Page 1Page 1 CopyGroupGroupPage 1Combined ShapePage 1Combined ShapePage 1Triangle Page 1 VNVorarlberger Nachrichten Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1 Rectangle 9 Combined ShapeCombined ShapePage 1Page 1Page 1Page 1Page 1AAAAPage 1 Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1Page 1

Von der Terroristengeisel zum Krisenexperten

Marc Wallert (47) ging vor 20 Jahren über vier Monate lang durch die Hölle: Er und seine Eltern wurden mit 17 anderen Geiseln für 140 Tage von Terroristen gefangen gehalten.
Marc Wallert (47) ging vor 20 Jahren über vier Monate lang durch die Hölle: Er und seine Eltern wurden mit 17 anderen Geiseln für 140 Tage von Terroristen gefangen gehalten. ©APA/Marc Wallert
Marc Wallert (47) hat vor 20 Jahren 140 Tage in der Hand von Terroristen mitten im malaysischen Dschungel überlebt. Heute sagt er über diese Zeit: "Ich will es nicht missen."

Der damals 26-Jährige wird im Malaysiaurlaub mit seinem Eltern von Terroristen entführt und als Geisel im Dschungel festgehalten. Die Bilder der Geiselnahme, die von zahlreichen Kameras mitverfolgt wurde, gingen um die Welt.

Das Geiseldrama in Malaysia beherrschte damals monatelang die Medien und er war mittendrin: Marc Wallert musste mehr als vier Monate im Dschungel ausharren, den Tod immer vor Augen. Aber der 47-Jährige ist mittlerweile auch extrem dankbar für diese Erfahrung und für das, was er aus dieser Zeit gelernt hat. Die Geiselnahme habe ihn verändert und stärker gemacht: "Ich wünsche das wirklich niemandem, ich möchte es aber in meinem Leben nicht mehr missen."

Von Terroristen verschleppt

Marc Wallert genießt damals den Osterurlaub mit seinen Eltern Renate und Werner auf der Pazifikinsel Sipadan, will sich von seinem stressigen Job als Berater erholen. Am Abend des 23. April 2000 ändert sich aber alles schlagartig und der Traumurlaub wird zum Alptraum.

Familie Wallert aus Göttingen verbrachte einen entspannten Tauchurlaub in Malaysia bis sich ihr Leben schlagartig änderte. (Symbolbild)
(Quelle: APA/dpa)

Die Familie aus Göttingen entspannt gerade mit Cocktails in den Händen auf der Hotel-Terrasse und genießt den Sonnenuntergang, als sie plötzlich Schreie hören: Schwer bewaffnete Männer stürmen das Hotel-Restaurant. Marc Wallert erinnert sich noch gut an diesen Abend: „Plötzlich ertönten panische Schreie hinter uns. [...] Die Idylle brach in sich zusammen. [...] Ich blickte in das Rohr einer Bazooka und versuchte, zu verstehen.“

Zu diesem Zeitpunkt weiß er aber noch nicht, was für ein langes Martyrium ihm und seiner Familie bevorsteht: Die bewaffneten Männer gehören zu Terrorgruppe Abu Sayyaf und verschleppten insgesamt 21 Geiseln. Sie drängen die Touristen mit vorgehaltenen Maschinenpistolen in Boote, dann folgen 20 Stunden Boots-Odyssee über das offene Meer zur philippinischen Insel Jolo und ein zehnstündiger Fußmarsch durch den Dschungel. Schließlich erreichen die völlig erschöpften Geiseln das erste Camp: Dort gibt es weder Toiletten noch Betten und zu anfangs meist nur ein wenig Reis zu essen.

