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Verständig beständig

Ein Mehrwohnungshaus in Diepoldsau bietet anspruchsvollen Raum für sieben Mietparteien.
Ein Mehrwohnungshaus in Diepoldsau bietet anspruchsvollen Raum für sieben Mietparteien. ©Christian Grass
Diepoldsau - Wohnen in der Nähe zu städtischen Zentren und doch ruhig und im Grünen – heißt das nicht: Häuschen mit Gärtchen, eins gleich dem andern, unübersehbar in die Fläche ausgebreitet? In Diepoldsau wurde eine moderne Alternative gesucht.
Sieben unter einem Dach

Wie eine Insel liegt Diepoldsau in der Rheinebene, gefasst von der Schleife des Alten Rheins und dem regulierten neuen Bett des Flusses – eine einst durch Landwirtschaft und Textilheimindustrie geprägte Gemeinde, die bis zur Flussregulierung 1923 oft von Hochwassern heimgesucht wurde. Seit dreihundert Jahren ist sie Grenzgemeinde, entsprechend beschaulich die Entwicklung.Am nördlichen Teil der Gemeinde in direkter Nachbarschaft zu einer Villa erstand das in Diepoldsau gebürtige Ehepaar ein größeres Grundstück, um Wohnraum für die Familie zu schaffen. Zur Finanzierung dieses Projekts wurde zusätzlicher Wohnraum geplant. So entstand ein Bauvolumen von sieben Wohnungen, verteilt über zwei Geschoße, optimal den rechtlichen Rahmen nutzend.

Ein junger Architekt aus dem Dorf, mit der Familie seit Langem bekannt, wurde mit der Planung betraut. Neue Ideen und eine rationale Architektur waren gefragt – in den Worten des Bauherrn: „Schlicht und einfach und effizient.“ Dem Architekten Dominik Hutter mit Partner Thomas Nüesch wiederum ging es darum, dieses große Bauvolumen „gut einzufügen, es möglichst klein zu halten. Der Kontext ist uns wichtig, erst dann kommt die Materialwahl.“ Dabei bildet die benachbarte Villa einen wichtigen Maßstab „in Kubatur, farblicher Anmutung und Werthaltigkeit des Bauwerks – keine wörtliche Übernahme von Architekturdetails“, so Architekt Hutter.

In den 20er-Jahren stellte Le Corbusier ein Konzept rationalster Bauplanung vor: Drei horizontale Scheiben, Stützen und Treppe aus Beton bildeten das konstruktive Gerüst, Hülle und Trennwände bildeten die sekundäre Ausfachung. Ähnlich radikal wurde hier vorgegangen: Ein innen liegender Kern des Treppenhauses mit Tageslicht von oben, betonierte Decken, die Außenwand konsequent als raumhohe Glaswand (ausgenommen die Nordseite) mit Schiebe- und Flügeltüren, davor umlaufend Balkone bzw. Veranden, Trennwände gemauert. Vordach, Balkon und Veranda stimmen überein und markieren die Außenkante des rechteckigen Volumens. Das Gebäude entwickelt sich dementsprechend in die Tiefe. Es bleibt unterhalb der Traufe der benachbarten Villa. Deren klassische Farbigkeit – das Dunkelbraun der Dachziegel und die weißen bis hellgrauen Wände – findet man beim Neubau wieder. Das betrifft vor allem das außergewöhnliche Erscheinungsbild des Obergeschoßes: eine „Haut“ aus verschieb- und faltbaren Paneelen umgibt die Balkone (und die geschlossene Nordwand), schließt das Volumen. Diese Paneele sind aus braun eloxiertem Aluminium, gekantet und gelocht. Mit einem Lochanteil von ca. 30 % ist es innen noch immer hell – „wie unter dem Blätterdach der Bäume hier“, schwärmt der Bauherr, „sensationell, Schatten und immer ein Luftzug.“

