Vorarlberger hat Chancen auf Nobelpreis

Zürich - Ernst Fehr hat schon als Wirtschaftsstudent in Wien Sigmund Freud gelesen, sagt der 1956 in Hard Geborene.

Zwar hat er ursprünglich „neoklassische Ökonomie gelernt und war eher theoretisch orientiert“. Aber heute sind es „all die ungeklärten wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Fragen, die mich immer wieder antreiben, weiterzuforschen“. Heute hat Ernst Fehr den Lehrstuhl für Mikroökonomik und experimentelle Wirtschaftsforschung der Universität Zürich inne. Er ist weltweit führend auf dem Gebiet. Und es kann gut sein, dass er kommenden Montag einen Anruf aus Stockholm erhält. Dann wäre der Vorarlberger der Nobelpreisträger 2009 für Wirtschaftswissenschaften. Erhalten würde er den Preis für seine Verdienste um die Verhaltensökonomie. Darin räumt er quasi mit dem rationalen, allwissenden, allein auf die Maximierung seines Eigennutzens bedachten „homo oeconomicus“ auf. „Es ist zu einseitig, davon auszugehen, dass nur die eigennützige und rationale Seite des Menschen eine Rolle spielt.“ Der Mensch sei bunter und vielfältiger. Der Nachrichten- und Finanzdatenanbieter Thomson Reuters listet alljährlich die 25 aussichtsreichsten Wissenschaftler auf. Eine Basis dafür ist, wie oft Publikationen eines Forschers von der Forschungsgemeinschaft zitiert werden. Fehrs Name findet sich auf der Reuters-Liste.

Neue Sichtweisen

Fehr: „Unsere Forschung hat gezeigt, dass es noch viele andere Motive gibt, die im Wirtschaftsleben eine Rolle spielen können. Zum Beispiel Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Gleichheit, aber auch Angst und Freude. All diese menschlichen Verhaltensweisen werden von der klassischen Ökonomie nur unvollständig oder gar nicht eingefangen. Erst wenn man auch solche menschlichen Aspekte wie Fairness und Vertrauen berücksichtige, könne man brauchbare Markt-Instrumente für die Unternehmen, Politik und Gesellschaft schaffen. „Nur mit einem weitgefassten Menschenbild kann man z. B. verstehen welche Rolle die Reputation für die Funktionsweise von Kreditmärkten spielt oder wie Hierarchien in Unternehmen entstehen und wie man auf dem Arbeitsmarkt optimale Anreize für Mitarbeiter und Manager gestalten kann.“ Fehr lebt mit seiner Familie in Zürich.

Er bezieht Disziplinen wie die Psychologie, Biologie, Neurowissenschaften, Medizin und Physik in seine Arbeit mit ein. Das tut er auch als ständiger Gastprofessor am Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo ihn die „VN“ über E-Mail erreichten. 2008 erhielt Ernst Fehr den mit 100.000 Schweizer Franken dotierten Marcel-Benoist-Preis. Er wäre Vorarlbergs erster Nobelpreisträger. Der Montag wird‘s weisen.

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