Die Geiseln hausten im Dschungel unter widrigsten Bedingungen.
(Quelle: AP)

Die Terroristen und ihr als „Commander Robot“ bekannt gewordener Anführer wollten mit der Geiselnahme die Forderung nach einem unabhängigen islamischen Staat auf den Philippinen durchsetzen. Für die Geiseln bedeutet das ein ewiges Martyrium. Zweimal gerät das Lager unter Beschuss des philippinischen Militärs. Immer wieder flüchten die Terroristen mit den Geiseln vor dem Militär, wobei es oft bis zu zehn Stunden am Stück durch den Dschungel geht. Insgesamt wechseln sie das Camp sechsmal, meist ohne Vorwarnung. "Wir hatten Todesangst vor den Gefechten mit dem philippinischen Militär", erinnert sich Marc Wallert heute. "Wir waren ja immer mittendrin als Schutzschild."

Tage, Wochen, Monate vergehen und immer wieder kommt die Hoffnung auf, endlich freigelassen zu werden. Vor allem die Ungewissheit nagt an den Geiseln: "Das Schlimmste war eigentlich, nicht zu wissen, wie lange das andauert. Die Ungewissheit, ob wir morgen, ob wir in einer Woche, ob wir überhaupt rauskommen." Rückblickend meint Marc Wallert: "Mir wäre es lieber gewesen, zu wissen, dass ich nach zwei Jahren garantiert wieder freigelassen werde, als zu hoffen, dass es in zwei Tagen zu einer Freilassung kommt." Außerdem kommt es immer wieder zu Todesdrohungen, sollten die Lösegeldforderungen in Millionenhöhe nicht erfüllt werden: "Wir mussten täglich um unser Leben fürchten."

Die Geiseln hausen unter miserablen hygienischen Bedingungen, ohne medizinische Versorgung, zwischen giftigen Tieren und ohne jede Privatsphäre, aber vor allem immer in unmittelbarer Lebensgefahr: Eine physische und psychische Ausnahmesituation.

Marc Wallert und seine Eltern gingen im malaysischen Dschungel durch die Hölle – sie lebten in ständiger Angst, zu sterben.
(Quelle: dpa)

Die Bilder des Geiseldramas gehen um die Welt

Die Entführung spielt sich aber keineswegs fernab der Weltgeschichte ab. Die Geiseln leben zwar mitten im Dschungel, aber über ihre Geschichte wird international berichtet. Tagtäglich bangen Millionen Menschen um das Schicksal der Entführten, das Geiseldrama beherrscht über Monate die Schlagzeilen. Skurril: Am 29. April kommt sogar das erste Kamerateam in das Terroristenlager, es folgen zahlreiche andere. Das Camp wird schließlich fast täglich von Kamerateams besucht.

Die Entführer wollen Aufmerksamkeit erlangen, fordern vor den Kameras immer wieder einen unabhängigen islamischen Staat auf den Philippinen. Für die Geiseln ist das eine schwierige Situation: Zwar geben ihnen die Begegnungen mit den Journalisten Hoffnung, auch weil sie für die Verhandlungen zu ihrer Freilassung nützlich erscheinen, zugleich fühlen sie sich aber wie im Zoo: "Wir hatten wirklich viel Besuch im Dschungel, also erstmal kamen viele Journalisten zu uns, teilweise vier, fünf Kamerateams am Tag. Es war belastend, weil wir den ganzen Tag angeschaut wurden, wir hatten keine Privatsphäre und das erste, was ich mir unter anderem gewünscht hab und was ich echt genossen hab nach meiner Freilassung war eine Tür zuzumachen."

Marc Wallert und die anderen Geiseln fühlen sich damals dauerbeobachtet und leiden neben der Todesangst auch unter der fehlenden Privatsphäre.
(Quelle: AP)

Außerdem sind die Entführten frustriert, weil sie das Camp im Gegensatz zu den Kamerateams nicht verlassen können: "Sie konnten diese unsichtbare Grenze durchlaufen, über die wir nicht rausdurften." 

Das erlösende Ende nach über vier Monaten

Je länger die Entführung dauert, desto mehr Privilegien bekommen die Geiseln, ein paar werden sogar freigelassen: Marc Wallerts Mutter Renate, die gesundheitlich sehr angeschlagen ist, kommt als erste Geisel frei, sein Vater Werner verlässt das Camp am 27. August. Marc Wallert muss hingegen bleiben und erlebt auch seinen 27. Geburtstag im Terroristen-Camp.

