Worauf beim ersten TV-Duell Trump-Biden zu achten ist

Biden und Trump messen sich vor Millionenpublikum
Biden und Trump messen sich vor Millionenpublikum ©AP
Der Schlagabtausch vor einem TV-Millionen-Publikum trägt erheblich dazu bei, ob ein Bewerber in der Gunst der Wähler steigt - oder fällt.

Genau fünf Wochen vor der US-Präsidentenwahl liefern sich Amtsinhaber Donald Trump und sein Herausforderer Joe Biden in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch (3 Uhr, MESZ) das erste von drei TV-Duellen. Für beide Kandidaten steht viel auf dem Spiel, denn wie frühere Wahlen gezeigt haben, kann der Schlagabtausch vor einem Millionen-Publikum an den Fernsehschirmen erheblich dazu beitragen, ob ein Bewerber seine Chancen auf einen Wahlsieg verbessert - oder verschlechtert.

Moderiert wird die Debatte vom Fernsehjournalisten Chris Wallace. Der 72-Jährige steht aktuell für den Trump-freundlichen Sender Fox News vor der Kamera, war aber zuvor lange bei NBC und ABC im Einsatz. Sein Ziel sei, so "unsichtbar wie möglich zu sein", sagte Wallace am Sonntag. Er wolle die Kandidaten dazu bringen, über die zentralen Themen zu diskutieren - "damit die Leute zuhause ein Gefühl dafür bekommen, warum sie für einen von ihnen stimmen wollen".

Es folgen einige Punkte, auf die bei der live ausgetragenen, auf 90 Minuten angesetzten Debatte in Cleveland zu achten sein wird.

CORONAVIRUS

Bei der Debatte dürfte die Coronavirus-Pandemie im Mittelpunkt stehen, insbesondere die Reaktion von Trump darauf. Mehr als 200 000 Menschen in den USA sind mit dem Virus gestorben. Trump hat seinen Umgang mit dem Ausbruch verteidigt.

Trump und seine Unterstützer haben aber regelmäßig die Analyse von Experten zur Schwere der Pandemie abgetan. In einem neuen Buch des bekannten Journalisten Bob Woodward wurde enthüllt, dass Trump im März zugegeben hat, den Ernst des Virus absichtlich herunterspielen zu wollen.

WAHLNIEDERLAGE

Ein zentrales Thema könnte die Frage werden, ob Trump zusagt, im Falle einer Niederlage den Wahlausgang zu akzeptieren und einen friedlichen Machtübergang in Washington zu ermöglichen. Er selbst hat eine solche eindeutige Zusicherung bisher abgelehnt mit der Begründung, dass Wahlbetrug nicht auszuschließen sei, wenn die Amerikaner aus Angst vor einer Corona-Ansteckung verstärkt die Möglichkeit zur Briefwahl nutzen. Belege für diese Behauptung hat Trump nicht geliefert. Experten sehen kein erhöhtes Wahlfälschungsrisiko.

OBERSTER GERICHTSHOF

Ein Konfliktfeld könnte auch Trumps kürzliche Nominierung von Amy Coney Barrett für den vakanten Richterposten am Obersten Gerichtshof werden. Der Präsident will mit der Entscheidung seinen Rückhalt bei den christlich-konservativen Wählern stärken, bei denen Barrett hohes Ansehen genießt. Biden dürfte davor warnen, dass mit ihrer Berufung das konservative Übergewicht im Supreme Court auf Jahre hinweg zementiert würde und das Aus drohe für hart erkämpfte Errungenschaften wie die allgemeine Krankenversicherung und das Recht auf Abtreibung.

STEUERN

Neu aufgeflammt ist zudem die Kontroverse um Trumps Steuern. Laut "New York Times" hat Trump über Jahre hinweg keine oder nur sehr wenige Steuern gezahlt. Der Präsident hat das als völlige "fake news" abgetan.

Wenige Stunden vor dem ersten TV-Duell im US-Präsidialwahlkampf hat der demokratische Herausforderer Joe Biden die Kontroverse über die Finanzen von Amtsinhaber Donald Trump befeuert. Biden und seine Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin, Kamala Harris, veröffentlichten am Dienstag ihre Steuererklärungen für 2019. Das Wahlkampf-Team der Demokraten forderte Trump auf, mit der eigenen Erklärung nachzuziehen.

Aus der Erklärung von Joe Biden und seiner Ehefrau Jill geht hervor, dass sie für das vergangene Jahr mehr als 346.000 Dollar (296.486,72 Euro) an Steuern und andere Zahlungen an den Bund abgeführt haben. Das gemeinsame Jahreseinkommen betrug demnach fast 985.000 Dollar (844.044,56 Euro). Die Bidens beantragten eine Rückzahlung von fast 47.000 Dollar, die sie nach ihrer Darstellung zu viel bezahlt hätten.

