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Vom Grab zur Gans

1, 2, 3 im Sauseschritt eilt die Zeit, wir eilen mit. Ob die Zeit es ist, die eilt, ob wir es sind, die das Eilen der Zeit zuschieben, ob man der Zeit überhaupt nachrennen kann, sei dahingestellt. Soll sich doch irgend ein Philosophikum drum bekümmern. Mir ist das zu „viel, o Sophi, kum. Allerseelen ist, eilen wir ans Grab, essen wir abends Kastanien und vergessen im Alter den Tod mit dem Psalter“. Jetzt und in der Stunde unseres Absterbens Amen! „Absterben“ triffts besser als „in der Stunde unsere Todes“, finde ich, auch die Weiber sind leider seit der letzten Sprachregelung gestrichen. Feel o Sophi! Du bleibst für mich gebenedeit unter den Weibern. Lass uns den Glorreichen beten, seine Gsätzle mag ich. Mit der 1. Perle wird auferstanden, mit der 2. aufgefahren in den Himmel, mit der 3. fährt der Geist ein, mit der 4. wird die Jungfrau aufgenommen, da seh‘ ich ein Problem für dich, o Sophi, drum lass „jung“ weg, dann bleibt die Frau, die mit der 5. Perle gekrönt wird. So auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit, Amen. Allezeit und Ewigkeit ist spekulativ, nicht aber jetzt. Most und Kastanienzeit ist. Zum Rosenkranz, welch schönes Wort, sind auch Tantelante und Onkelfuronkel gekommen. Nach dem Gebetsingsang bietet Sophi Musik vom Handy an. Was wollt ihr hören? Mariechen? Warum weinst Du holde Gärtnersfrau? Das Elterngrab? Brief eines Fremdenlegionärs? „Das Elterngrab!“ lautet die vielstimmige Antwort. Sophi legt ihr Handy in die Mitte, die Kerze flackert, Furunkel snifft, Mama strickt, der Mostkrug kreist, der Papa verbrennt sich die Finger an einer heißen Kastanie, Sophi googelt: „das Elterngrab.wmv“ – Youtube. Gehe hin und tue desgleichen, LeserIn, dann hörst du erst die Trompete, danach zwei stimmlich gebenedeite Weiber die Edelschnulze singen: „Ich kenn’ ein einsam Plätzchen auf der Welt, liegt ruhig, still verborgen. Dort flieh’ ich hin, wenn mich Kummer quält, es plagen mich die Sorgen. Und fragst du mich, so sag’ ich’s dir, es liegt nicht weit, nicht weit von hier.“ Beim Refrain stimmen alle glorreich ein: „Der schönste Platz, den ich auf Erden hab, das ist die Rasenbank am Elterngrab“. Es läutet. Das ist zu „viel, o Sophi, kum“, mach auf. Sie geht zur Tür. Wer ist es? Eine Gans wackelt herein: jungfräulich, weiß, glorreich; hat ein Brieflein im Schnabel: „ In 10 Tagen werdet ihr mich essen!“ Statt betroffen zu sein läuft uns das Wasser im Mund zusammen, Sophi schwärmt vom Rotkraut mit Kastanien, Tantelante von der Preiselbeermarmelade, Onkelfuronkel von der Semmelknödelfülle. Mir erscheinen Kartoffelknödel, gekochte Äpfel und der heilige Martin. Ich gerate ins Sinnieren ob der dichten Symbolik. Das ist mir zu „viel, o Sophi!“. Mist! Mag mehr Most!

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