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Willy Brandts Warschauer Kniefall: Er zeigte das andere Deutschland

Er hätte nur eine Kranzschleife zurecht zupfen müssen, aber er sank auf die Knie, verharrte vor dem Denkmal der Warschauer Ghetto-Kämpfer.

Der Besuch des deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt am 7. Dezember 1970 in Polen leitete nicht nur einen Wendepunkt der deutsch-polnischen Beziehungen ein. Der Warschauer Kniefall wurde zu einer Geste, die in Deutschland und in Polen Tausende berührte.

Schröder: “Uns stockte der Atem”

“Es war ein Moment, in dem uns der Atem stockte. Dieses Bild werde ich mein Leben lang vor Augen haben”, sagte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder 30 Jahre später, als er anlässlich des Jahrestages eingeladen wurde, im Warschauer Parlament zu sprechen.

Brandt hat “das Gewissen der Menschen berührt”

Unweit des Ghetto-Denkmals, vor dem Brandt im Dezember 1970 kniete, befindet sich heute der “Skwer Willyego Brandta”, wo ein Wandrelief an den Warschauer Kniefall erinnert. Brandt habe damals “erst das Gewissen der Menschen berührt und dann den politischen Prozess auf die Gleise gestellt”, so der Deutschlandexperte und Leiter des Instituts für Internationale Beziehungen, Janusz Reiter.

“Das war eine sehr schöne Geste”, sagt der polnische Historiker Krzysztof Ruchniewicz über Brandts Rolle für die deutsch-polnischen Beziehungen. “Aber so wichtig die Ostpolitik auch war, sollte Brandt nicht nur so zeitlich begrenzt gesehen werden.”

Ruchniewicz ist Direktor des Willy-Brandt-Zentrums an der Universität Breslau (Wroclaw), wo der 100. Geburtstag des Sozialdemokraten unter anderem mit einer wissenschaftlichen Konferenz gefeiert wird. Der 1967 geborene Historiker hat selbst keine bewusste Erinnerung an Brandts historischen Polen-Besuch im Dezember 1970, sieht Brandt aber als Wegbereiter deutsch-polnischer Normalisierung und Aussöhnung.

“Wir wissen heute, dass er während seiner Emigration in Schweden während des Zweiten Weltkriegs Kontakte und sehr lebendige Diskussionen mit polnischen Sozialdemokraten hatte”, sagt Ruchniewicz im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). “In diesen Gesprächen gab es bereits Überlegungen zur Zukunft Europas.”

Willy Brandt und das andere Deutschland

Bundeskanzler Brandt habe Polen ein anderes Gewicht eingeräumt. “Bis dahin hatte Polen in der deutschen Politik keine Rolle gespielt”, sagt Ruchniewicz. Der Bonner Blick sei nach Moskau gegangen. Erst Brandt habe als Regierungschef die Polen auf gleicher Augenhöhe betrachtet. “Er hat den Polen gezeigt, dass es ein anderes Deutschland gab – ein Deutschland, mit dem man reden konnte”, betont Ruchniewicz.

Kurz vor dem 100. Geburtstag Brandts bedauerte Ruchniewicz, dass Politiker mit einem vergleichbaren Charisma Seltenheitswert haben: “Heute gibt es keine Visionäre mehr, die ihre Ziele konsequent und verantwortlich verfolgen.” (dpa)

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