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Vorbildwirkung

©David Schreyer
Mit der Sanierung des Gemeindeamts in Muntlix erhält Zwischenwasser nicht nur einen qualitätsvollen Raum für die Bevölkerung, sondern auch einen weiteren Beleg für sein baukulturelles Engagement.
Vorbildwirkung

Zwischenwasser bleibt baukulturell auf Kurs. Seit Jahren steht die Gemeinde für das oftmals zitierte „Vorbild öffentlicher Bau“ und damit für die Vorreiterrolle, die Gemeinden bei ihrer eigenen Bautätigkeit haben. Eine Rolle, die auch mit Glaubwürdigkeit zu tun hat, denn die Gemeinden sind auch Baubehörden. Nach dem preisgekrönten Kindergarten in Muntlix konnte der Architekt Matthias Hein abermals mit seinem Konzept für die Sanierung des Gemeindeamts Zwi-schenwasser überzeugen, das direkt neben dem Kindergarten liegt. „Wir waren sehr froh über die Entscheidung der Jury, denn der Wettbewerb war ja anonym“, erzählt Bürgermeister Kilian Tscha- brun, der mit dem Bau nun sein zweites großes Bauprojekt seit Amtsantritt verantwortet. „Wir hatten mit Matthias Hein und seinem Team schon eine sehr gute Zusammenarbeit. Ich musste nichts mehr über unsere Situation erklären. Der Kindergarten hat nach wie vor eine große Kraft für das Gemeindeleben und wurde weit über die Grenzen Vorarlbergs besprochen: Wir haben den Staatspreis Nachhaltige Architektur dafür erhalten.“ Die in einzelne Orte aufgeteilte Gemeinde Zwischenwasser ist schon ein Begriff in der Baukultur. Der ehemalige Bürgermeister Josef Mathis ist heute noch aktiv in der Szene und berät Baukulturverant-wortliche im gesamten deutschen Sprachraum. Mit Kilian Tschabrun hat das Thema einen würdigen Nachfolger erhalten. Der Baukulturdiskurs wird in Zwischenwasser auf hohem Niveau geführt: Wettbewerbspraxis, Zusammenarbeit, Bürgerbeteiligung – hier sind diese Begriffe keine leeren Worthülsen. Der „neue-alte“ Bau ist damit auch Ausdruck der Überzeugung, dass die Qualität von Architektur für das Zusammenleben in der weit verstreuten Ortschaft viel Positives bewirkt.

Gefragt war ein Konzept für die Sanierung einer bestehenden Infrastruktur. Das historische Ge-meindeamt war gut gelegen: Der viel genutzte Frödischsaal und der neue Kindergarten liegen nur ein paar Schritte entfernt. Die Bausubstanz war gut, das Gebäude von der Bevölkerung akzeptiert und geschätzt. Der bestehende Bau wurde von HEIN Architekten daher sanft adaptiert. Er sollte wiedererkennbar bleiben als Identität stiftender Teil der Gemeinde und nur in jenen Teilen verändert werden, die dringend Entwicklung brauchten. Aufgabe der Architekten war damit die Erhaltung einer baulich wie kulturell im Alltag bedeutsamen Zelle für das dörfliche Leben.

Seit Oktober 2015 ist das Gemeindeamt nun wie-der geöffnet. In seiner äußeren Struktur kaum verändert, strahlt es durch große Fensteröffnungen und Präzisierung der Form eine Gelassenheit aus, die Grundzug guter Gestaltung ist. Mit viel Holz erwartet die Bürger eine neue qualitätsvolle Intimität im Inneren. Einladend ist bereits die Eingangssituation an der Fidelisgasse mit Sitzbänken und einem Laufbrunnen. Das Erdgeschoß, nun auf Straßenniveau, enthält die Bürgerinformation und ein Foyer. Es dient dem Haus als „Schaltzentrale“ und kann zu ver-schiedenen Bereichen hin geöffnet werden. Die Büros im Obergeschoß sind als Kojen angeordnet und können durch Regale oder Glaswände abgetrennt werden, aber auch offen bleiben – das hält die Kommunikationswege kurz, direkte Sichtverbindungen sind möglich.

Über die zentrale Erschließungszone durch ein geräumiges Stiegenhaus geht es noch einmal einen Stock höher in das Dachgeschoß, früher von Kindergarten und Männerchor genutzt. Die Zone ist auch heute multifunktional ausgerichtet und bietet vom Sitzungssaal bis zum Musikprobelokal alles, was der Alltag erfordert, und ein bisschen mehr. Ein etwas kleinerer Raum und dazwischen ein Foyer mit Infrastruktur für einen kleinen Barbetrieb machen den obersten Stock auch für Abendveranstaltungen gut nutzbar. Das Archiv ist im Keller, nebst Lager- und Technikräumen. Alle Stockwerke sind barrierefrei zugänglich.

Als Träger des Staatspreises für Nachhaltige Architektur war der ökologische Anspruch natürlich hoch: „Ziel war eine energetische Sanierung mit Rücksicht auf die Substanz des Gebäudes. Dies ist uns jedenfalls gelungen. So konnten wir den künftigen Heizwärmebedarf um 75% senken“, so Projektleiter Bernd Rommel.

Daten und Fakten

Objekt Gemeindeamt Zwischenwasser

Bauherr Gemeinde Zwischenwasser

Architektur/Generaplanung HEIN Architekten, Bregenz; www.hein-arch.at, Projektleitung: Bernd Rommel

Bauleitung/Projektsteuerung Gernot Thurnher ZT, Feldkirch; www.arch-thurnher.at

Statik SSD Ingenieure ZT GmbH;

Bauphysik DI Bernhard, Weithas, Lauterach; Heizung, Lüftung, Sanitär: Werner Cukrowicz, Lauterach; Elektro: BIW Walter Bischof, Tschagguns

Planung 12/ 2013 – 08/2015

Ausführung 12/ 2014 – 11/2015

Grundstücksgröße 1558 m²

Wohnnutzfläche 597 m² (zzgl. 100 m² Keller)

Bauweise Außenwände: Vollziegelmauerwerk (40 cm); Innendämmung (6 cm); Böden: Magnesitestrich bzw. Weißtannendielen; Wände: Lehmputz bzw. Weißtannentäfer; Decken: Gipskarton-Lochdecken und furnierte Holzwerkstoffplatten

Besonderheiten Sanierung eines Massivbaus aus den 1930er-Jahren mit höchstem Anspruch an Energieeffizienz, Bauökologie und Ressourcenschonung und Zertifizierung nach Vorarlberger Kommunalgebäudeausweis (mit 980 Punkten beste bis heute erreichte Punktzahl)

Ausführung Baumeister: Nägelebau, Röthis; Zimmerer: Neuhauser Holzbau, Nenzing; Fenster: Heinrich Manahl, Bludenz; Innenausbau, Holzböden: René Bechtold, Zwischenwasser; Möbeltischler: Plattner, Hohenems; Schlosser: Reinhard Bachmann, Sulz; Heizung/Lüftung: Stolz, Feldkirch; Elektro: Reisegger, Feldkirch

Energiekennwert 32 kWh/m² im Jahr (HWB)

Baukosten ca. 1,7 Mill. Euro

Leben & Wohnen – Immobilienbeilage der VN

Für den Inhalt verantwortlich:
vai Vorarlberger Architektur Institut
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Mit freundlicher Unterstützung durch Arch+Ing

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