Türkische Zeitung bekommt Zorn des Militärs zu spüren

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Die Stimme von Ilker Basbug bebte vor Zorn. Die Streitkräfte seien "systematischen Angriffen" durch einige Medien ausgesetzt, schimpfte der Generalstabschef der türkischen Armee.

Das war im vergangenen Herbst, kurz nachdem die unabhängige Zeitung “Taraf” über die Unfähigkeit der Armee berichtet hatte, einen Angriff von kurdischen PKK-Rebellen zu vereiteln. 17 Soldaten bezahlten dafür mit ihrem Leben. Heute muss sich nicht Basbug für den Skandal verantworten, sondern “Taraf”: Ein leitender Redakteur des Blattes soll auf Betreiben des Generalstabs bis zu fünf Jahre ins Gefängnis.

Die erst gut ein Jahr alte Zeitung hat sich in der Türkei einen Namen gemacht, weil sie über Dinge berichtet, die anderen Medien zu heikel sind. “Taraf” lässt sich mit “Partei” übersetzen, und zwar “Partei” in dem Sinn des Leitspruchs der Zeitung, der jeden Tag auf der Titelseite erscheint: “Denken bedeutet, Partei zu ergreifen.”

Besonders häufig legt sich das reformorientierte, pro-europäische Intellektuellen-Blatt mit der Armee an, was in der Türkei nach wie vor unerhört ist. Die Militärs genießen nicht nur großes Ansehen, sie haben sich daran gewöhnt, dass ihr Handeln von der Öffentlichkeit nicht hinterfragt wird. “Taraf” hat das geändert. Und das ist gefährlich.

Nach dem Tod der 17 Soldaten bei dem PKK-Angriff in Aktütün an der Grenze zum Irak Anfang Oktober war die Türkei geschockt. Bilder von der Beisetzung der Gefallenen bestimmten die Nachrichtensendungen. In dieser Situation schlugen die Berichte von “Taraf” wie eine Bombe ein. Die Armee sei durch Bilder unbemannter Aufklärungsflugezuge vor der Attacke darüber informiert gewesen, dass sich PKK-Trupps im Norden Iraks für den Angriff auf Aktütün sammelten, berichtete die Zeitung. Doch die Militärs hätten nichts unternommen.

Untermauert wurden die Vorwürfe durch Bilder der Aufklärungsflugzeuge, die “Taraf” druckte. Wenig später sorgte die Zeitung erneut für Aufsehen, indem sie enthüllte, dass der Chef der türkischen Luftwaffe noch einen Tag nach dem Angriff von Aktütün seelenruhig im sonnigen Urlaubsort Antalya an einem Golfturnier teilnahm.

Damit tat “Taraf” etwas für türkische Verhältnisse Ungeheuerliches: Die Zeitung kratzte am Bild einer heldenhaften Armee, die nie Fehler macht. Was in anderen Ländern als notwendige Kontrolle durch die Presse gilt, grenzt in der Türkei an Landesverrat. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan schloss sich der Kritik von Basbug an “Taraf” an und sagte, jeder, der nicht bei seinen Leisten bleibe, solle sich das gut überlegen.

Jetzt soll Adnan Demir, der Chef vom Dienst bei “Taraf”, wegen der Berichterstattung seines Blattes im letzten Oktober für drei bis fünf Jahre ins Gefängnis. Der Prozess soll in den nächsten Tagen beginnen. Die Istanbuler Staatsanwaltschaft, die auf Drängen der Armeeführung tätig wurde, begründet ihren Strafantrag nicht etwa damit, dass “Taraf” Lügen in die Welt gesetzt habe, sondern damit, dass die Zeitung geheimes Material veröffentlicht habe. Indirekt werden die “Taraf”-Vorwürfe gegen die Armee also staatsanwaltschaftlich bestätigt.

Wohl auch deshalb reagierte die Zeitung am Mittwoch voller Kampfgeist auf die Nachricht von dem bevorstehenden Prozess gegen Demir. Das Verfahren werde zu einer Plattform, um nach der Verantwortung für den Tod der 17 Soldaten zu fragen, kündigte das Blatt an. “Genau, wie ‘Taraf’ das immer wollte.”

Bei allem Optimismus ist aber offensichtlich, dass der Zorn von Regierung und Armee bei “Taraf” Spuren hinterlassen ist. Denn auch wirtschaftlich steht “Taraf” unter großem Druck: Anzeigenkunden meiden das Blatt, seit Erdogan und Basbug die Zeitung öffentlich verdammten. “Taraf”-Verleger Basar Arslan hatte schon vor der plötzlichen Anzeigenflaute von “ziemlich hohen” Verlusten gesprochen. “Wir gehen unter”, informierte das Blatt seine Leser an seinem ersten Geburtstag im vergangenen November. Damals lief eine Solidaritätsaktion von Lesern an, die zwischenzeitlich zu einer Verdopplung der Auflage führte. Ob “Taraf” damit gerettet werden kann, ist aber nicht sicher.

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