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"Wir schauen viel zu lange weg - Zivilcourage ist das Zauberwort"

Round Table zum Thema "Jugend & Gewalt", Kulturcafé Schlachthaus.
Round Table zum Thema "Jugend & Gewalt", Kulturcafé Schlachthaus. ©W&W
Beim WANN & WORound Table zum Thema „Jugend & Gewalt“ lieferten sich die Diskussionsteilnehmer vergangenen Freitag im Dornbirner Schlachthaus einen spannenden verbalen Schlagabtausch.
Round Table "Jugendliche und Gewalt"

WANN & WO nahm bei der ersten Auflage des Round Tables ein brisantes Thema zum Anlass, um gemeinsam ein Zeichen gegen Gewalt zu setzen. Das Gespräch eröffnete Christoph Steindl, der Ende Jänner in der Hohenemser Palastbar Opfer von Jugendgewalt wurde: „Eine Gruppe Jugendlicher attackierte den Barkeeper mit einem Messer. Ein Stammgast bekam ebenfalls einen Messerstich in seinen Oberschenkel. Als ich versuchte zu schlichten, brach man mir die Nase.“

Als Security kannte Christian Loitz die Thematik: „Was mich schockiert, ist die Haltung von anderen Jugendlichen, die dem Tun keinen Einhalt gebieten. Provokationen an der Tür gehören zum Alltag. Die Art der Attacken wird aber immer härter.“ Daniel Heinzle von der Polizeiinspektion Dornbirn sah zwar keinen generellen Anstieg an Gewalt, aber bestätigte, dass die Brutalität in den letzten 15 Jahren zugenommen hat: „Wenn früher bei einer Schlägerei jemand zu Boden ging, war der Kampf beendet. Heute wird auch nachgetreten. Dabei handelt es sich aber um Einzelfälle.“

Aus Sicht der Frauen bezog Johanna Berktold, OJA Dornbirn, Stellung: „Mädchen sind eher verbal gewalttätig. Als Jugendarbeiter zeigen wir, wie man Konflikte lösen kann.“ Konfliktregler Winfried Ender (Neustart): „Menschen, die zu uns kommen, sind meist Verurteilte. Wir versuchen in der Bewährungshilfe den Klienten zur Einsicht zu bringen. zur Einsicht zu bringen. Es gibt keinen belegten Anstieg der Brutalität. Die Zahl der Anzeigen ist sicherlich gestiegen. Die Jugendkriminalität ist aber nicht gewachsen.

In allen Kulturen durch die Zeit verursachen rund 5 bis 10 Prozent junger Menschen 60 Prozent der Straftaten.“ Dr. Martin Hagen, OJA Dornbirn, hakte bei Winfried Ender ein: „Der Einzelfall, der Christoph widerfahren ist, muss aufs Schärfste verurteilt werden. Alkohol, welche Gewaltneigungen verstärkt, ist ebenfalls ein Thema.“

Alkohol spiele eine tragende Rolle, führte Arno Dalpra, Gewaltberatungsstelle IfS, fort: „Täter suchen oft nach Ausreden – auch Alkohol muss oft herhalten. Das darf aber nicht als Entschuldigung für sein Tun gelten. Ich möchte vor allem Christoph gratulieren, der sich als Mann quasi ‚outet‘, eine auf die Nase bekommen zu haben. 60 Prozent der Gewalt-Opfer sind männlich.“

Christoph fand vor allem die Art und Weise, wie der jugendliche Täter seine Verurteilung hingenommen hat, schockierend. „Das Urteil wurde quasi wie ein Freispruch gefeiert. Seine Kollegen haben sogar applaudiert.“ Moderator Philipp Mück stellte im Anschluss an Daniel Heinzle die Frage, wie viele Informationen über Straftaten von der Polizei eigentlich an die Medien weitergegeben würden. „Es wird nicht alles an die Presse übermittelt, sonst wären die Zeitungen jeden Tag voll. Natürlich hat die Öffentlichkeit aber das Anrecht, über aufsehenerregende Delikte informiert zu werden“, so Heinzle.

Auf die Frage nach Gewaltprävention äußerte sich Thomas Hagen, Aggressionstrainer beim Verein „Blieb Fair“: „Bei den ‚Kampfesspielen‘ haben wir ein Konzept aus Deutschland übernommen. Wir versuchen, im Spiel, im Spaß, in der Kraft, den ‚inneren Schiedsrichter‘ zu wecken. Dabei gelten aber strikte Regeln.“

Sport könne man also als ein Art Ventil betrachten, worauf sich aus dem Publikum mehrere Vertreter des Boxvereins Dornbirn meldeten, u. a. Staatsmeister Yasin Kilic: „Ich boxe seit drei Jahren. Auf Stress habe ich keinen Bock. Das Risiko, sich bei einem Kampf auf der Straße zu verletzen, ist für mich als Sportler untragbar.“

Winfried Ender würde es begrüßen, wenn mehrere Jugendliche ihre Aggression in Sport ummünzen würden, beharrte aber auf die Individualität: „Kriminalität und Gewalt sind genauso individuell, wie die Menschen unterschiedlich sind. In Österreich gibt es auch ein Umdenken in der klassischen Bewährungshilfe. Man sucht nach Möglichkeiten, dem Betroffenen direkt in seinem Umfeld zu helfen. Ich halte nichts von Zwangsverordnungen“.

