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Vorarlberg: „Feminismus ist absolut nicht männerfeindlich!“

WANN & Wo traf die neue Amazone-Geschäftsführerin an ihrem Arbeitsplatz in Bregenz.
WANN & Wo traf die neue Amazone-Geschäftsführerin an ihrem Arbeitsplatz in Bregenz. ©WANN&WO/MiK
Angelika Atzinger (32), die neue Geschäftsführerin vom Verein Amazone, im WANN & WO Sonntags-Talk über Frauen, Politik und Verantwortung.

Von Martin Begle/WANN & WO

WANN & WO: Hast du dich im Ländle schon eingelebt?

Angelika Atzinger: Ja, immer besser. Ich wohne in Bregenz, gleich hier um die Ecke, und kann zu Fuß zur Arbeit gehen. Gleich in der Nähe vom See, was total schön ist und mir sehr gut gefällt. In einer Großstadt ist es etwas einfacher. Es gibt viel zu unternehmen und man geht etwas in der Masse unter. Das war schon eine Umstellung. Jetzt, wo langsam mehr Leute draußen unterwegs sind, ist Bregenz schon eine lebendige Stadt. Ich würde nicht sagen, dass es im Winter trist war, aber für mich war es schon schwierig. Es war einfach ungewohnt, dass man in der Früh auf dem Weg zur Arbeit niemanden trifft. Für die Größe hat Bregenz aber sehr viel zu bieten, insbesondere kulturell. Das Anne Frank Haus im KUB hat mir zum Beispiel sehr gefallen.

WANN & WO: Im Anne Frank Haus gab es ja ein Regal mit gelesenen Ausgaben von „Fifty Shades of Grey“. Was für einen Zugang hast du als Amazone zu dieser Thematik?

Angelika Atzinger: Die Fetisch- bzw. Bondage-Elemente finde ich weniger problematisch, als das Frauenbild, das transportiert wird: Das Klischee vom erfolgreichen, gutaussehenden, sehr reichen Mann, in den sich ein junges, naives Mädchen verliebt. Sie kommt in seine Welt, ihre eigene ist komplett unbedeutend.

WANN & WO: Jetzt sind ja bald „Mädchen: Impulstage“. Passiert in Sachen Männer- und Frauenrollen gerade etwas in der Gesellschaft?

Angelika Atzinger: Geschlechter­identitäten wurden in den vergangenen Jahren stärker thematisiert. Mir kommt vor, dass es gerade in Vorarl­berg ein großes Thema ist und „neue“ Geschlechter thematisierbarer werden. Es sind aber ganz oft noch Einzelpersonen, die darüber sprechen. Das Thema muss viel mehr in den allgemeinen Diskurs. Obwohl es eine Öffnung gibt, erfahre ich in den letzten Jahren auch wieder stärker, dass die Klischees dominant bleiben.

WANN & WO: Wo sollte es hingehen?

Angelika Atzinger: Es sollte nichts Besonderes sein, wenn jemand sagt: „Vor ein paar Jahren war ich noch eine Frau.“ Es ist paradox, wenn es so eine Intoleranz gegen das Verhalten oder das Leben anderer Menschen gibt. Insbesondere, wenn das eigene Leben davon überhaupt nicht beeinträchtigt wird. Auch wenn es um die Ehe für alle geht. Nur weil Männer Männer heiraten können, dürfen Frauen und Männer ja trotzdem noch heiraten. Es wäre gleiches Recht für alle und ich kann nicht verstehen, wie man dagegen sein kann.

WANN & WO: Wie hat sich Feminismus entwickelt?

Angelika Atzinger: Viele sagen sehr ungern, dass sie Feministinnen sind, obwohl sie die Ansichten teilen. Man kann Feminismus nicht mehr so betrachten, wie er früher gesehen wurde. Feminismus ist absolut nicht männerfeindlich! Dieses Vorurteil be­­steht aber leider noch bei vielen. Das liegt aber wie bei vielen Dingen auch daran, wie sie gesellschaftlich diskutiert werden. Feminismus hat den Anstrich bekommen, dass diese Frauen für etwas kämpfen, für das man nicht mehr kämpfen muss, weil es die Gleichstellung von Mann und Frau ja gebe.

