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Usbekistan: Deutlich höhere Opferzahlen

Die Unruhen im Osten Usbekistans haben Augenzeugenberichten zufolge deutlich mehr Menschenleben gefordert, als bisher angenommen. Präsident Karimow gab den Aufständischen die Schuld an der Eskalation. 

In der Stadt Andischan berichteten Bewohner und Menschenrechtsaktivisten am Samstag von hunderten Toten, die mit Lastwagen und Bussen abtransportiert würden. Unter den Opfern seien auch Frauen und Kinder. Krankenhäuser meldeten mindestens 50 Tote. Der Präsident der zentralasiatischen Republik, Islam Karimow, gab die Zahl der Toten mit rund 30 an; darunter seien neun Soldaten und zehn „Kriminelle“, wie er die Aufständischen nannte.

Es waren die schwersten Konflikte in der Geschichte Usbekistans seit der Unabhängigkeit der Ex-Sowjetrepublik im Jahr 1991. Laut Karimow gab es während der Unruhen in Andischan keinen Befehl zum Beschuss von Demonstranten. „Ich weiß, Sie wollen wissen, wer den Schießbefehl gegeben hat … niemand hat angeordnet, auf sie zu schießen“, sagte der Präsident am Samstag sichtlich verärgert vor Journalisten. Hinter dem Aufstand stünden die gleichen Verdächtigen aus dem Umfeld der verbotenen radikal-islamischen Hizb ut-Tahrir (Partei der Befreiung), die auch den Umsturz im benachbarten Kirgisien organisiert hätten, sagte Karimow. Die Aufstände seien planvoll organisiert und durchgeführt worden, wobei die Pläne dafür im Süden Kirgisiens und im Grenzgebiet des Fergana-Tals erarbeitet worden seien.

Karimow erklärte, die Behörden hätten vor den Schüssen auf die Demonstranten versucht, in Verhandlungen eine friedliche Lösung zu erreichen. Die Forderungen der Demonstranten seien jedoch inakzeptabel gewesen, daher habe der Aufstand mit Gewalt niedergeschlagen werden müssen. Zu den Organisatoren den Aufstands gehörten nach Aussagen Karimows Personen aus Kirgisien.

Während Russland der „befreundeten Regierung Usbekistans“ seine Unterstützung zusicherte, äußerte sich das westliche Ausland deutlich distanzierter. Die Europäische Kommission gab der usbekischen Regierung eine Mitschuld am Ausbruch der Revolte. „Die aktuelle Lage ist auch ein Ergebnis des Mangels an Respekt der Regierung für die Menschenrechte und die Rechtsstaatlichkeit“, sagte ein Kommissionssprecher in Brüssel. US-Außenamtssprecher Richard Boucher erklärte, es sei möglich, dass bei der Erstürmung des Gefängnisses in Andischan Mitglieder der als terroristisch eingestuften Islamischen Bewegung Usbekistans frei gekommen seien. Die USA forderten alle Beteiligten an dem Konflikt auf, Zurückhaltung zu üben.

Am Freitagabend hatten in Andischan Sicherheitskräfte das von bewaffneten Aufständischen besetzte Gebäude der Gebietsverwaltung gestürmt. Dabei schossen die Militärs nach Berichten von Augenzeugen auch wahllos in die Menschenmenge, die vor dem Sitz der Gebietsregierung gegen das Regime protestierte. Die Unruhen hatten sich an einem Prozess gegen 23 örtliche Geschäftsleute entzündet, denen religiöser Extremismus vorgeworfen wird. Bewaffnete Banden hatten die Angeklagten und tausende weitere Häftlinge in der Nacht auf Freitag aus einem Gefängnis der Stadt befreit.

Nach dem Ende der Schießereien Samstagmittag kamen wieder tausende Menschen im Stadtzentrum von Andischan zusammen. Regionale Agenturen berichteten, auf dem Regionalflughafen der Stadt seien zahlreiche Transportmaschinen gelandet. Es sei unklar, ob die Staatsmacht damit weitere Militäreinheiten in das Konfliktgebiet bringe.

Mehr als 600 Usbeken flohen über die nahe Grenze in das benachbarte Kirgisien. Einige Flüchtlinge hätten Schussverletzungen, teilte ein Sprecher des südkirgisischen Gebietes Dschalal-Abad mit. Auch aus der Grenzstadt Karassu, knapp 50 Kilometer östlich von Andischan, wurden Unruhen gemeldet. Die Agentur „Fergana.ru“ berichtete unter Berufung auf Informanten von Ausschreitungen gegen die Polizei. Die Behörden dementierten dies.

Die Stadt Andischan liegt im Fergana-Tal im Osten des Landes. Das Tal ist nach Ansicht der Regierung eine Hochburg von Moslem-Extremisten. Usbekistan ist einer der Verbündeten der USA in dem von Präsident George W. Bush ausgerufenen Krieg gegen den Terror. Im Westen wird dem seit 1989 regierenden Karimow vorgeworfen, Menschenrechte zu verletzen. Bürgerrechtsgruppen zufolge gibt es mindestens 6.000 Häftlinge im Land, die aus religiösen oder politischen Gründen gefangen gehalten werden.

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