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"Was habe ich verbrochen?"

Zwischen Wundenlecken, Selbstironie und Systemanalyse: Österreichs Ski-Herren bleiben medaillenlos und planen die Zukunft.

Nach der zehnten Analyse und dem 15. Fernseh-Interview musste sich Österreichs Cheftrainer Toni Giger einmal kurz zur Seite drehen und Emotionen herauslassen. Doch aus Giger kamen keine Flüche, sondern ein kurzes Lächeln, wie es nur Menschen auskommen kann, die auch einen gewissen Hang zur Ironie pflegen. „Das ist schon unglaub- lich“, meinte er kofschüttelnd und in der Tat war es unglaublich, wie die Alpinbewerbe geendet haben. Wieder mit einem vierten und einem fünften Platz für Österreichs Herren und nur aus chronistischer Sorgfalt muss man anfügen: Es hat sich um den Slalom gehandelt, Benjamin Raich verfehlte Bronze um 0,05 Sekunden, Marcel Hirscher wurde Fünfter und Giovanni Razzoli hat Italien die einzige Goldmedaille bei diesen Spielen beschert. „Blech“ wurde zum ständigen Begleiter der österreichischen Ski-Herren bei diesen Spielen: Mario Scheiber belegte in der Abfahrt Rang vier, 0,12 Sekunden hinter Bronze. Marcel Hirscher fehlten im Riesentorlauf als Vierter 0,08 Sekunden auf Bronze und als Benjamin Raich im Slalom mit nur noch einem Läufer am Start auf Rang drei gelegen ist, da konnte man fast darauf wetten, dass die Serie weitergeht – und, jawohl, sie tat es. Eines hat man im ÖSV aber gelernt in diesen Wochen: mit Anstand und Größe verlieren. Giger wollte überhaupt nichts beschönigen, er stellte sich der Kritik und nahm sein Team davon nicht aus. „Wir suchen keine Ausreden, wir haben es selbst verbockt. Wir waren in allen Läufen mit Ausnahme des Super G an einer Medaille dran, einige Male sogar an Gold und haben es nicht geschafft.“ So wie im Slalom: „Benni Raich hätte Gold machen können, er hat einen Fehler im Mittelteil gehabt und da hat er mindestens drei Zehntel liegen gelassen. Mit solchen Fehlern kann man halt auf diesem Niveau nicht gewinnen.“ Dass ihm dann 0,05 Sekunden auf Bronze gefehlt haben, sei das Pech, das in solchen Momenten hinzukommt. „Das ist ein Wimpernschlag, ein Verschlagen des Ski auf einer Bodenwelle, das man aktiv gar nicht mitbekommt.“

Neue Strukturen

Während Giger die Ergebnisse von Whistler nacheinander analytisch durchleuchtet hat, war ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel ein Absperrgitter weiter schon in der Zukunft angelangt. Schröcksnadel kündigte umfassende Strukurreformen im Ski-Verband an, bei den Alpinen und bei den Springern. „Das hat gar nichts mit dem Abschneiden hier zu tun, sondern war schon von langer Hand so geplant.“ Denn dass ihm das Ergebnis schwer auf die Laune geschlagen hat, war dem obersten Ski-Herr schon von der Ferne deutlich anzusehen. „Aber auch wenn mich das hier extrem anzipft, wir hauen nicht alles hin, nur weil uns fünf Hundertstel auf eine Medaille gefehlt haben. Oder will hier jemand das System in Frage stellen, weil fünf Hundertstel gefehlt haben?“, fragte er recht laut und recht rhetorisch, während sich wieder einen Zaun weiter schon gut und gerne zwei Dutzend Reporter amerikanischer Tageszeitungen gegenseitig den Namen Schröcksnadel buchstabiert haben. Mit dem Auftrag nach der olympischen Desasterstory für Team Austria von ihren Redaktionen vorsorglich auf den Berg geschickt.

Giger soll bleiben

Wie wird aber die Zukunft für dieses Team Austria personell aussehen? Darüber schweigen alle im Team, doch immer öfter taucht an der Gerüchtebörse die Meldung vom Aufstieg Gigers zum Alpindirektor auf, wofür man erst noch für den jetzigen Alpindirektor Hans Pum einen Posten finden müsste. Da würde sich Schlad­ming 2013 und danach der Präsidentenjob anbieten. „Ich lasse Giger sicher nicht ziehen“, sagte Schröcksnadel. Der Mann, den sein Boss nicht ziehen lassen will, starrte unterdessen auf die überdimensionale Anzeigetafel im Zielraum, so als könnten die feststehenden Zeiten doch einmal noch zu laufen beginnen und Raich auf Platz drei reihen. „Das hier ist die Höchststrafe für jeden Trainer“, meinte er und packte die Ski zusammen, „und ich frage mich: Warum ich, was habe ich verbrochen?“

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