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„Wo lebst du eigentlich?“

© Darko Todorovic
Irmgard Kramer ist Autorin. Sie schreibt Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene und ist vor gut einem Jahr aus dem Bregenzerwald nach Wien gezogen. In diesem Text schildert sie Alltagsbeobachtungen und entdeckt Unterschiede zwischen West und Ost, zwischen Stadt und Land, zwischen altem und neuem Zuhause.

Beim FAQ Bregenzerwald wird sie am 4. September im Rahmen eines Workshops Einblick in das kreative Schreiben geben und wichtige Tipps & Tricks mit den TeilnehmerInnen teilen.

In meinem fünfzigsten Lebensjahr verkaufe ich meine Haushälfte im Bregenzerwald, ziehe nach Hernals, lade Freunde ein und habe gleich ein Problem: Wie bitte, kommen die Wiener zu ihrem Bier? Bisher fuhr ich mit dem Auto ins KDW (Anm.: Kaufhaus der Wälder) und lud ein, was ging. Jetzt trage ich das Bier flaschenweise vom Billa nach Hause. Ich kaufe einen Trolley, den im Wald nur Menschen benützen die etwas zum Festhalten brauchen – Wiener schieben und ziehen ganz unglaubliche Einkaufsvehikel.

„Hasta la Mista, Baby?“

Ich gewöhne mir das Mülltrennen ab, stopfe alles in eine der vielen Tonnen. Am Land stinken Müllsäcke in Garagen und jeder kompostiert. In Bizau pflegt ein Bauer seinen gut gelagerten Schafmist mit der gleichen Hingabe wie ein Burgenländer seinen Cuvée Reserve. Alle paar Wochen kam die Müllabfuhr (mal berg-, mal talseitig) und ich schleppte saftende Säcke (mal Plastik-, mal Restmüll) hinunter zur Straße. Für den Wiener Müll ist die MA 48 zuständig. Die Müllmänner sind Helden und die Sprüche auf Mistkübeln ein Erlebnis: „Host an Tschick?“, „Yes, we clean.“. Ich kaufe eine Wurmkiste und kompostiere indoor. Leider vergeigt mein Postler die Lieferung – die Würmer sind tot bis die Kiste kommt. Mein Postler schaut aus wie Beethoven, bringt die falsche oder keine Post, hat viele Probleme und trinkt gern Kaffee bei mir. Meine Postlerin im Wald kam mit dem Auto, ließ den Motor laufen, warf die Post raus und blieb nie zum Kaffee.

Schwarz verlängert

In Wien gehen die Alten ins Kaffee. Im Wald gehen die Alten ins Heim. Während die Wälder „alldra“ sind, chillen die Wiener im Türkenschanzpark, mit Freunden, bisschen Gitarrespielen, bisschen slacklinen, bisschen was rauchen. In Wien ist alles ein bissi wurschter.

Wurst und Döner

Im Prater fällt Regen auf duftende Kastanien. Am Brüggele in Alberschwende riecht es anders – das fehlt mir. Den Gestank in der U6 verbieten sie mit Humor: „Alle Fahrgäste machen die U-Bahn schöner, nur nicht Rudi, der isst Döner.“ Sonst reden sie in der Straßenbahn eher über Theaterpremieren, während sie im Wälderbus eher in Phrasen reden: „Do ka ma nünt macha. Arbat hian i gnuag. Mir leaband scho in am schöana Ländle.“ Sie kaufen E-Bikes. Das halte ich für einen Fehler, aber die CD ist auch wieder verschwunden. Ich strample durch die Stadt – anspruchsvoll, aber geil. Bertl repariert mein Rad. Sein Budget erlaubt täglich zwei weiße Spritzer im Lokal Nuss, wo ich über jeden Stammgast einen Roman schreiben könnte. Besoffen diskutieren sie über Kant und ich fühle mich dumm. In Alberschwende treffen sich die Philosophen im Saufcontainer, der ist himmelblau und verrostet, aber dort können sie rauchen, seit man es ihnen am Stammtisch verboten hat.

Himmel über Wien

Kommt Schnee? Wann kommt Schnee? Wie lange bleibt der Schnee? Früher war mir das Wetter wichtig. Ich sah, wie es sich hinter dem Bodensee zusammenbraute und über den weiten Himmel heranrollte. Der Himmel über der Stadt ist kleiner. Sogar an den Wind gewöhne ich mich, nur an den Gürtel (Anm. mehrspurige, laute Hauptverkehrsroute) und an Gratiszeitungen gewöhne ich mich nicht, aber ob es schneit, ist mir wurscht, und im Sommer arbeite ich im Lesesaal der Nationalbibliothek – klimatisierte Konzentration auf einem Haufen. In der Uni höre ich mir Vorlesungen an; Studenten sind höflich und pünktlich. Sie können gleichzeitig über komplexe Inhalte diskutieren und auf Zalando Schuhe bestellen.

Wälder in der Stadt

In jedem Mietshaus wohnt eine „Depperte“. In jedem Dorf wohnt eine „Soachtäscha“. Ich mag Wälder, die schon Jahrzehnte in Wien leben und wälderisch wienern. Der Filmausstatter Tommy Vögel zeigt mir sein gigantisches Lager am Nordbahnhof – Särge, Krücken und Toaster aus jedem verdammten Jahrzehnt. Am Kutschkermarkt kaufe ich Bergkäse bei Anton Sutterlüty, der im Sommer auf der Alp sennt und unter dem Stephansdom in einem Keller den Käse pflegt. Am Brunnenmarkt treffe ich den Künstler Götz Bury. Er trat im Bahnhof Andelsbuch auf, und das Publikum war verstört. Er tritt im Augustiner Lesesaal auf und das Publikum ist außer sich vor Begeisterung.

Mehr Infos zum vielfältigen und spannenden Programm des FAQ Bregenzerwald gibt es unter: www.faq-bregenzerwald.com

Buchtipp: Anfang September erscheint Irmgard Kramers neuestes Buch „Liebe ist die beste Köchin“ im Piper Verlag. Es geht um die wilden Weiber vom Gasthaus Lamm – so nennen die eigenwilligen DorfbewohnerInnen die Frauen der Familie Lehner. Johanna, die achtunddreißigjährige Köchin, hat es nicht leicht mit ihren vier durchgeknallten Tanten und ihrer Mutter, die trotz Demenz in der Küche mithelfen will. Und als dann noch ein Buchhändler auftaucht und Johanna den Kopf verdreht, ist das Chaos komplett. hwww.irmgardkramer.at

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