Vom Konzertkristall zum Konfliktherd

Die Geschichte des geplanten Konzertsaals für die Wiener Sängerknaben am Augartenspitz ist mittlerweile lang und etwas verworren. Bereits 2004 gab es erste Gerüchte über einen unterirdischen Konzertsaal neben dem Augarten-Palais, wobei eine Eröffnung zum Mozartjahr 2006 in Aussicht stand. Daraus wurde allerdings zunächst nichts.

Im Februar 2006 bestätigte der damalige Sängerknaben-Präsident Eugen Jesser dann, dass man einen Konzertsaal am Augartenspitz plane und verwahrte sich gegen andere Standorte wie die abgebrannten Sofiensäle. Im Augarten-Palais als Stammsitz der Sängerknaben gebe es keine entsprechende Aufführungsstätte. Jesser sprach damals von einer “Win-Win-Situation für alle Beteiligten” durch den geplanten “Konzertkristall”. Für den Baubeginn wurde das Frühjahr 2007 angestrebt.

Bekämpft wurde die Standortwahl jedoch von Grünen und Anrainern. Hier war von “Touristenfalle” die Rede, Verkehrschaos wurde prognostiziert und der Erhalt der Grünfläche gefordert. Auch der für das Sängerknaben-Projekt vorgesehene Abriss eines barocken Pförtnerhäuschens stand in der Kritik.

Im März 2007 ließen schließlich Viennale und Filmarchiv mit ihrer Idee eines Filmkulturzentrums am Standort aufhorchen, für das die beiden Institutionen bereits das Ehepaar Reder als privaten Sponsor präsentierten. Im April 2007 stellte der Bund als Besitzer der fraglichen Liegenschaft eine Prüfung beider Projekte in Aussicht.

Im Dezember 2007 unterzeichneten allerdings die Sängerknaben den Vertrag mit der Burghauptmannschaft. Die Idee eines gemeinsamen Projektes mit dem Filmarchiv war gestorben. Viennale-Direktor Hans Hurch echauffierte sich über “Kaltschnäuzigkeit” und konstatierte den “Endpunkt der politischen Unkultur, die zu diesem Projekt geführt hat”. Für den Baubeginn wurde das Frühjahr 2008 angestrebt.

Bereits im Dezember 2007 gab es allerdings eine eintägige Warnbesetzung durch die Grünen, und Einsprüche der Anrainer verzögerten die laufende Bauverhandlung. Im April 2008 lud erstmals das “Josefinische Erlustigungskomitee” der Protestierenden zum Barockfest in den Augarten.

Im Oktober 2008 präsentierten die Sängerknaben ein adaptiertes, kleineres Projekt, um den Kritikern entgegenzukommen. Auch vom Abriss des Pförtnerhäuschens wurde wegen Bedenken des Denkmalamtes abgesehen. Vom Begriff “Konzertkristall” war nicht mehr die Rede. Für den Baubeginn wurde das Jahr 2009 angestrebt.

Mitte 2009 errichteten die Aktivisten ein erstes Protestlager am Areal, um Probebohrungen in der Bauvorbereitung zu verhindern. Im Juli 2009 gesellten sich prominente Baumpaten hinzu, darunter Schriftsteller Robert Menasse oder Regisseurin Barbara Albert, die sich gegen die vorgesehenen Abholzungen und die Okkupation des öffentlichen Raumes durch Private wandten. Am 8. Juli wurde das Grundstück auf Begehren der Burghauptmannschaft durch die Polizei geräumt.

Am 24. August besetzten die Gegner das Areal erneut und forderten Bürgermeister Michael Häupl (S) als Mediator, was dieser zwar nicht ausschloss, aber wiederholt seine Unterstützung für das Projekt signalisierte. Am 16. September wurde bekannt, dass die Sängerknaben Räumungs- und Unterlassungsklage gegen die Aktivisten eingebracht haben. Zugleich wurde bekanntgegeben, dass der neue Konzertbau den Namen Dr.-Eugen-Jesser-Saal tragen soll.

Nachdem die Baubehörde die Berufung gegen den Baubescheid abgewiesen hatte, ließen die Sängerknaben in der Nacht auf den 7. Oktober auch die zweite Besetzung des Geländes räumen. Für den Baubeginn wird spätestens das Frühjahr 2010 angestrebt.

home button iconCreated with Sketch. zurück zur Startseite
  • VOL.AT
  • Kultur
  • Vom Konzertkristall zum Konfliktherd
  • Kommentare
    Kommentare
    Grund der Meldung
    • Werbung
    • Verstoß gegen Nutzungsbedingungen
    • Persönliche Daten veröffentlicht
    Noch 1000 Zeichen