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Vom Luxus der Kinder

Ein Schulhaus aus der Gründerzeit wird aufpoliert und mit zwei Flügeln erweitert
Ein Schulhaus aus der Gründerzeit wird aufpoliert und mit zwei Flügeln erweitert ©Robert Fessler
Satteins - Wie sich die Zeiten ändern: Einst residierten die Herrschaften in prächtigen Bauten mitten im Grünen, heute bildet die grüne Mitte mit ihren Bauten das Reich der Kinder.
Neues Reich für Satteinser Kinder

Dorf ist die Walgau-Gemeinde Satteins schon lange nicht mehr, nicht wenige der immerhin knapp 3000 Einwohner sind im nahen Feldkirch beschäftigt – eine Ortschaft im Wandel. Dem muss die Infrastruktur folgen, geänderte Erwerbsarten und Familienleben müssen in Einklang gebracht werden. Nicht nur die vielen Kinder bezeugen die Vitalität der Gemeinde, auch dass Plätze für gut 50 Kindergartenkinder und 120 Volksschüler geschaffen wurden. Und dass dies nun die neue grüne Mitte des Orts ist. Dort steht das Schulhaus aus der Gründerzeit, ein stattlicher Bau von erstaunlich guter Substanz und beachtlichen Raumzuschnitten. Anbauten der letzten Jahrzehnte hielten dem in keiner Weise stand und so wurde der Kern freigestellt. Nun wird er durch zwei neue Flügel gefasst, die ihm seine Stellung nicht streitig machen. Sie verschaffen sich Geltung, indem sie sich in die Tiefe entwickeln, auf eigene Art streng geometrisch auftreten und mit einem kräftigen Gelb einen farblichen Kontrapunkt setzen.

Das Zusammenspiel von Alt- und Neubauten schafft mit dem Hof nach Süden um alten Baumbestand einen großzügigen, doch geborgenen Raum, zugänglich von den Flügeln, integriert in den Alltag der Kinder und bespielbar bei Feiern in der Turnhalle mit flexibler Bühne. Doch auch nach Norden, mit Spielplatz, Pausenhof und großzügigem Entree der Schule macht die Folge der Bauten eine gute Figur. Dass das ganze Areal autofrei ist, rundet die Sache ab.

Die Schule betritt man über eine breite, in den gelben Neubau eingelassene Rampe, mit anschließender Halle, von der die um ein Geschoss abgesenkte Turnhalle einsehbar ist. Eine große Glasvitrine für Schülerarbeiten filtert den Blick nach draußen, den Blick in die Halle dagegen unterbricht eine Struktur aus Punkten, die bei genauem Hinsehen eine Schrift ergibt: „An jedem Punkt eröff net das Verstehen eine Welt“ steht da, Worte des Pädagogen und Lebensphilosophen Wilhelm Dilthey, Teil des vielfach preisgekrönten Kunstwerks von Angelika Mathis und Verena Petrasch. Jeder Punkt wird farbig mit dem Namen eines der Kinder belegt – die Struktur wandelt sich über die Jahre und wird bunt und bunter …

Konstruktiv sind die beiden Körper Betonbauten mit Innendämmung. Grobspanplatten als Schalungsmaterial geben dem gelb durchgefärbten Beton die charakteristische Oberfläche. Der Tragfähigkeit dieses Baustoffs verdanken sie die großmaßstäblichen Öffnungen. Weitgespannte Hohlkörperdecken über Turnsaal und Klassenzimmern wechseln mit Ortbeton über Nebenräumen. Eine wirtschaftliche Bauweise, die sich gar in geringfügiger Kostenminderung niederschlug.

Die Innenschale wechselt nach Nutzung: Der Allgemeinbereich hat weiße, neutrale Wände, die dank ihres Anstrichs mit Magnetfarbe bespielbar ist. Die Hauptnutzräume dagegen sind mit Holz „ausgeschlagen“, Wände, Boden und Akustikdecke Weißtanne. Bei der Materialwahl für diese hoch frequentierten Räume waren Atmosphäre, Raumklima und Akustik ausschlaggebend. Die Räume sind der Morgensonne zugewandt, im Fall der Schule zur ruhigen Nachbarschaft, im Fall des Kindergartens zum Hof.

Die Holzkabinette des Kindergartens, die sich den Hang hinab stufen, sind mit galerieartigen Einbauten versehen, die Kabinette im Maßstab der Nutzer ergeben – Kuschelraum, Spielküche, Bastelgalerie. Von hier öffnet eine großzügige Verglasung den Blick in den Flur, weit, weiß, glatter Terrazzo – und Blickfang der ganzen Anlage dank seiner bemerkenswerten Farbigkeit. Die Außenwand integriert hier Schränke und Installation und gibt den frei gesetzten Fenstern eine ungewöhnliche Tiefe. Ein jedes ist mit farbigem Filz ausgelegt, sodass die Gruppenräume um einen Spielraum von indirekt buntem Leuchten ergänzt werden.

Diese Farbigkeit wie das Gelb der beiden Bauten folgt eher spontaner Eingebung als einem akademischen Programm – Verneigung der Architekten vor der direkten Art der kindlichen Nutzer. Wichtig war ihnen auch, die Raumgestaltung mit den Betreuern abzustimmen. Das kommt der architektonischen Komposition nicht in die Quere, was besonders von Süden, mit Abstand betrachtet, ins Auge springt: Wie die beiden Flügel Hof, Baum und Altbau in die Arme nehmen, unterstrichen durch die leichte, helle Spange der Außentreppen und Vordächer: Da klingt in der Sprache unserer Zeit eine barocke Anlage an. Ein Schloss für die Kinder – keine schlechte Zukunftsidee!

Daten & Fakten

Architekten:
Arge HEIN-TROY_Thurnher

DI Matthias Hein Kirchstraße 2
6900 Bregenz

Mag. arch. Juri Troy
Burggasse 24/4
1070 Wien

DI Gernot Thurnher
Liechtensteiner Straße 5
6800 Feldkirch

Kunst am Bau:

Angelika Mathis
Verena Petrasch

Landschaftsplanung: Maria-Anna Moosbrugger

Statik: Mader/Flatz, Bregenz

Gewerke:

  • Baumeisterarbeiten: Dobler Bau, Röthis
  • Bauschlosser: Josef Hermann, Satteins 
  • Fenster: Manahl, Bludenz 
  • Innenausbau: Holz: Lenz Nenning, Dornbirn | Möbeltischler: Plattner, Hohenems

Schule: Aula, 3 Klassenräume, Turnhalle mit Nebenräumen

Kindergarten: 4 Gruppenräume, Bewegungs- und Schlafraum, kleine Kantine

Bezug Schule: 2009

Bezug KiGa: 2010

Nutzfläche:

  • Altbau: 970 m²
  • Neubau: 1798 m²

Gesamtkosten: 6,5 Mio. Euro

(Leben & Wohnen/ Florian Aicher)

Für den Inhalt verantwortlich:
vai Vorarlberger Architektur Institut
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in Vorarlberg, Neben Ausstellungen und Veranstaltungen
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