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Was für ein Mensch ist Jakobs Mörder

Auch wenn seine Angehörigen und Freunde den Medien kaum Auskunft erteilen wollten, verdichtete sich das Bild von einer vollkommen unvorhersehbaren Tat.

Was war der mutmaßliche Mörder des kleinen Jakob von Metzler für ein Mensch? Anwalt Ulrich Endres sagte über den Charakter seines Mandanten: „Wenn Sie eine Tochter hätten, Sie würden sie mit ihm auf den Wiener Opernball schicken.“

Mit 27 lebte G. immer noch in demselben Frankfurter Stadtteil, in dem er aufgewachsen ist. Sachsenhausen, unmittelbar südlich des Mainufers, gilt als überwiegend gutbürgerliche Wohngegend. Hier machte G. vor etwa zehn Jahren an der Carl-Schurz-Schule Matura – dasselbe Gymnasium, das sein mutmaßliches Opfer Jakob von Metzler bis zuletzt besuchte. Hier war der Student an der katholischen Gemeinde St. Bonifatius aktiv, kümmerte sich nach Aussage von Pfarrer Richard Weiler bis vor zwei oder drei Jahren auch um Kinder- und Jugendgruppen.

G. war außerdem in Fanclubs der Frankfurter Eintracht aktiv. Zumindest seine Fußball-Freunde nannten ihn „Maggi“. Im Jahr 2000 gründete „Maggi“ mit Freunden den Eintracht-Fanclub „Southforce“ – weil im Süden der Stadt beheimatet. „Wie es der Zufall wollte, lernten wir auf Ibiza unseren jetzigen Vorsitzenden Maggi kennen, der zu dieser Zeit Vorsitzender von zwei Fanclubs in Sachsenhausen und Heusenstamm war“, heißt es auf der Homepage des Vereins.

Weil diese aber „so vor sich hin vegetierten“, habe man einfach einen neuen Club gegründet. Wohlgemerkt, einen Club, der sich auf seiner am Dienstagabend abgeschalteten Homepage auch ausdrücklich von Gewalt und Hooligans distanzierte. Laut seinen Einträgen im Vereins-Chatforum war G. recht reiselustig – im vergangenen Juni war er demnach auf Ibiza und im Juli in Florida.

Das Jura-Studium an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universtät in seiner Heimatstadt scheint der junge Mann dagegen nicht mit allergrößtem Eifer verfolgt zu haben: Mit 13 Semestern bis zum ersten Staatsexamen studierte G. zwar nicht besonders schnell, aber auch nicht unüblich langsam unter den 4.500 Kommilitonen der juristischen Fakultät. Nach Auskunft der Universtät zeichnete er sich als „absolut unauffällig“ aus. Jede Wohnungsänderung habe G. dem zuständigen Studentensekretariat pünktlich mitgeteilt, im Jahr 2002 stand er mitten im ersten Staatsexamen“, wie Pressesprecherin Ulrike Jaspers bestätigt.

Nachbarn schildern den jungen Mann als „freundlich und sauber“. Von seiner Wohnung im ersten Stock eines Mehrfamilienhauses habe er die Bushaltestelle sehen können, an der sein Opfer verschwand und möglicherweise von ihm abgepasst wurde. Eine Nachbarin sagte, er habe nur gelegentlich Besuch gehabt. Medienberichten zufolge soll G. aber „viel Besuch von Jungs“ gehabt haben. Laut „Frankfurter Neue Presse“ hörten die Besuche vor wenigen Monaten auf, nämlich seitdem G. eine Freundin gehabt habe.

Spekulationen, dass sich G. seinem Opfer durch angebotenen oder ausgeübten Nachhilfe-Unterricht annäherte, wurden am Mittwoch nicht offiziell bestätigt. Der Schulleiter des Gymnasiums, Volker Räuber, sagte lediglich, dass sich die Zwei nicht über den offiziellen Aushang in der Schule gefunden haben können – da sei G.s Name nicht aufgetaucht.

