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Vater unser

Ulrich Gabriel
Ulrich Gabriel

In Zeiten des Zerfledderns hat der Zanzenberg seit der Eiszeit dem Dauerbeschuss globaler Konsumverblödung Stand gehalten und bis heute subjektiven Überblick bewahrt. Etwa nicht? Jetzt allerdings reicht der geisttötende Sumpf der Staats- und Nachrichtengeschäfte bis knapp unter den Körnerstein und droht überzuschwappen. Die Gefahr der Verdunklung der lichten Höhe ist gegeben. Das lassen wir (Der Baron, Eisbär, Kater & ich) uns nicht bieten und reagieren. Aufstehn genügt nicht. Aufstockung! Nicht mit Sandsäcken, Erhebung mit schöpferischer Erhöhung ist angesagt. In dieser Situation kommen, tausend Dank, zwei junge Frauen zu Hilfe und stellen mit ihren Erstlingsromanen literarische Bollwerke auf. Diese sprachlichen Geschütze können uns am Ende des Dummsommers vor der großen Herbstfäulnis, dem Wahlkampf, retten.

Zuerst Angela Lehners (1987) Werk. „Das perfekte Buch für den Moment …“ nennt die Kritik ihr Romandebut. Der Titel lässt zunächst stocken: „Vater unser“. Teil 1: „Der Vater“ und Teil 2: „Der Sohn“ spielen am Spiegelgrund. Teil 3: „Der heilige Geist“ bringt die Flucht mit dem Ziel, den Vater zu töten. Eva Gruber hat keine Angst, im Gegenteil. Eva ist als praktizierende Narzistin, zur „Patientin“ geworden; zur „Geistesgestörten (?), wie es sie noch nicht gegeben hat“ (zit. Mayerhoff). Sie spricht unverfroren aus, was unter Vernunftnormalen als unaussprechlich gilt. Frisch, falsch, froh, frech, komisch, uns provokant fürchtet Eva sich vor nichts, manipuliert ihre Heilsgesellschaft, den Psychiater und sein Anstaltspersonal. Eva Gruber ist ständig aktiv, ist mild, gewalttätig, heult, ist radikal, liebt, stürzt als tobender Gebirgsbach über einen Fall nach dem andern, mündet nie. Kein Ausruhen. Ein wütender Spiegel der Wirklichkeit. „Manche scheinen anstelle des Gehirns ja die Kronenzeitung in den Kopf transplantiert zu haben“, sagt sie zum Psychiater Korb. Der hängt sich auf. Das Seil dreht sich ein, dreht sich aus. „Woher konnte Korb solche Knoten machen?“ Am Ende steht sie vor der geschlossenen Haustür im Kärntner Dorf und schreit „Papa!“, ballt die Fäuste, ruft „Komm heraus, du feige Sau!“ (zit. Lehner). Sie verbreitet mal, ihre Eltern seien tot, erzählt unter Tränen, ihr Vater habe sie missbraucht, dann wieder, dass sie eine Kindergartenklasse erschossen habe. Die Kinder in der Volksschule sagen „Eva lügt immer.“ Eva Gruber aber spricht oft aus, was man sich selbst denken könnte. Rasant saust das Buch zwischen Erfindung, Lüge und (erzählter) Wirklichkeit wild hin und her, womit der Kreis zur Einleitung prächtig geschlossen ist. Ein Blitzlicht im Dschungel der Gegenwart: Hanser-Literaturverlag.

Das zweite Geschütz „Die Kongregation“ von Lydia Haider (1985) folgt demnächst.

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