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USA: Dick Cheney unter Beschuss

Seit dem Jagdunfall, bei dem er statt einer Wachtel einen Anwalt anschoss, schütten Talkmaster, Kolumnisten und Zeitungsmacher kübelweise Spott und Häme über US-Vizepräsident Dick Cheney aus.

Der Mann hinter George W. Bush ist zum Gespött der Nation geworden. Doch der Vorfall ist viel zu ernst, als dass ihn auch das Weiße Haus mit Humor abtun könnte.

Nicht nur, dass der Zustand des Opfers schlimmer ist als zunächst angenommen: Nach Angaben der Ärzte erlitt der 78-jährige Harry Whittington eine leichte Herzattacke, nachdem eine der Schrotkugeln in sein Herz abwanderte. Auch lässt der Vorfall die generelle Kritik am geheimniskrämerischen Stil des Vizepräsidenten aufleben, der als Drahtzieher des unpopulären Irak-Krieges gilt.

Es ist nicht so sehr der fehlgegangene Schuss an sich wie sein späterer Umgang mit dem Malheur, der Cheney nun in die Bredouille bringt. Der Bush-Vize hatte nach dem Vorfall vom Samstag zunächst darauf verzichtet, die Öffentlichkeit zu informieren. Stattdessen war es Katharine Armstrong, die Besitzerin der südtexanischen Ranch, auf der Cheney seinen Jagdausflug unternommen hatte, die mit einem Tag Verspätung eine Lokalzeitung anrief und die Berichterstattung ins Rollen brachte. „Wir werden nie wissen, ob das Büro des Vizepräsidenten jemals den Vorfall bekannt gegeben hätte“, hätte Armstrong nicht von sich aus beschlossen, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, konstatierte der Kolumnist David Ignatius in der „Washington Post“.

Cheney weicht seit dem Vorfall aber auch weiterhin den Reportern in Washington aus. Bisher gab er dazu lediglich zwei knappe schriftliche Statements ab. In dem ersten gab er zu, die Jagdgebühr von sieben Dollar nicht gezahlt zu haben. Im zweiten teilte er mit, in „Gedanken und Gebeten“ bei Whittington und dessen Familie zu sein. Den oppositionellen Demokraten ist dies natürlich viel zu wenig. Sie geißeln das Verhalten des Vizepräsidenten als Ausdruck einer allgemeinen Geisteshaltung – die Regierung weigere sich ständig, „Informationen herauszugeben, die für alle wichtig sind“, wetterte die Senatorin und frühere First Lady Hillary Clinton, die sich nach Meinung vieler schon für eine mögliche Präsidentschaftskandidatur 2008 in Stellung bringt.

In der Tat verkörpert Cheney wohl wie kein anderer eine in der Bush-Regierung besonders ausgeprägte Abwehrhaltung gegenüber den Medien. Der Vizepräsident spricht generell nur ungern mit Journalisten und tritt auch nur selten als Redner auf – dann aber vor ihm wohlgesonnenen konservativem Publikum. Am Liebsten betätigt sich der 65-Jährige, der vor seinem Amtsantritt 2001 bereits vier Herzattacken erlitten hatte, als Strippenzieher hinter den Kulissen.

Mit seiner Aura des Mysteriösen ist Cheney das Objekt ständiger Kaffeesatzleserei in Washington. Spekuliert wird über die Zusammensetzung seiner einstigen Kommission zur Energiepolitik – Cheney hat die Namen der Mitglieder nie genannt. Gerätselt wird über seine Rolle bei der Vorbereitung des Irak-Krieges – manche werfen ihm vor, die Manipulation von Daten über Saddam Husseins Waffenarsenal federführend betrieben zu haben. Und spekuliert wird nicht zuletzt auch über seine Rolle im Skandal um die Enttarnung der Geheimagentin Valerie Plame, der zur Anklageerhebung gegen seinen zurückgetretenen Stabschef Lewis Libby geführt hat.

In seiner Rolle als extrem effektiver Drahtzieher hinter Bush gilt Cheney als der mächtigste US-Vizepräsident aller Zeiten. Aber er ist wohl auch einer der unbeliebtesten. Kurz vor dem Jagdunfall zeigte ihn eine Umfrage des Senders CBS und der „New York Times“ bei der desaströsen Zustimmungsrate von 23 Prozent. Insofern gibt Cheney nun auch ein besonders dankbares Ziel für die Spötter ab. In der satirischen Nachrichtensendung „The Daily Show“ von Jon Stewart berichtete einer der Pseudo-Reporter, dass Cheney sich „auf die besten vorhandenen nachrichtendienstlichen Daten“ verlassen habe, wonach in dem Gestrüpp Wachteln versteckt gewesen seien – eine Anspielung auf die Argumentation zu den nie gefundenen Massenvernichtungswaffen im Irak.

Gefährlicher als solche Lästerei sind für Cheney aber die seit dem Unfall deutlich erkennbaren Spannungen innerhalb des Weißen Hauses. Pressesprecher Scott McClellan vermied zwar jegliche direkte Kritik an Cheney und dessen Stab, ließ aber durchblicken, dass er selbst eine andere Informationspolitik betrieben hätte: Nachdem sich der Präsident im vergangenen Sommer bei einem Sturz vom Fahrrad verletzt hatte, habe er „sofort die Presse gebrieft“, rief McClellan in Erinnerung. Noch gibt es zwar keinerlei Anzeichen dafür, dass auch Bush von seinem Stellvertreter abrücken könnte. Doch Cheneys Stellung im Machtgefüge des Weißen Hauses scheint zumindest vorübergehend geschwächt.

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