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Von Genuss und Verzicht

(VN) Dornbirn - Weniger Fleisch essen – für Sarah Wiener nicht nur ein Tipp, sondern eine Notwendigkeit.

Regionale Produkte spielen in Ihrer Unternehmensphilosophie eine bedeutende Rolle. Unternehmerisch wäre es einfacher bzw. lohnender auf preiswertere Produkte aus der ganzen Welt zurückzugreifen.

Sarah Wiener: Es ist wirtschaftlich ein Desaster, wenn man nicht seine eigene Region unterstützt. Es ist auch so, dass ausländische Produkte eigentlich einen höheren Preis haben müssten. Allein durch den Transport. Bei ausländischen Produkten fehlt mir jedoch die Kontrolle, weil ich die Produzenten nicht kenne. Also warum sollte ich, wenn ich eine Alternative habe, ausländische Waren nehmen? Klar, ich liebe auch Curry-Reis und will deshalb auch nicht alles dogmatisch über einen Kamm scheren. Nur wenn es dasselbe Produkt in meiner Region gibt, ich den Produzenten kenne und damit das Klima und die Umwelt, dann sehe ich nicht ein, wieso ich das nicht nehmen sollte. Abgesehen davon, dass die Wege kürzer sind und frische Produkte viel besser schmecken.

Kennen Sie Ihre Lieferanten persönlich?

Wiener: Ja. Wir machen zwei Mal im Jahr mit unseren Köchen eine Tour und klappern alle Produzenten ab. Gehen in die Ställe, auf die Felder und schauen, wie die Produkte hergestellt werden bzw. die Tiere aufwachsen. Ich weiß, dass das Luxus ist, aber ich gehe gerne als gutes Beispiel voran.

Vor einigen Wochen wurden in Vorarlberg von Tierschützern erschreckende Bilder veröffentlicht, die die schlimmen Zustände in verschiedenen Schweinezuchtbetrieben darstellten. Wie gehen Sie mit diesem Thema um?

Wiener: Die Lebensmittelproduktion von Fleisch und das Schlachten ist ein Desaster. Das wollen wir alle nicht sehen. Und weil wir solche Themen stark tabuisieren, haben wir keine Ahnung, was hinter geschlossenen ­Türen abläuft. Es gibt beispielsweise Massenproduktionen, in denen 800 Schweine in der Woche geschlachtet werden. Wer will so etwas verantworten? Wer will so etwas essen? Ich nicht.

Jetzt weiß ich, dass natürlich auch in der Massentierhaltung nicht jedes Schwein in seinem eigenen Kot absäuft, nur ob diese Haltung, wie wir sie haben, wirklich tiergerecht ist, das wage ich sehr zu bezweifeln. Wenn der Preis für höhere Qualität ist, dass wir weniger Fleisch essen müssen, dann sag ich „Ja, ist eh gesünder.“ Dann essen wir halt weniger Fleisch, das haben wir früher auch so gemacht.

Ist das auch Ihr Tipp an die Konsumenten – weniger Fleisch essen?

Wiener: Ich werde nicht gehört werden, das ist mir klar. Aber das ist nicht nur ein Tipp, sondern es ist eine Notwendigkeit für eine Ernährungsgerechtigkeit in der Welt. Denn unsere Massentiere fressen anderen Tieren das Futter weg. Und es ist keine esoterische Spinnerei, sondern eine wissenschaftliche Notwendigkeit, dass wir weniger Fleisch essen.

Wie glauben Sie, dass das Supermarkt-Sortiment in 20 Jahren aussieht? Können wir in zwei Jahrzehnten immer noch aus dem Vollen schöpfen?

Wiener: Ich liebe reife Mangos. Doch als ich jung war, wusste ich nicht einmal, was Mangos sind. Und ich habe trotzdem nicht jeden Abend im Bett geheult, weil ich keine Mango essen konnte. Ich glaube, wenn es diese Dinge nicht mehr gibt, werden wir sie nicht mehr vermissen, weil es Luxus ist. Wir wollen und können uns alles leisten. Aber wir konsumieren es nicht einmal. Wir kaufen es gierig und schmeißen einen Großteil davon in die Tonne. Für mich gehört zum Genuss zwangsläufig der Verzicht.

Zur Person: Sarah Wiener (verheiratete Lohmeyer)

  • Österreichische Unternehmerin, Fernsehköchin und Buchautorin
  • Geboren: 27. August 1962
  • Wohnort: Berlin
  • Unternehmen: Das Unternehmen Sarah Wiener ist mit über 160 Mitarbeitern in verschiedenen Geschäftsbereichen (Restaurants und Museumsgastronomie, Eventcatering, Messe- und Congress Catering, Business Catering) tätig.
  • Familie: verheiratet mit dem Schauspieler Peter Lohmeyer, ein Sohn (aus einer vorherigen Beziehung)

(VN)

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