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Umstrittene Wahlen in Kaschmir

In Kaschmir steht ein Urnengang an, der von keiner Seite wirklich gewollt wird. Die Menschen erwarten von den Wahlen Gewalt und keinen Frieden.

Im indischen Teil Kaschmirs wird von Montag (16. September) gewählt. Außenstehende könnten meinen, alle müssten begeistert sein über diese Chance. Die Separatisten könnten zeigen, ob ihre Forderungen nach Unabhängigkeit oder einem Anschluss an Pakistan überhaupt mehrheitsfähig sind. Indien könnte eine hohe Wahlbeteiligung im Unionsstaat Jammu und Kaschmir als Beweis dafür anführen, dass die meisten Menschen zum indischen Staat stehen. Die Weltgemeinschaft könnte hoffen, dass Kaschmir über demokratische Wahlen zum Frieden findet.

Aber nichts davon wird geschehen. Denn die Separatisten stellen sich nicht zur Wahl, und die Beteiligung wird voraussichtlich sehr niedrig ausfallen, ähnlich wie vor sechs Jahren. Dafür sorgen auch die Moslemextremisten, die den indischen Staat bekämpfen. „Wer die Märtyrer achtet, boykottiert die Wahl“, ließ die Miliz Hizbul Mujaheddin wissen: Kandidaten und Wähler riskieren ihr Leben.

Aber selbst ohne Drohungen gäbe es keinen Enthusiasmus. „Wahlen sind hier immer gefälscht worden, wir haben Zweifel, dass sie diesmal frei und fair wären“, meint die Studentin Nasreen. Das Vertrauen zu Politikern hat einen Tiefpunkt erreicht. „Das Problem in Kaschmir ist, dass die politischen Führer hier, egal ob sie für Indien oder für die Abspaltung sind, erst noch lernen müssen, das Interesse des Volkes an erste Stelle zu setzen“, sagt der Lehrer Abdul Majid Dar.

Im geteilten Kaschmir mit moslemischer Mehrheitsbevölkerung wüten zwei Konflikte. Die Atommächte Indien und Pakistan beanspruchen ganz Kaschmir. Grenztruppen beschießen einander an der Teilungslinie regelmäßig mit Artillerie, und immer wieder hat die Zivilbevölkerung darunter zu leiden. Außerdem begann 1989 im indischen Teil ein Aufstand. Die „Befreiungsfront“ JKLF kämpfte für die Unabhängigkeit. Inzwischen haben Moslemmilizen den Kampf übernommen und verlangen den Anschluss an Pakistan.

Von dort aus dringen Kämpfer über die Grenze vor, von dort aus kommt Geld. Indien beschuldigt die pakistanische Regierung, dabei die Hand im Spiel zu haben. Das hat die Nachbarländer in den vergangenen Monaten schon zwei Mal an den Rand eines Krieges gebracht, der, wenn er ausbräche, rasch zum Atomkrieg eskalieren könnte. Deshalb hat die Welt so großes Interesse an einer Regionalwahl in Indien.

Die Menschen in Kaschmir sind den Krieg seit langem leid. Der Schleierzwang für Frauen und der Bann gegen Kinos, wie sie manche der Moslemmilizen mit Gewalt durchsetzen wollen, sind den Leuten fremd. Sie fühlen sich als Spielball zwischen zwei mächtigen Staaten. „Wir sind zwischen zwei Gewehren gefangen, und niemand bemüht sich, uns aus dieser Agonie zu befreien“, klagt der Techniker Zamir Hussain.

Die Wahlen werden nach Ansicht von Beobachtern nichts ändern. Der 32 Jahre alte Omar Abdullah, im Moment noch Staatssekretär in der Zentralregierung in Delhi, dürfte von seinem Vater das Amt des Regionalregierungschefs „erben“, in einem Parlament, dass von weit weniger als der Hälfte der Menschen legitimiert sein wird.

Es scheint, als ob keine Seite wirkliche Wahlen will. Die Separatisten haben Angst vor den Extremisten und fürchten zugleich, dass ihre Kandidaten keine Mehrheit bekommen. Da ist es leichter, eine niedrige Wahlbeteiligung als Absage an Indien zu interpretieren.

Aber auch Indien, meinen Beobachter, habe derzeit kein Interesse an Gesprächen mit Separatisten. Die Regierung hofft vielmehr, dass die Weltgemeinschaft im Kampf gegen den Terror Pakistan zwingt, die Hilfe für die Rebellen einzustellen. Dann könnte der Aufstand im kriegsmüden Kaschmir in sich zusammenbrechen und die Region bliebe bei Indien, ohne dass es Zugeständnisse wie mehr Autonomie machen müsste.

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