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Wir sind widerlich, also bleiben wir

"Ich bin widerlich, also bin ich", hieß es bei Werner Schwab in Abwandlung eines bekannten philosophischen Standardsatzes. Das Thalia-Theater war es gestern Abend auch – und bleibt.

Die Partnerschaft zwischen den Bregenzer Festspielen und dem Hamburger Herzeigeensemble hat vorläufig Bestand, geändert hat sich nur die Spielstätte. Der Ruf zur „Shed 8“-Halle im Schoeller-Areal galt einmal nicht dem Theater Kosmos und möglichst neuen Werken, sondern einer deutschen Bühne und deren Beitrag zum Österreich-Schwerpunkt des Festivals.

Werner Schwab (1958–1994) hat das Theater quasi ausgezehrt. Es war die Zeit, in der man den Bürgerschreck nicht mehr mied, sondern nach ihm verlangte – das heißt, immer mehr und mehr Stücke. Der Autor, der sein Personal bei den Unterprivilegierten fand, gilt als ein Erneuerer des Volkstheaters. Neben all dem Bösen gibt es jenen menschlichen Blick, den etwa ein Horváth noch erlaubt, allerdings nicht mehr.

Stark im Verdrängen aber schwach im Kopf steigert sich die Selbstgefälligkeit seiner drei „Präsidentinnen“ ins Monströse. Es stellt sich also einzig und allein die Frage, ob dieser Schwab-Text, der damals fast immer und überall gespielt wurde, heute noch so „brennt“ wie einst.

Grausam ist da wenig

Regisseurin Isabel Osthues und die Ausstatterin Sigi Colpe haben ein probates Mittel parat. Man überhöht das Bild und das Spiel, um es dann jäh in die Realität plumpsen zu lassen. Das funktioniert vor der Wurstradltapete so lange es um die reine Komik geht, das geht daneben, wenn der Stoff beißen soll. Selbst wenn es Benedikt XVI. ist, der nun per TV den Segen erteilt oder wenn Erna und Grete den finalen Mord noch mit Kannibalen-Eifer garnieren, folgt man zwar Schwabs Intentionen und verspürt Ekel bis zur Halsoberkante, aber grausam ist da wenig. Und neu sowieso nicht.

Dabei spielt Victoria Trauttmansdorff diese bigotte Erna mit nachhaltiger Verbissenheit und Verena Reichhardt verschenkt bei Grete nichts an unterschwelliger Lust. Das Wegdriften ins Reich der Wünsche reicht bei beiden in jenen Fäkalbereich, der Schwab bekannt machte. Nur, dass er dort den schlimmen braunen Mief ortete, wo nun meist nur noch der Klo-Witz suppt.

Und da ist noch die Mariedl. Leila Abdullah gibt die Jeanne d‘Arc der Abort-Verstopfung als tänzerisch-schelmische Jungfrau. Das ist reizend, das ist spaßig bis zum bitteren Ende. Szenisch hat die Regie da das Rad der Zeit bis in die späten Achtzigerjahre zurückgedreht. Theaterblut statt Sekt.

Und Frömmlerei hat wieder was. Die Gefahren, die da allerdings lauern, bleiben außerhalb dieses „Präsidentinnen“-Wohnstuben-Kosmos. Hamburg hat den Festspielen endlich eine Premiere geliefert, den Schwab dabei allerdings kaum wiederentdeckt.

Weitere Aufführungen von Schwabs „Die Präsidentinnen“: 18. und 19. August, 20 Uhr, „Shed 8“, Bregenz, Schoeller-Areal. Dauer: eineinhalb Stunden

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