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"Touristisch" für Anfänger

Schwarzach - Reisekatalog-Floskeln unter der Lupe.

Zahlreiche Vorarlberger stehen für ihren lang­ersehnten Urlaub bereits in den Startlöchern. In wenigen Wochen ist endlich Schulschluss und dann kann – und soll auch – die schönste und entspannteste Zeit des Jahres beginnen. Ein Großteil der Reisenden – vor allem Familien – bucht Pauschalreisen. Dass im Reisekatalog “BU” für Bungalow steht, “SW” für Swimmingpool und “AI” für All Inclusive, wissen die meisten.

Das böse Erwachen

Dass hinter den Ausdrücken “neue Hotelanlage” oder “mit Meerblick” aber böse Überraschungen lauern können, ist nur wenigen bewusst. Floskeln wie diese sind typische Beispiele dafür, dass Reisekataloge voller touristischer Beschönigungen sein können. Kurz gesagt, die Realität muss nicht den traumhaften Urlaubsparadieserwartungen entsprechen, die man sich im Kopf ausgemalt hat: Der Meerblick ist plötzlich nicht mehr ganz so faszinierend wie auf den Katalogbildern. Die Hotelanlage noch nicht ganz fertiggestellt, der Sand viel dunkler und grobkörniger als im Katalog dargestellt, und überhaupt herrscht den ganzen Tag ein unausstehlicher Lärm aufgrund der Beachbar nebenan. Da stellt man sich natürlich die Frage “Alles nur Betrug?”. Die Antwort lautet Jein. Denn das sogenannte “Veranstalterdeutsch” verschweigt nicht. Es verschönert.

“Wildromantische Lage”

Nicht selten beginnen die Sprachbarrieren bereits bei der Wahl des Urlaubsortes. So ist ein “aufstrebender Urlaubsort” nichts weniger als ein Ort mit vielen Baustellen. Die Beschreibung “lebhaft und quirlig” kann mit “Stadtlärm” übersetzt werden. Eine “wildromantische Lage” hingegen lässt auf eine abgelegene Ortschaft mit schlechter oder gar nicht vorhandener örtlicher Infrastruktur schließen. “Leihwagen empfehlenswert” detto: Von einer guten Anbindung an den Ortskern ist auch hier nicht auszugehen. Der Formulierung “Das Hotel hat noch ein wenig Ursprünglichkeit bewahrt” könnte man schneller auf die Schliche kommen. Ein Gebäude in schlechtem Zustand ist hier im schlimmsten Fall zu erwarten. Auch vom “Meerblick” wurden schon viele enttäuscht: Der in den Gedanken ausgemalte wunderschöne Panoramablick auf den Ozean weicht in der Realität nicht selten einem ernüchternden Blick auf das Meer, den man durch einige vorstehende Gebäude erhaschen oder gar nur erahnen kann. Auch bei einer im Katalog angegebenen “Meerseite” ist nicht zwingend von einem Blick auf das Meer auszugehen – auch hier kann der Panoramablick von einem dazwischen stehenden Hotelgebäude getrübt werden.

Breiter Strand = kurzer Strand

Desillusionierend kann auch ein “breiter Strand” sein – denn der ist meist kurz. Ein “langer Sandstrand” hingegen bedeutet nicht selten schmaler Strand. Tückisch ist auch die Formulierung “Strand über Treppen zu erreichen”. Denn in diesem Fall handelt es sich meist um eine schwer zugängliche Badebucht oder das Hotel liegt auf einer Klippe. Bei den Reisekatalog-Floskeln sollte es künftig also heißen: Zwischen den Zeilen lesen. Denn eine “ungezwungene Atmosphäre” und ein “unaufdringlicher Service” müssen nicht zwingend etwas Gutes sein. Außer Remmidemmi bis spät in die Nacht und faule Kellner sind erwünscht. (VN)

Service: Autor Clemens Dreyer hat in seinem Buch “TouristischfürAnfänger” die wichtigsten Reisekatalog-Floskeln auf unterhaltsame Art und Weise zusammengefasst.

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