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Wo Schweizer Atommüll wartet

Würenlingen (VN) - VN-Lokalaugenschein: Im „Zwilag“ kühlen Reaktorkerne ab und warten auf eine endgültige Unterkunft. In Würenlingen wird der Schweizer Nuklearabfall aufbewahrt.
Schweizer Atommülllager
"Gegen Atom"-Formular

Wenn die Castor-Transporte in Richtung Gorleben rollen, sind Demonstrationen vorprogrammiert. Tausende Aktivisten, beim letzten Mal auch Schafe und Ziegen, blockieren die Straße ins atomare Zwischenlager. In der Schweiz ist das anders. Wenn die tonnenschweren Behälter mit Brennstäben per Zug im Bahnhof Siggenthal ankommen und für die letzten Meter auf Lkw umgeladen werden, bleibt die Reaktorstraße in Würenlingen frei.

Die Termine der Atommüll-Transporte werden geheim gehalten. Aus Sicherheitsgründen, wie Bundesrätin Doris Leuthard zuletzt Mitte März betonte. In Würenlingen wird Schweizer Nuklearabfall aufbewahrt. So lange, bis ein Endlager gebaut sein wird. Frühestens 2030 wird das der Fall sein. Fast liebevoll nennt man das Zwischenlager hier „Zwilag“. Den wartendenAtommüll kann jeder nach Voranmeldung besuchen, genauso wie die Beznauer Reaktoren nebenan. Beides trennt nur eine Flussschleife der Aare.

Infozentrum mit AKW-Blick

Betrieben werden beide vom Energiekonzern Axpo. Dieser hat oberhalb der Aare, mit Blick auf die Beznauer Reaktoren, ein Besucherzentrum für AKW-Interessierte eröffnet: Das Axporama. „Die Entwicklung neuer Reaktoren wird weltweit vorangetrieben“, erfährt man hier. „Die problemlose Lagerung des Kernbrennstoffs macht Kernkraftwerke zu einem krisensicheren und wirtschaftlichen Standbein der Stromversorgung“, ist in großen Lettern auf den Schautafeln zu lesen. Wo diese problemlose Lagerung dauerhaft stattfinden soll, steht hier nicht. Die Niederösterreicherin Gudrun Thomsen führt durch die interaktive Ausstellung. Sie ging gerade in die Schule, als sich Österreich gegen das AKW Zwentendorf aussprach. „Man denkt um“, spricht sie sich für Atomkraft aus. Ins Axporama kommen jährlich rund 20.000 Besucher. „Auch Vorarlberger Schulklassen waren da“, erzählt Thomsen. Eine Gruppe Koreaner war gerade auf Besuch, auch Japaner seien treue Gäste. „Aber jetzt haben sie die Reisen natürlich abgesagt“, meint sie.

Das Axporama ist der Ausgangspunkt für alle kostenlosen Atom-Touren, etwa den Besuch im nahe gelegenen „Zwilag“. Nur wer seinen Pass mitbringt, wird eingelassen. Der Atommüll kommt nicht nur aus AKW, sondern auch aus Medizin und Forschung. Leicht bis hoch radioaktive Abfälle landen hier, vom Gummihandschuh aus der Krankenhausradiologie bis zum nuklearen Brennstab. Nach einem Film über das Zwischenlager werden Besucher in die Garderobe geführt. Weiße Kittel und weiße Überschuhe stehen bereit. Axpo-Mitarbeiterin Daniela Colombo wappnet sich zudem mit einem Dosimeter, das die Strahlendosis während des Aufenthalts misst. Colombo stemmt sich gegen die schwere Tür der Schleuse, durch die man in den Kern des Zwischenlagers kommt.

Das „Zwilag“ ist oberirdisch. Die langen Gänge sind in Pastellfarben gestrichen. Mintgrün, blassblau. „Eine Innenarchitektin hat die Farben ausgewählt“, spricht Colombo über die positive Wirkung auf Mitarbeiter. Ein paar Räume weiter wird leicht verstrahltes Material per Lkw angeliefert. „Vorsicht, Strahlung“, steht auf einem gelben Schild an der Wand. Auf Rollbahnen werden die Fässer anschließend, wie am Flughafen auf dem Gepäckband, durch das Gebäude gesteuert. Leicht- und mittelradioaktives Material wird im weltweit einzigen Plasmaofen bei bis zu 1500 Grad Celsius geschmolzen, mit Glas vermischt und wieder in Fässer zur Lagerung gefüllt. Das Volumen wird reduziert, die Radioaktivität nicht.

„Heiße Zelle“

Am Ende des Ganges können Besucher durch Glasscheiben spähen. Auf der einen Seite liegt die „Heiße Zelle“. Behälter mit Brennstäben werden überprüft, Dichtungen ausgewechselt. Auf der anderen Seite erstreckt sich eine riesige Lagerhalle. Darin stehen 35 meterhohe Behälter, pro Stück bis zu 150 Tonnen schwer, in denen hochradioaktive Brennstäbe schlummern. 200 hätten Platz. Auf den Behältern wurde ein Sicherheitsdeckel angebracht, darauf ein zweiter Schutz platziert: ein sogenannter Flugzeugabsturzdeckel. Die Lagerhalle selbst könne derartigen Unfällen nicht standhalten.

Hier endet der Rundgang. Am Ausgang wird kontrolliert, ob sich die Strahlung einer Person erhöht hat. Negativ. Colombo zeigt auf das Display des Dosimeters, das immer noch bei null steht. Durch einen idyllischen Wald verlassen Besucher das Atommülllager, fahren vorbei an der „Gedenkstätte Flugzeugabsturz“. 1970 stürzte ein Swissair-Flugzeug nach einem Bombenanschlag in den Wald, genau zwischen der Reaktorstraße und der Alten Reaktorstraße.

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