Ähnlich sah das Ali, ebenfalls von der OJA Dornbirn: „Ich arbeite als mobiler Jugendarbeiter. Jeder Mensch muss sein individuelles Ventil finden, um seine Emotionen oder Aggressionen zu verarbeiten.“

Arno Dalpra forderte Reaktionen, auch von Seiten der Medien: „Gewalt darf nicht begrüßt werden. Ich hätte mir damals bei der Berichterstattung über die Verhandlung im Fall von Christoph ein Kommentar von Seiten der Medien gewünscht, der dieses Verhalten aufs Schärfste verurteilt.“

Ähnlich sah dies Winfried Ender: „Die Medien sind ein Geschäft und bedienen verschiedene Triebe wie Voyeurismus, Rache, usw. Ein öffentlicher Fernsehsender hat ohne Nachrichten beispielsweise rund 48 Tote pro Tag im Unterhaltungsprogramm.“

Ender führte die Diskussion auch auf die politische Ebene: „Eine gute Sozialpolitik ist gleichzusetzen mit einer guten Kriminalpolitik. Arbeit ist ein Grundbedürfnis – und da stehen wir alle in der Pflicht.“

Gewaltopfer Christoph stellte im Anschluss die Frage, was mit denjenigen passiert, die „durch den Rost“ fallen und was ein Täter mit hohem Gewaltpotenzial erfüllen müsse, um wieder auf freien Fuß zu kommen.

Winfried Ender dazu: „Es kommt immer auf die Tat an. Natürlich greifen verschiedene Therapien. Es stellt sich die Frage, was die Alternative ist, wenn man den Täter über längere Zeit wegsperren würde? Bei der Bewährungshilfe haben wir eine Rückfallquote von 30 Prozent.“

Arno Dalpra hakte wiederum ein: „Es gibt Personen, die das System ausreizen. Wir brauchen ein zeitnahes System, um zu reagieren – bevor die Mühlen der Justiz mahlen.“

Dalpra pochte auf die Allgemeinheit: „Jeder hat seine Erfahrung mit Gewalt, Trauer, Beklemmung. Bewältigung gehört zum Erwachsenwerden. Wer dies nicht schafft, kompensiert dies oft mit Gewalt und wird gefährlich.“ Zum Abschluss äußerten sich die Teilnehmer wie folgt: Arno Dalpra forderte Interaktion: „Man soll zwar nicht direkt in einen Konflikt eingreifen, aber man muss Impulse setzen. Rufen, Hupen, Position beziehen und Leute darauf aufmerksam machen! Gewalt ist nicht cool, Gewalt tut weh!“

Daniel Heinzle sah Lösungen in der Prävention: „Wir gehen an Schulen und informieren die Schüler über Konsequenzen. Einmischen und den Helden spielen ist keine gute Idee – für das sind wir zuständig.“

Christoph ging mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit: „Wenn euch Gewalt angetan wird, meldet euch. Wichtig ist, darüber zu sprechen und nicht zu schweigen. Wir schauen schon viel zu lange weg – Zivilcourage ist das Zauberwort.“

Dr. Martin Hagen sah dies ähnlich: „Gewalt muss nicht erduldet werden, über Gewalt muss gesprochen werden. Jugendliche brauchen aber auch Freiräume, die wir ihnen als Erwachsene schaffen und erhalten müssen!“

Winfried Ender schloss mit folgendem Statement: „Perspektiven sind wichtig. Am Thema Jugendgewalt muss drangeblieben werden, auch in Form von solchen Veranstaltungen. Wir verachten die Tat, aber nicht den Täter!“

„Jugendliche ernst nehmen“

Johanna Berktold brachte noch einen interessanten Einwurf in puncto Gewalt und Coolness: „Jugendliche betrachten Messer nicht als cool, sondern fühlen sich sicher damit. Das sollte uns alle zum Nachdenken bringen. Wir als Erwachsene müssen den Jugendlichen mit mehr Respekt entgegentreten.“

Thomas Hagen führte Johannas Argument aus: „Wir müssen uns gerade als Erwachsene an der Nase nehmen und die Jugendlichen als ernstzunehmende, im Leben stehende Personen akzeptieren.“

Daniel Heinzle: „Wir haben in Dornbirn knapp 9000 Jugendliche – davon ist nur ein minimaler Bruchteil gewalttätig. Unsere Arbeit besteht darin, die Jugend zu informieren, auch in Form von Prävention. Die Situation könnte natürlich besser sein, aber da bleiben wir am Ball.“

Christian Loitz schloss mit folgendem Statement: „Ich arbeite selbst in einem sozialen Projekt. Ich sehe im täglichen Umgang, wie viel man mit respektvollem Auftreten erreichen kann, auch als Security.“ Arno Dalpra: „Jugendliche sind neugierig, im Aufbruch und brauchen Entwicklungsräume. Wieso brauchen junge Menschen Waffen, um sich sicherer zu fühlen? Man schlägt meist aus Ohnmacht und nicht aus der Kraft.“

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