Biden hat häufig seine Kindheit in der Arbeiterschicht hervorgehoben. Er hat die Wahl als Kampagne "zwischen Scranton und Park Avenue" beschrieben. Damit verweist er auf seine alte Heimatstadt in Pennsylvania und Trumps Leben als Geschäftsmann in Manhattan. Diese Darstellung dürfte Biden bei der Debatte betonen, nachdem die Zeitung "The New York Times" berichtet hatte, dass Trump 2016 und 2017 nur jeweils 750 Dollar an Bundeseinkommensteuern gezahlt habe und in anderen Jahren gar nichts. Mit seiner Attacke will Biden die Unterstützung für Trump bei weißen Wählern der Arbeiterschaft schwächen.

BIDENS MOMENT

Für Biden bietet die Debatte Gelegenheit, sich einem breiten Publikum noch einmal neu vorzustellen. Wegen der Pandemie hielt er sich mit öffentlichen Auftritten in den vergangenen Monaten weitgehend zurück. Auch Interviews gab er nur wenige. Dadurch konnte er den Fokus auf Trump halten und dessen Amtsführung. Bei dem Duell wird es nun aber drauf ankommen, dass er seine eigene Agenda präsentiert - und dabei verbale Pannen wie Versprecher und Verwechselungen vermeidet, die ihm im Laufe seiner langen politischen Karriere immer wieder passierten und auf die Trump wiederholt abhob.

Derzeit liegt Biden in landesweiten Umfragen vor Trump. Ein starkes Abschneiden beim TV-Duell könnte ihn weiter in Führung bringen, ein schwacher Auftritt das Rennen auf den Kopf stellen.

DEUTUNGSHOHEIT

Konfrontiert mit der Corona-Statistik zu Infektionen und Todesfällen oder den Unruhen im Zusammenhang mit der Debatte über Rassismus und Polizeigewalt dürfte Trump wie so oft die Schuld so ziemlich jedem zuschieben, nur nicht sich selbst. Biden wird versuchen, dem Publikum klar zu machen, dass Trump derjenige ist, der den Hut aufhat.

Meinungsforscher wie John Geer von der Vanderbilt University sind besonders gespannt, wie Trump auf unbequeme Fragen reagiert - nicht nur von Biden, sondern auch vom Moderator des Abends, Chris Wallace von Fox News.

DIE WAHRHEITS-FRAGE

Trump hat nicht zuletzt bei seinen jüngsten Wahlkampfauftritten gezeigt, dass er zahlreiche Unwahrheiten loslassen kann. Dazu gehören Behauptungen, der US-Konjunktur sei es so gut wie nie gegangen bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie oder dass das Virus weitgehend verschwunden sei.

Biden könnte hier als eine Art Echtzeit-Faktenchecker dazwischengehen. Doch Beobachter warnen davor, dies zu beharrlich zu tun, da er sonst rasch als Besserwisser rüberkommen könnte. "Man muss sich auf seine eigene Agenda konzentrieren", sagt Debatten-Experte Aaron Kall von der University of Michigan.

SCHLAMMSCHLACHT

Trump ist bekannt dafür, auch direkt und beleidigend gegen Kontrahenten auszuteilen und diesen ins Wort zu fallen. Mehrfach hat er Bidens geistige Fitness infragegestellt - und sein Wahlkampfstab wird genau darauf achten, ob der 77-Jährige etwa durch Unsicherheiten oder zögerliche Antworten Vorlagen liefert, die sich anschließend in Online-Videos ausschlachten lassen. Experte Geer rät dazu, Lügen beim Namen zu nennen, auf persönliche Angriffe aber nicht einzugehen. Biden müsse weiterhin präsidial auftreten, "auch wenn etwas Schmutz auf seinem Sakko ist".

Foto: MANDEL NGAN and JIM WATSON / AFP

Internationale Pressestimmen zum US-Wahlkampf

Internationale Tageszeitungen kommentieren am Dienstag die Steuerzahlungen von US-Präsident Trump und den Wahlkampf in den USA wie folgt:

"Tages-Anzeiger" (Zürich):

"Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten alle denkbaren Tricks anwendet, um weniger Steuern zu bezahlen als die Secret-Service-Beamten, die ihn beschützen, als die Sekretärinnen, Köche, Diener und Gärtner im Weißen Haus, ganz zu schweigen von den einfachen Arbeitern draußen im Land, als deren Fürsprecher Trump sich ständig geriert, dann ist das einfach unanständig. Man könnte es auch asozial nennen.