Renate und Werner Wallert konnten das Camp früher als ihr Sohn verlassen.
(Quelle: AP)

Immer wieder kommen Pakete mit Hilfslieferungen an, neben Essenrationen von der Bundeswehr etwa Kleidung, Schuhe, Notizblöcke oder Stifte. So schreiben auch fast alle Entführten Tagebuch, auch Marc Wallert. Es habe ihm geholfen, die Situation zu verstehen und zu akzeptieren.

Am 9. September 2000 werden nach 140 Tagen bis auf einen Philippinen, der erst 2003 seine Freiheit zurückerlangt, schließlich die letzten Geiseln freigelassen, unter ihnen auch Marc Wallert. Drei Tage später wird er von seinen Eltern am Flughafen Hannover empfangen.

Marc Wallert und seine Eltern überlebten das Geiseldrama in Malaysia.
(Quelle: DPA/EPA)

Wie genau die Geiseln am Ende freikamen bleibt unklar, denn offizielle Angaben über die Höhe des Lösegeldes gibt es nicht. Es wird vermutet, dass insgesamt 25 Millionen US-Dollar Lösegeld gezahlt worden sind. Die damaligen deutschen Politiker äußern sich nicht zu Details, betonen aber, dass die Freilassung nur mit Hilfe des ehemalige libyschen Machthabers Muammar al-Gaddaffi möglich war. Und trotz langem Martyrium: Alle Geiseln überlebten das Geiseldrama.

Marc Wallert und eine weitere Geisel kurz nach ihrer Freilassung am 9. September 2000.
(Quelle: AP)

Krisen überwinden

Marc Wallert kehrt schließlich in sein Leben, seinen Alltag zurück. Der Wirtschaftsspezialist arbeitet zunächst wieder in seinem alten Beruf als Berater, doch nach fünf Jahren fällt er in ein Loch: Burnout. Auch diese Krise überwindet er: "Ich habe gemerkt, dass es keine Lösung ist, nach Krisen einfach aufzustehen und weiterzumachen. Ich muss mich fragen, was ich daraus gelernt habe. Und was ich an meinem Leben ändern kann, damit sich eine ähnliche Krise in Zukunft nicht wiederholt."

Mittlerweile arbeitet der 47-Jährige als Vortragsredner, Trainer und Berater, schult nun andere im Umgang mit Krisen und gibt anhand seiner Entführungserfahrungen konkrete Tipps für Krisensituationen bzw. das Krisenmanagement, denn die schwere Zeit im Dschungel hat ihn auch viel gelehrt. Gerade jetzt in der Corona-Zeit sieht er viele Parallelen zu seiner Entführung: "Es ist eine unsichere Situation, es ist potenziell lebensgefährlich und vor allem die Menschen wissen auch heute nicht, wie lange das Ganze dauern wird."

Heute setzt Marc Wallert seine Krisenerfahrungen ein, um andere Menschen in schwierigen Situationen zu beraten.
(Quelle: Marc Wallert)

Sein im März erschienenes Buch "Stark durch Krisen: Von der Kunst, nicht den Kopf zu verlieren" über die damalige Zeit liest sich wie eine Anleitung, um persönliche und berufliche Krisen zu bewältigen. Marc Wallert möchte heute nicht mehr als Opfer wahrgenommen werden, sondern als Überlebender und will anderen mit dem, was er tut, Mut machen. Seine Strategie für die Bewältigung von Krisen: "Nicht den Kopf verlieren heißt für mich, dass ich positiv bleibe ohne leichtfertig zu werden."

(VOL.AT)

home button iconCreated with Sketch. zurück zur Startseite
  • VOL.AT
  • Welt
  • Von der Terroristengeisel zum Krisenexperten
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen