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Vom Vorspiel zum "orogasumusu"

Die Deutschen sind Reise-Weltmeister. Auch ihre Wörter ziehen Wandervögeln gleich um die Welt und setzen sich als "wanderfógeru" (Wandervogel) im Japanischen fest.

In ihrem „ryukkusakku“ (Rucksack) transportieren sie dabei nicht immer unbedingt des Wortes deutsche Bedeutung, wie etwa das norwegische „vorspiel“ und „nachspiel“ zeigt. Weit über zehntausend solcher deutschen Lehnworte sind international bekannt.

Noch bis Ende der Woche sucht der Deutsche Sprachrat in der internationalen Ausschreibung „Wörterwanderung“ nach den schönsten Beispielen. „Wir haben schon gut 6.000 Zuschriften aus nahezu 70 Ländern“, sagte Lutz Kuntzsch, Experte bei der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden, die mit drei weiteren Organisationen dem Deutschen Sprachrat angehört.

Wandernden Wörtern ergeht es wie anderen Immigranten auch. Ihrer neuen Heimat passen sie sich an; so wie sich hierzulande etwa das lateinische „fenestra“ in Klang und Schriftbild zum „Fenster“ wandelte. Manche Wörter behaupten sich allerdings standhaft gegen Zwangsassimilation, wie etwa die französische „Pistole“, die Sprachpuristen im 19. Jahrhundert zum „Meuchelpuffer“ eindeutschten oder aus der „Mumie“ eine „Dörrleiche“ machen wollten. Andere Worte verschwinden dagegen langsam aus dem Sprachgebrauch, wenn Neubildungen das Lehnwort ersetzen, wie etwa der „Gehsteig“ das französische „trottoir“.

Auch reisenden deutschen Wörtern im Ausland ergeht das so. Sie werden in Klang und Orthografie angepasst, wie die finnische „kaffipausii“, das albanische „shnicel“ (Schnitzel), oder der sexuelle Höhepunkt, aus dem im Japanischen ein „orogasumusu“ wird.

Höchst willkommen sind fremde Wörter, wenn sie eine Sprache um eine unbekannte Begrifflichkeit bereichern. Das deutsche „Fernweh“ hat keine Entsprechung im Spanischen und ist dort deshalb als Lehnwort aufgenommen worden, erklärte Kuntzsch. Die herausragende Eigenschaft der deutschen Sprache, mehrere Wörter zu einem völlig neuen Begriff zusammensetzen zu können, zeigt sich an einer Vielzahl von Einsendungen wie etwa zum schwedischen „fingerspitzengefühl“, der russischen „zeitnot“ oder dem nigerianischen „istdasso“. Nicht so angenehm seien dagegen ausgewanderte deutsche Begriffe wie „Besserwisser“, „Schadenfreude“, „Hochstapler“ oder die „German angst“, sagte Kuntzsch.

Andere Wörter drücken dagegen ein positives Lebensgefühl aus. Etwa wenn US-Bürger die „wanderlust“ überkommt und sie sich in den „alpen“ einen Berg „abseil down“ hinab begeben, um dann im „beergarden“ deutscher „gemutlichkeit“ zu frönen, ohne dabei zu viel „to fress“. All diese Begriffe kamen mit den deutschen Auswanderern des 19. und 20. Jahrhunderts in die Neue Welt. Deutsche Touristen waren es dagegen vermutlich, die das „kaputt“ im Sinne von „erschöpft“ im Suaheli heimisch machten, das in Kenia und Tansania gesprochen wird.

Viel spannender sind für die Sprachforscher aber Bedeutungsverschiebungen wie das ungarische „vigec“, das aus dem deutschen „Wie geht„s ?“ zu einem Synonym für einen Vertreter an der Haustür wurde. Oder das japanische „arubeito“, das für einen kurzzeitigen (Studenten-) Job steht. Und dann ist da noch das norwegische „vorspiel“ und „nachspiel“: Diese Lehnworte stehen nicht für spezifisch deutsche sexualkundliche Leistungen. Sie entsprechen vielmehr dem Alkoholkonsum vor und nach einem gesellschaftlichen Ereignis, vergleichbar dem „Vorglüher“ und „Absacker“ hierzulande, freut sich Kuntzsch über diese Einsendung.

Wer Sieger wird bei der Ausschreibung und damit eine Kulturreise nach Deutschland gewinnt, ist noch offen. Fest steht aber schon, dass die hundert interessantesten Wanderwörter gemeinsam mit ihren Geschichten in einem Buch veröffentlicht werden. Die wären dann „wanderfógeru“ gleich, auf höherer Ebene und mit womöglich neuen Bedeutungsfacetten im „ryukkusakku“ wieder zu Hause angekommen.

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