Aber das ist eigentlich nichts Neues. Donald Trump ist das öffentliche Wohl völlig egal. Die Allgemeinheit, der Staat, die Gesellschaft, all das schert ihn einen Dreck. Für ihn ist nur wichtig, dass er persönlich seinen Schnitt macht. Wenn er das schafft, dann hält er sich für clever. Die Rechnung bezahlen am Ende die "kleinen Leute". Man sollte nicht erwarten, dass diese Enthüllungen den Wahlkampf wesentlich beeinflussen werden. Trumps Anhänger lieben ihn, obwohl er so ist, wie er ist. Seine Gegner verachten ihn, weil er so ist, wie er ist."

"Neue Zürcher Zeitung":

"Seit seinem Amtsantritt vor bald vier Jahren stiegen seine Zustimmungswerte nie über 47 Prozent, sie sanken aber auch nie unter 37 Prozent. In diese Zeitspanne fielen Hinweise auf eine offenkundige Günstlingswirtschaft, zahllose vulgäre Beschimpfungen aller Gegner, eine erratische Außenpolitik, notorische Lügen und ein Impeachment wegen Machtmissbrauchs. Durch die Corona-Pandemie mit der ersten echten Krise konfrontiert, versagte der Präsident. Während das Virus in den USA über 200.000 Menschenleben forderte, war Trump 25-mal auf einem Golfplatz und einmal in einem Spital.

Allein in diesem Monat wurde bekannt, dass der Präsident amerikanische Kriegsgefallene als Versager und Idioten bezeichnet haben soll. Die Empörung ging rasch unter, als der Erfolgsautor Bob Woodward öffentlich machte, dass Trump von Anfang an um die Gefährlichkeit des Coronavirus wusste, dieses aber bewusst verharmloste. Nichts hat seinen Wiederwahlchancen einen entscheidenden Dämpfer versetzt. Im Strudel der stetigen Skandale geht der einzelne unter. Wen interessiert da, ob Trump Steuern zahlt?"

"Dagens Nyheter" (Stockholm):

"Trump ist ein Könner darin, seine Steuern wegzuzaubern. Es ist an der Zeit, an ein bedenkliches Muster Ärgernis erregenden Verhaltens zu erinnern. Das Gefühl, das einen überkommt, ist allzu bekannt: Dass ein amerikanischer Präsident keine Steuern zahlt, klingt skandalös, aber Donald Trump hat sich ja wohl schon alle möglichen Übertritte geleistet, nicht? Wir haben uns daran gewöhnt.

Trumps Kernwähler sollten einen Betrüger und Scharlatan in ihm sehen, der sich auf Kosten des gewöhnlichen Volkes bereichert. Stattdessen sehen viele eindeutig einen Mann in ihm, der gegen das System gewinnt. Hinzu kommt der Normalisierungseffekt. Die Skandale rund um Trump sind so viele geworden, dass es nur wenige schaffen, sie im Blick zu behalten. So vermeidet er es auch, zur Rechenschaft gezogen zu werden."

"De Telegraaf" (Amsterdam):

"Schmälert die Veröffentlichung Trumps Chancen auf eine Wiederwahl? Ein K.O. ist sie nicht, eher ein unangenehmer Schlag. Bereits seit vier Jahren behauptet Trump, alle negativen Nachrichten über ihn seien "gefälscht" und würden von Medien verbreitet, die gegen ihn sind. Und die Steuerbehörden würden ihn seit Jahren schlecht behandeln. Seine überzeugten Anhänger glauben fest daran.

Die Gruppe der Wechselwähler, die einen Unterschied machen könnten, ist nicht so groß. Wichtig ist die Frage, was sie tun werden, woran sie glauben und ob sie dafür zur Wahl gehen werden. Dass Trump wenig vom Zahlen von Steuern hält, wurde bereits in den Debatten mit Hillary Clinton deutlich. Als er der Steuerhinterziehung beschuldigt wurde, sagte Trump: "Das ist schlau, nicht wahr?"

"Corriere della Sera" (Rom):

"Ein Präsident, der das Schutzschild der Macht nicht verlieren kann. Und deshalb zu verzweifelten Manövern bereit ist. Der finale Endspurt des Wahlkampfs in den USA beginnt, und der Kampf der Erzählungen explodiert in einem politischen Klima, das immer dramatischer wird. Und das nicht nur durch die Drohungen des Präsidenten, das Weiße Haus nicht zu verlassen und die Wahl im Falle einer Niederlage nicht zu akzeptieren, sondern auch durch das Auftauchen neuer Elemente, die seine Zukunft als Unternehmer und auch als Bürger gefährden könnten, wenn er das Schutzschild der Macht verlieren sollte. Ein Präsident, der es sich nicht erlauben kann, am 3. November zu verlieren."

(APA)

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