Pfarrer Weiler, der sich persönlich an G. als „hilfsbereiten und friedlichen“ jungen Mann erinnert, wies zwar Darstellungen zurück, dass die Familie des Verdächtigen wohlhabend gewesen sei. Ganz normale Leute seien das, betonte er. Ein finanzielles Motiv für die Tat rückte aber schon durch ihre fast aussichtslose Durchführung weiter in den Hintergrund.

Auch Bekannte und Freunde G.s tendierten am Mittwoch eher zu der von Psychologen ins Spiel gebrachten Version des zum Entführer gewendeten Sexualtäters. „Das klingt plausibler als diese idiotische Entführungsgeschichte“, sagte ein enger Bekannter, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will.

Chronik der Ereignisse:

Freitag, 27. September

10.15 Uhr: Der elfjährige Jakob von Metzler verlässt die Carl-Schurz-Schule in der Holbeinstraße im Stadtteil Sachsenhausen und fährt mit einem Bus der Linie 53 nach Hause. Es ist sein letzter Schultag vor den Herbstferien.

10.35 Uhr: Jakob steigt an der Haltestelle Mörfelder Landstraße/Stresemannallee in Höhe des Tengelmann-Supermarkts aus. Hier wird der mittelblonde Junge von einem Mitschüler das letzte Mal gesehen.

10.35 bis 11.00 Uhr: Jakob folgt dem ihm bekannten Täter offenbar freiwillig. Wie und wohin, ist bislang unklar.

11.55 Uhr: In der Einfahrt zum elterlichen Haus wird ein Brief mit der Geldforderung von einer Million Euro abgelegt. Darin wird ein bestimmtes Zeichen dafür gefordert, dass die Familie zur Zahlung bereit ist. Als Zeitpunkt der Übergabe legt der mutmaßliche Einzeltäter die Nacht von Sonntag auf Montag fest.

12.00 bis 24.00 Uhr: Die Eltern schalten die Polizei ein. Nach vorläufigen Erkenntnissen der Polizei wird Jakob noch am Tag seiner Entführung umgebracht.

Sonntag, 29. September

Nacht zum Montag: Der Täter holt das Geld ab; dabei wird er offenbar von der Polizei beobachtet. Aus den Beobachtungen können die Fahnder Hinweise auf den Mann ziehen. Zunächst läuft alles wie verabredet, deshalb schreitet die Polizei nicht ein.

Montag, 30 September

Frühmorgens: Der Verdächtige macht keine Anstalten zur Freilassung der Geisel.

Nachmittags: Die Polizei durchsucht mehrere Wohnungen und Objekte und nimmt zwei Verdächtige fest. Zunächst ist von einem Pärchen im Alter von 16 und 24 Jahren die Rede. Einer der Festgenommenen erwähnt den Langener Waldsee als Versteck. Beamte durchkämmen das Gelände und durchsuchen Hütten. Insgesamt sind neun Einsatzhundertschaften sowie dutzende Spezialisten aus dem ganzen Bundesgebiet beteiligt.

18.30 Uhr: Die Polizei informiert die Öffentlichkeit. Die Suche dauert bis nachts und bis zum Dienstagvormittag.

Nachts: Die Polizei nimmt zwei weitere Verdächtige fest.

Dienstag, 1. Oktober

Vormittags: Einer der Festgenommenen erwähnt gegenüber der Polizei einen kleinen See nahe Schlüchtern im Main-Kinzig-Kreis; die Suche beginnt. Drei der vier Tatverdächtigen werden wieder auf freien Fuß gesetzt. Ein 27 Jahre alter Jurastudent bleibt unter dringendem Tatverdacht in Haft.

12.00 Uhr: Die Polizei findet ein verschnürtes Bündel von der Größe und der Kontur eines menschlichen Körpers an dem See.

14.15 Uhr: Der Frankfurter Polizeipräsident Harald Weiss-Bollandt informiert die Eltern von dem Fund.

14.45 Uhr: Weiss-Bollandt informiert auf einer Pressekonferenz die Öffentlichkeit über den Ermittlungsstand.

15.00 Uhr: Bei der Öffnung des Bündels zeigt sich, dass eine Kinderleiche darin steckt. Es ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der entführte Jakob.

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