Natürlich spielt der Außenbezug eine große Rolle. Nach West und Ost sind die Balkone schmal, sie weiten sich nach Süden; bei den Wohnungen ohne Südbalkone stülpen sie sich ins Hausinnere und bilden ein intimes Atrium. Soweit das Obergeschoß. Und im Erdgeschoß, dem Gartengeschoß? Was oben die stilisierten Blätter sind, wird bald die hohe, geschlossene Blätterwand der Hecke sein, 8–10 m vor der Glaswand, dazwischen der private Gartenanteil. So rational die Disposition des Gebäudes, so sehr um Klarheit bemüht ist die Ausführung. Die Gärten: kurzer Rasen und gewaschener Kies. Innen: massives Eichenparkett, Weißputz an den Decken, mineralischer Feinputz auf den Wänden, Einbauten inkl. Küchen mit weißem Hartlack und weißem Kunststein, Bäder in schwarzem Kleinmosaik (mit eindrucksvollem Lichtschacht von oben) und Fenster in schwarz gestrichener Holzkonstruktion mit hochwertiger Dreifachverglasung. Das Haus verfügt über eine kontrollierte Be- und Entlüftung, Fußbodenheizung, versorgt von einer Erdsonden-Wärmepumpenanlage. Auf eine Unterkellerung wurde verzichtet, ein großzügiger Fahrradraum und kleine Keller-Ersatzräume ergänzen das Wohnungsangebot. Gedeckte Pkw-Stellplätze befinden sich unter dem nördlich auskragenden Obergeschoß.

Maßgebend war die benachbarte Villa – nicht als äußerliches Vorbild, sondern im Hinblick auf die Wertigkeit: Nachhaltig, klar, beständig war gewünscht. In den Worten des Bauherrn: „Eine Mietwohnung mit Eigentumscharakter – hochwertig, ohne extravagant zu sein. Ein ruhiger, schöner Block, etwas Besonderes – eine Oase im Siedlungs-Allerlei.“

Daten & Fakten

Objekt: Neubau Mehrfamilienhaus, Zwinghofstraße 2, Diepoldsau, Schweiz

Bauherrschaft: Erich und Yvette Sieber-Breu, Diepoldsau

Architektur: Hutter Nüesch Architekten, Berneck, Schweiz

Bauingenieur: D + S Baustatik, Widnau, Schweiz

Elektroingenieur: Schmidheiny Engineering, Widnau

Heizung, Sanitär, Lüftung: Comoltech, Widnau

Akustik/Bauphysik: Braune Roth, Rorschacherberg, Schweiz

Objektdaten:

Fertigstellung: Juli 2012
Grundstückfläche: 1824 m²

Wohnungsspiegel:

  • 1 x 2,5 Zimmer, Wfl. 72 m²
  • 3 x 3,5 Zimmer, Wfl. 100-103 m²
  • 3 x 4,5 Zimmer, Wfl. 117-118 m²

Bauweise: Massivbauweise aus Beton und Ziegel. Wände und Decken im Außenbereich und in Gemeinschaftsräumen aus Sichtbeton, innerhalb der Wohnungen verputzt. Gestrichene Holzfenster mit 3-fach-Isolierverglasung. Faltschiebeläden aus gelochten Aluminium-Trapezblechen im Obergeschoß. Wärmeerzeugung mittels Wärmepumpe mit Erdsonden. Komfortlüftungsanlage.

Ausführung:

  • Baumeisterarbeiten: Huag, Diepoldsau;
  • Fenster aus Holz: Gautschi Holz- und Fensterbau, St. Margrethen, Schweiz;
  • Metallbauarbeiten Schlosserei Klocker, Dornbirn;
  • Faltschiebeläden : Kindt Fensterläden, Regensdorf, Schweiz/
    Lochung und Faltung: Battisti, Röthis;
  • Bodenbeläge aus Holz: Artparquet, Diepoldsau

Leben & Wohnen

Für den Inhalt verantwortlich:
vai Vorarlberger Architektur Institut
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