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Von den ersten Metern mit Benzinmotor

Draußen überrollen Hunderte Wagen die Rheinstraße, als wär’ das nix. Drinnen, im ÖAMTCStützpunkt Hard, hält Emmerich Gmeiner ein Buch in Händen aus einer anderen Zeit.

1893 hat Eugen Zardetti darin mit gestochen scharfer Handschrift seine Erlebnisse als Automobilist beschrieben.

Er war Marinemaler in der Monarchie. Er fuhr den ersten Wagen in Vorarlberg. 1893. Die Franzosen erobern Timbuktu. Ein Amerikaner erfindet den Reißverschluss. Und die Vorarlberger Landeszeitung vermerkt, dass „eine Droschke mit Benzinantrieb“ im Ländle sei. „Kostet 4000 Mark.“ Braucht keinen Hafer, aber von Kreuzlingen bis Arbon „zehn Kilo Benzin“. Macht allenfalls fremde Pferde scheu. Doch muss Zardetti „alle Augenblick Zünder wechseln“.

Draußen staut sich’s. Die Fahrer darben in der Zugluft ihrer Klimaanlagen. Drinnen blättert Emmerich Gmeiner in 577 Seiten, die er selber beschrieben hat. Der Lauteracher Kunstsammler Alwin Rohner hat ihm Zardettis Tagebuch überlassen. So beschrieb Gmeiner die Anfänge der Vorarlberger Automobilgeschichte. Er brauchte drei Jahre dafür. Denn „da gab es nicht viel“.

Berufene Hand

Gmeiner ist für so was der Richtige. 41 Jahre hat er das BregenzerStadtarchivgeleitet. Er weiß, wo er suchen muss. Und außerdem pulsiert Benzin in seinen Adern. Das würde er vornehmer ausdrücken. Aber wenn er seinem eigenen Oldtimer mit einem Putzwedel über die Motorhaube streicht, tut er das ungemein zärtlich. Auf der Rheinstraße rollen sie jetzt wieder. Einige schauen neidig herüber. „So was sollte man haben.“ Ja, haben ist das eine. Es beschreiben können, das andere.

Wenigstens da hat Gmeiner in Zardetti einen so ausdrucksstarken Textlieferanten gefunden, dass er sich mitunter wohl lachend zurückgelehnt hat. Wenn er etwa las, wie Zardetti einen unachtsamen Fußgänger als „Riesenkamel“ und „saudummes Menschenvieh“ beschimpfte. Oder über den Dornbirner Apotheker Karl Kofler: Der raffinierte sich sein Benzin selber zusammen. „Das Nebenprodukt Petroleum verkaufte er einer Textilfirma.“ Unzählige solcher Geschichten hat er gefunden. Alle Fahrzeuge der ersten Jahre haarklein dokumentiert. Und der Harder Kurt Hecht gab dem Buch im eigenen Verlag ein angemessen nobles Kleid. 1200 Bücher hat er gedruckt. Jedes kostet 58,50 Euro. Dafür erzählen sie aus einer Zeit, in der Autofahren noch so abenteuerlich war, dass man darüber Tagebuch schrieb.

Das Buch „Eugen Zardetti und die Auto-Vorarlberger“ wird am 7. Oktober ab 10.30 Uhr in der Vorarlberger Landesbibliothek präsentiert.

Emmerich Gmeiner

Beruf: Archivar
Geboren: 1937 in Hohenweiler
Familie: verheiratet, drei Kinder
Ausbildung: Matura, Staatsprüfung für den Gehobenen Fachdienst an Archiven
Laufbahn: 1958 bis 1999 Stadtarchivar von Bregenz, trägt seit 1996 den Berufstitel Professor.

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