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Umstrittener Vorschlag: Höhere Pensionen für mehr Kinder

Um die Finanzierungsprobleme des Sozialsystems zu lösen, hat ein Schweizer Ökonom einen unkonventionellen Vorschlag.
Um die Finanzierungsprobleme des Sozialsystems zu lösen, hat ein Schweizer Ökonom einen unkonventionellen Vorschlag. ©Canva (Symbolbild)
Ein Vorschlag, der nicht nur auf Begeisterung trifft: Weil die Geburtenrate in der Schweiz auf einem historischen Tiefstand ist, spricht sich ein Basler Ökonom für eine kinderabhängige Pension aus: Wer mehr Kinder zeugt, soll mehr Pension erhalten.
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In der Schweiz ist die Geburtenrate, wie in vielen anderen Ländern, auf ein historisches Tief gesunken: laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) auf nur 1,39. Entsprechend hoch sind die Sorgen um die Finanzierung des Sozialsystems. Laut Ökonomin Veronica Weisser, von der Schweizer Großbank UBS, komme es durch die niedrige Geburtenrate zu einer Verschärfung der Finanzierungsengpässe, wovon neben der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) auch die Gesundheitsversicherung sowie die Pflege betroffen seien.

Ein gewagter Vorschlag

Der Basler Ökonom Wolfram Kägi, der das Volkswirtschaftliche Beratungsbüro BSS leitet, plädiert deshalb für eine kinderabhängige Rente. Gegenüber der "NZZ" erklärt er, dass die AHV an einem "Konstruktionsfehler" leide, da der Umstand ignoriert werde, dass es ohne Kinder irgendwann auch keine Pension mehr geben werde. "Stattdessen wird einfach angenommen, dass stets genügend Familien da sind, die Kinder aufziehen – und damit einen Dienst für die Allgemeinheit leisten", meint Kägi.

Durch die AHV würden Eltern einer finanziellen Mehrbelastung ausgesetzt werden. Die Rendite der Kinder werde sozialisiert, während die Eltern die meisten Kosten für die Kinder privat decken müssen. Würde man die Höhe der Pension an die Anzahl der Kinder koppeln, würde dies laut Kägi diese finanzielle Mehrbelastung zumindest teilweise kompensieren.

Sind Eltern bisher im Nachteil?

Ein Befürworter dieser Idee ist Professor Bernd Raffelhüschen, Leiter des Forschungszentrums für Generationenverträge an der Universität in Freiburg im Breisgau. Für ihn mache der Vorschlag wirtschaftlich durchaus Sinn: "Wer sich gegen Kinder entscheidet, wird für das Rentensystem zu einem Trittbrettfahrer: Er profitiert von Leistungen, zu denen er kaum etwas beigetragen hat", meint er.

"Dass jene, die stärker für die nächste Generation sorgen, einen Ausgleich für ihre Aufwendungen erhalten, scheint mir gerechtfertigt", so Raffelhüschen weiter. Natürlich dürfe man aber grundsätzlich keine Altersarmut zulassen - ganz unabhängig davon, ob jemand Kinder habe oder nicht.

Eine Million Franken weniger

Kinderlose Personen würden zwar Kinder mitfinanzieren, etwa durch kostenlose Schulbildung durch den Staat, Steuerabzüge und Kinderzulagen, doch diese Unterstützung des Staates reiche bei Weitem nicht aus, um die finanzielle Mehrbelastung sowie entsprechende Nachteile der Eltern zu kompensieren. Beispielsweise seien Eltern oft gezwungen, weniger zu arbeiten oder auf Karrierechancen zu verzichten.

Diese finanziellen Nachteile hebt auch UBS-Ökonomin Weisser gegenüber der "NZZ" hervor und verweist auf eine entsprechende UBS-Studie. Dabei wurde errechnet, dass ein durchschnittliches Paar mit zwei Kindern bei Erreichen des Rentenalters unter Berücksichtigung aller Vergünstigungen und Zuschläge etwa eine Million Franken (circa 1,03 Millionen Euro) schlechter gestellt sein wird als ein Paar ohne Kinder.

Kinderlose weniger belastend für Infrastruktur und Sozialsystem

Sylvia Locher, Präsidentin der Organisation Pro Single Schweiz, hält hingegen nichts von der kinderabhängigen Rente und bezeichnet sie als "Blödsinn". "Wir Kinderlosen lassen uns sicher nicht einreden, dass wir einen zu geringen Beitrag für die Gesellschaft leisten", erklärt sie gegenüber der "NZZ". Immerhin würden sie die Infrastruktur und das Sozialsystem auch entsprechend weniger belasten als eine Familie mit Kindern.

"Blödsinn" und "Panikmache"

Hier verweist sie auch auf das Thema Schulen: Sie unterstützte die öffentliche Finanzierung des Bildungswesens "mit Überzeugung", aber die Schulen würden bereits jetzt an ihre Grenzen stoßen. Eine höhere Geburtenrate und entsprechend auch mehr Kinder würden die Schulen laut Locher überlasten.

Die Prognose, dass für die Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) in Zukunft zu wenig junge Menschen nachkommen, halte sie für "Panikmache".

(VOL.AT)

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