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Trauerarbeit: Köhlmeiers "Idylle mit ertrinkendem Hund"

Schwarzach - Das nächste Buch nach einem Erfolg ist für jeden Autor eine große Hürde. Michael Köhlmeier hat sie mit dem schmalen Band "Idylle mit ertrinkendem Hund" nun souverän gemeistert.

Dennoch ist schwer zu glauben, dass ihm dieses Buch leicht gefallen ist. Denn der Autor rückt mit ihm so nahe wie nie zuvor an sein wirkliches Leben heran und versucht, die Trauer um seine vor fünf Jahren 21-jährig tödlich verunglückte Tochter Paula zu verarbeiten.

Köhlmeier bietet dem Leser eine Homestory samt umfassenden Einblicken in sein Privatleben sowie in den Literaturbetrieb – zumindest erweckt er nie den Eindruck, bei den mit den echten Vornamen genannten Familienmitgliedern könnte es sich um literarische Erfindungen handeln, der Ich-Erzähler sei nicht mit dem Autor ident und das mit seiner Frau Monika bewohnte Haus in Hohenems gäbe es nicht. Einzig bei seinem Lektor Dr. Johannes Beer hat man nicht nur des sprechenden Namens wegen den Verdacht, ihm könne mehr Dichtung als Wahrheit zu Grunde liegen. Wie immer ist das Spekulieren über den Wahrheitsgehalt der literarischen Erfindung müßig, zählt doch einzig die Qualität und nicht das Bestehen des Lügendetektor-Tests. Obwohl: Das beschriebene Domizil und insbesondere den dschungelartigen, verwunschenen Wintergarten der Gattin Monika würde man gerne in natura sehen…

Die Novelle spielt im “schneereichen Winter 2006”. Der mit großer Autorität ausgestattete Lektor, der erst kürzlich in einem Telefonat unversehens das Du-Wort angeboten hat, unternimmt zum Lektorieren des jüngsten Buches erstmals eine Reise zu seinem Autor. Er zeigt sich von Haus und Gattin begeistert, arbeitet mit dem Schriftsteller am Manuskript (das vorliegende scheint er jedoch nicht bearbeitet zu haben, sonst wäre aus einer “notgelandeten Boing 747” rechtzeitig eine “Boeing” geworden) und unternimmt lange Spaziergänge.

Von einer dieser Wanderungen bringt der Lektor die erste große, zusammenhängende Geschichte des Buches mit, die Begegnung mit einem Hund, der den ängstlichen Hundefeind vorübergehend als Herrchen akzeptiert und ihm für Stunden nicht von der Seite weicht. Gleich vier Mal erzählt Dr. Beer diese Geschichte (und verstimmt dadurch das Ehepaar als sein allererstes Publikum, das sich um die Exklusivität seiner Zuhörer-Erfahrung betrogen fühlt), dafür muss sich der Autor jenes Gespräch, das er am sehnlichsten zu führen gehofft hatte, herbeifantasieren: das Abwägen zwischen dem Drang, den Tod der geliebten Tochter, die in den schlaflosen Nächten, in vielen Erinnerungen und bei den täglichen Friedhofsbesuchen dauerhaft präsent ist, schreiberisch zu verarbeiten, und der Notwendigkeit, sie dabei gleichzeitig zum normalen literarischen Stoff mit allen dazugehörigen handwerklichen Erwägungen werden zu lassen.

Im titelgebenden dramatischen Finale hat Köhlmeier schließlich eine gewagte Möglichkeit gefunden, seinen Träumen von einer nachträglichen Rettung seiner zu Tode gestürzten Tochter eine dichterische Form zu geben: Bei einem gemeinsamen Spaziergang begegnen Autor und Lektor dem zutraulichen Hund erneut, als dieser ihnen entgegenläuft, bricht er jedoch im Eis ein und wird unter Lebensgefahr vom Autor an den Pfoten über Wasser gehalten, während der Lektor Hilfe holt. Köhlmeier macht nicht den Fehler, ohnehin Offensichtliches noch deutlicher zu machen, fasst den plötzlich gemeinsamen Überlebenskampf in nüchterne und dennoch zu Herzen gehende Worte.

“Idylle mit ertrinkendem Hund” ist ein ungewöhnliches, sehr persönliches, ausgezeichnet geschriebenes Buch. Statt für den “Deutschen Buchpreis” ist es für den “kuriosesten deutschsprachigen Buchtitel” nominiert. Es darauf zu reduzieren, hieße, es weit unter seinem Wert zu schlagen.

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