WANN & WO: Gönnen sich die Menschen die Dinge gegenseitig nicht?

Angelika Atzinger: Wenn man sieht, dass es in der Politik viele gibt, die davon profitieren, wenn sie Ängste schüren und gegen Gruppen hetzen, die eh ganz unten stehen, ist es nachvollziehbar, dass viele Leute so denken. Es geht ganz stark weg davon, empathisch zu sein, oder sich in andere hineinzuversetzen.

WANN & WO: Welche Rolle spielt hier die Politik?

Angelika Atzinger: Sie verlagert sich sehr auf kurzfristige Erfolge und geht weg von dem Bestreben, nachhaltig etwas zu verändern. Wichtig sind die Wahlerfolge, von der Ideologie steht nicht mehr viel dahinter.

WANN & WO: Wie steht es um die Protestkultur in Österreich?

Angelika Atzinger: Die, die es gibt, ist ja gar nicht so schlecht. Die Tradition, sie auch zu leben, ist in Österreich aber kaum vorhanden. Es ist schwierig, Leute zu mobilisieren und noch schwieriger, dass sie auch kommen. Wenn es bei einer Demo regnet, hofft man nur, dass mehr Leute da sind, als Polizisten. Die Sozialen Medien spielen hier auch eine Rolle.

WANN & WO: Inwiefern?

Angelika Atzinger: Es muss dort oft sehr oberflächlich und plakativ sein. 10.000 Unterschriften auf einer Online-Petition sind aber etwas anderes als 2000 Menschen, die auf dem Kornmarktplatz demonstrieren. Die sind sehr viel schwieriger zu bekommen, weil dafür mehr vom wertvollen Gut Zeit aufgewendet werden muss. Diese zwei Stunden sind heute offenbar mehr wert, als noch vor 50 Jahren.

WANN & WO: Woran liegt das?

Angelika Atzinger: Ich finde es in diesem Themenkreis sehr schwierig, das eben so auf die einzelnen Personen abzuwälzen. Wichtig wäre, dass am System etwas verändert wird. Der Staat soll sich nicht einmischen, Arbeitnehmervertreter und Gewerkschaften verlieren an Bedeutung. Aber wir brauchen sie heute mehr, als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Da sind wir wieder bei der Protestkultur. Dieser Ich-Gedanke hat sich über die Jahrzehnte so manifestiert, weil die Verantwortung auf den Einzelnen abgewälzt wird.

WANN & WO: Wie bist du in Vorarl­berg gelandet?

Angelika Atzinger: Vergangenes Jahr im Spätsommer habe ich entschieden, dass es nach sechs Jahren Zeit für etwas Neues ist. Eine Kollegin hat mich auf die Ausschreibung der Amazone aufmerksam gemacht. Vorarlberg lag eigentlich überhaupt nicht auf meinem Schirm, aber ich hab mich einfach mal beworben.

WANN & WO: Bist du liiert?

Angelika Atzinger: Mein Freund lebt in Innsbruck. Ich bin aber am Wochenende noch oft dort oder er kommt auch mal her. Das funktioniert so ganz gut. Es gibt auch noch die gemeinsame Wohnung, was ein sehr großer Vorteil ist. Ich habe noch ein Daheim in Innsbruck.

WANN & WO: Wie gefällt dir die Arbeit bei der Amazone?

Angelika Atzinger: Sehr gut. Ich komme aus einer Bildungs- und Beratungseinrichtung für Frauen und Mädchen mit Flucht- oder Migrationshintergrund. Die Problemstellungen sind teilweise andere, aber die Herangehensweisen sind oft ähnlich.

WANN & WO: Was hältst du vom Kopftuchverbot und davon, wie die Politik hier argumentiert?

