unternehmerin in Europa gewählt.

Glücksbringer Delfin

Begonnen hat alles mit einem Delfin. Der „Mini Dolphin“-Vibrator war das erste Produkt, welches auf amorelie.de über die Theke ging. Zuerst offline und in niedrigen Stückzahlen im Einzelhandel eingekauft, stellte man die Produkte später auf die Website. E-Commerce war in diesem Bereich noch nicht etabliert. Der Weg war gut, denn Amorelie, das sich selbst als „moderner Onlineshop für stilvolle Erotikprodukte“ positioniert, präsentierte vier Jahre nach der Gründung und drei Jahre nach dem Start erstmals ein positives Jahresergebnis. „Insbesondere die gestiegene Absatzmenge und die Weiterentwicklung der Qualität eigener Produkte und Produktsets haben maßgeblich zu dem positiven Ergebnis beigetragen“, hieß es im Jahresabschluss. Mit Produkten wie „Womanizer“, „Kink-Seduction“ und „Rabbit Soraya“ erzielte Amorelie schnell Umsätze im zweistelligen Millionenbereich.

Meilenstein: Kooperation

Zügig erkannten Pollok und Cramer auch, was charakteristisch für Amorelie werden könnte – und bis heute auch ist: individuelle Boxen für verschiedene Anlässe und Bedürfnisse. „Wir sind an die Sache herangegangen, als wären wir selbst Kunden. Fakt ist, dass die meisten Menschen die Ware und den Umfang nicht kennen. Was ist ein Penisring? Was ist ein Paarvibrator? Was unterscheidet einen Dildo von einem Vibrator? Die meisten wollen einfach etwas für ihr Liebesleben tun und Neues ausprobieren. Dafür haben wir unsere Boxen entwickelt.“ Verschiedenste Modelle stehen da zur Auswahl. Durch dieses Produkt ergab sich ein weiterer Meilenstein: die Kooperation mit Douglas.

Neulandsuche

Ende 2019 gab Lea-Sophie Cramer den Chefposten ab. Mitgründer Sebastian Pollok hat schon 2018 seine Anteile abgegeben und Amorelie wegen des Drangs nach Neuland verlassen. Das deutsche Medienhaus Prosiebensat.1 hatte bereits 2015 die Mehrheit des Onlineshops und stockte Anfang 2018 von 75 auf schließlich 98 Prozent von Amorelie auf. Die verbleibenden zwei Prozent der Anteile an der Sextoyschmiede hält Cramer.

Zu ihrer Auszeit im Jahr 2020 sagte die studierte Betriebswirtschaftlerin: „Wir haben Amorelie fünf Jahre lang aufgebaut, dann ein Jahr lang umgebaut, jetzt haben wir Amorelie 2.0 – wir sind nach China und Skandinavien expandiert und haben eine neue Toy-Marke gestartet. Damit sind wir wieder ganz stark nach vorne gerichtet. Das ist ein guter Ausblick für meine Nachfolgerin, die die Firma nun auf das nächste Level heben kann.“ Und auch private Gründe nennt sie: Vor vier Jahren habe sie ihr erstes Kind bekommen, vor zwei Jahren dann das zweite. „Ich möchte mich jetzt stärker um mich selbst und meine Familie kümmern. Und nach sieben Jahren habe ich außerdem jede Idee und jeden Gedanken schon mal gehabt. Zumindest fühlt es sich so an.“

Genug andere Aufgaben und Verpflichtungen hat die Unternehmerin ohnedies. Unter anderem beschäftigt Lea Sophie Cramer der Gründerinnen-Mangel. Vorbilder und Netzwerke seien dabei besonders wichtig. So seien die Pitches von Gründerinnen oft noch schlechter als die Präsentationen von Männern: „Die Männer fragen einen Gründer, der es schon geschafft hat. Dann verändern sie die Logik, Stringenz und das Ambitionsniveau des Pitches komplett, und schon sieht es besser aus. Das machen Frauen seltener“, sagte die Unternehmerin in einem Gespräch mit der FAZ. Die Firma Amorelie habe gezielt nach Frauen für die Führungsmannschaft gesucht. Das sei anstrengend, weil man Frauen noch schwieriger finde. „Aber das müssen wir auf uns nehmen, wenn wir wollen, dass sich für unsere Kinder etwas ändert, damit die wirklich wissen, dass ihr Traumjob auch Gründerin sein kann.

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