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Trutznachtigall

Ulrich Gabriel
Ulrich Gabriel

Seltsames beschäftigt mich. Nicht zum ersten Mal. Seit Jahren kehrt es wieder, immer um die Winterzeit. Immer anders. Heuer ist die Begegnung besonders heftig. Aufrecht stehe ich im Zimmer und spüre es. Der Vielhändige steht hinter mir. Er führt mich weg. Rückwärts. Er fasst mich von hinten an beiden Händen und lenkt meine Schritte rückwärts. Vorsichtig mach ich einen Schritt nach dem andern zurück. Ihm nach. Aus dem Zimmer, die Stiege hinunter, zur Haustüre hinaus. Immer rückwärts. Auf die Straße. Wohin? Weiß nicht. Ich, der rückwärts vorwärts geht, vom Vielhändigen geführt. Er ist mir bekannt, aber ich kenne ihn nicht. Er führt mich zurück. Ein Selbstfindungstrip? Weiß nicht. Vorsichtig gehe ich weiter rückwärts vorwärts. Ich sehe nicht wohin. Weg zieht die Welt im Rückwärtsgang. Es ist eindeutig: ich werde zurückgezogen. Habe Lust auf eine Rumkugel. Sie ist im Mund. Seltsam auch das.

Ich kann nicht mehr vorausschauen, vorn ist hinten. Es ist wie wenn man im Zug nicht in der Fahrtrichtung sitzt. Perspektivisch zieht das, was hinter mir war, vorne weg. Hin zum unendlichen Punkt. Zum Punkt, in dem alles zusammengeht? Point of no return? Während ich „her und hin“ (F.v.E.) sinne, ertönt ein gewaltiger Choral: "O Erd schlag aus, schlag aus o Erd?" Die Melodie zieht langsam hoch, langsam fällt sie wieder. Da singt der Volk! Das ist Volksgesang. Einstimmig. Mit einer Stimme. Niemand singt so überzeugend. Das begreifen die Wenigsten. Einmalig ist das. Die Erde soll ausschlagen, singt er vehement. Ausschlagen? „SCHLAG AUS, O ERD!“ Der Choral wälzt sich über mich. Eine Python? Eine Wolkendecke? Es ist der große Braus. Ein Orgelbraus, wenn alle Register gezogen, alle Manuale bedient, Organistenfüße wuchtige Bässe treten. Diese tiefen Frequenzen machen mich zittern.

Der Vielhändige führt mich weiter rückwärts. Über den Bodensee, weiter nach Norden. 2019, 2018, 2015, 2009 … Auch die Zeit zieht vor mir weg. 1980. Trier. Vor der Krypta, im Dom. "Da ist sein Grab!“ höre ich den Vielhändigen sagen. Dann verschwinden Krypta, Dom, Trier. Die Zeit rast weiter zurück nach vor. 1920, 1811, 1750, 1701, 1683. Bei 1619 bleibt sie stehen. Die Welt bleibt auch stehen. "Dass Berg und Tal grün alles werd, o Erd herfür dies Blümlein bring, o Heiland aus der Erden spring!" Spring? Springen soll der Erlöser? Da ist offenbar „d’Hex am Bomm“. Plötzlich lässt der Vielhändige meine Hände los. Ich drehe mich um. Adventus. Das zweite Kommen. Friedrich Spee steht da, Trutznachtigall in den Händen, singt: „O Sonn, geh auf, ohn‘ deinen Schein in Finsternis wir alle sein.“ 400 Jahre sind seither vergangen.

Und ihr wollt „das Klima wandeln“, Vermessene? Und ihr wollt „die Welt retten“, Quaker? In 30 Jahren? Mir graust vor eurer Wandlung. Singt lieber, Besessene!

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