Angelika Atzinger: Keine Frau – egal welcher Herkunft – braucht einen Politiker, der sie „beschützt“. Das ist reine Rhetorik. Es ist allgemein unverständlich, dass wir für ein so marginales Thema so viel Zeit verschwenden. Es gibt so viele wichtigere Sachen, über die man reden müsste. Oft sind es politische Ablenkungsmanöver, ein bloßes Vorbeireden an den echten Schwierigkeiten. Es ist Usus geworden, dass lapidare Themen emotionalisiert werden. Integration hat nichts damit zu tun, ob jemand ein Kopftuch trägt oder nicht. Das kostet aber viel Zeit, in der wir über echte Lösungen reden könnten.

WANN & WO: Was sagst du zur neuen Mindestsicherung?

Angelika Atzinger: Ich stelle mir die Frage, wie man von Gerechtigkeit so unterschiedliches Verständnis haben kann. Offenbar ist es eine sehr subjektive Sache, aber jedes Kind hat doch eine Vorstellung davon, was gerecht heißt. Wenn das Grundverständnis so verschieden ist, wird es schwierig, zusammenzukommen.

WANN & WO: Wie kommt es dazu?

Angelika Atzinger: Vieles wird heute einfach nicht mehr gesagt. Was gesagt wird, verkauft man sehr gut. Neu ist die Art, die Medien von vornherein abzuqualifizieren. Zu sagen, die schreiben eh, was sie wollen, und sind nicht objektiv. Das ist sehr gefährlich. Dann machen sich die Menschen ihre eigene Wahrheit. Die Verantwortung, wie mit Medien, insbesondere Neuen Medien, umzugehen ist, kann aber auch nicht bei jedem Einzelnen liegen. Hier muss im System etwas passieren und die Menschen müssen die Möglichkeit bekommen, sich in dieser Richtung Kompetenzen anzueignen. Darum müssen wir viel mehr in Bildung investieren. Sonst wird das ganz dramatische Folgen haben. Fair produzierte Kleidung ist ein gutes Beispiel.

WANN & WO: Inwiefern?

Angelika Atzinger: Sweatshops (Ausbeutungsbetriebe, Anm. d. Red.), Kinderarbeit, Arbeitsbedingungen waren irgendwann jedem bewusst. Dann war plötzlich jede Person verantwortlich, dass sie faire Kleidung kauft. Aber liegt das wirklich in der Verantwortung des Einzelnen? Oder müsste es gesetzliche Bestimmungen dafür geben? Es wird vergessen, dass viele überhaupt nicht die Möglichkeit haben, sich nur fair produzierte Kleidung zu kaufen.

WANN & WO: Ist der Konsument verantwortlich, dass es Billigfleisch gibt?

Angelika Atzinger: Da ist es genau das Gleiche. Eine Großfamilie kann es sich einfach nicht leisten, nur das beste Bio-Fleisch zu kaufen, sondern geht halt zum Diskonter. Ja, es ist wichtig, dass einzelne Verantwortung übernehmen. Ich bin Vegetarierin aus Überzeugung, würde aber nie sagen, wer verantwortungsvoll ist, darf sich nur pflanzlich ernähren. Wir brauchen gesetzliche Bestimmungen, dass es diese Bedingungen für Tiere nicht mehr gibt. Das ist eine gesellschaftspolitische Aufgabe. Es wird suggeriert: Wenn du Tierleid nicht willst, dann iss kein Fleisch! Wenn du keine Kinderarbeit in Indien willst, kauf diese Kleidung nicht. Das ist aber ein Trugschluss. Diese komplexen Dinge werden seitens der Politik gerne auf die Einzelnen abgewälzt. Auf nationalpolitischer Ebene wird über so lapidare Dinge diskutiert, ob manche Frauen mit Kopftuch herumlaufen.

WANN & WO: Was steht beim Verein Amazone demnächst an?

Angelika Atzinger: Die nächste große Veranstaltung sind die Mädchen: Impulstage. Heuer feiern wir ja auch unser 20-jähriges Bestehen, es gibt über das ganze Jahr also viele Veranstaltungen.

(WANN & WO)

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