Thomas Maurer findet Corona "einfach scheiße"

Startet mit neuem Solo ins Jahr 2022: Kabarettist Thomas Maurer.
Startet mit neuem Solo ins Jahr 2022: Kabarettist Thomas Maurer. ©APA
Einen Bogen von Klimaaktivismus über Kannibalismus bis zu Poolsaugern verspricht Thomas Maurer auf seiner Website für sein neues Programm "Zeitgenosse aus Leidenschaft", das - so Omikron will - am 11. Jänner Premiere im Wiener Stadtsaal feiert.
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Im APA-Interview spricht der 54-jährige Kabarettist über die Wut auf die Wirklichkeit in Coronazeiten, warum er bei seiner Geldzisterne langsam auf den Grund sieht und was Sebastian Kurz mit einem 80er-Jahre-Anzug zu tun hat.

Thomas Maurer im Interview

APA: 2021 ist geschafft. Ist Ihr Weltbild im vergangenen Jahr optimistischer oder pessimistischer geworden?

Thomas Maurer: Für mich sind Optimismus und Pessimismus eher eine Grundhaltung, so wie man das früher in der Charakterlehre sanguinisch und cholerisch genannt hat. Der Rest ist dann informationsabhängig. Man kann auch ein ausgeglichener und tendenziell fröhlicher Mensch sein, obwohl man ständig mit schrecklichen Dingen zu tun hat. Insofern: Mein Vertrauen in die Vernunft der Gesamtbevölkerung, sich zumindest im Eigeninteresse zu schützen, ist zum Beispiel nicht gestiegen. Es hat sich ja vieles schon vorher angekündigt - etwa, dass man einer zunehmenden Wut auf die Wirklichkeit begegnet und Leute es als persönliche Beleidigung sehen, wenn man ihre Meinungen nicht für Tatsachen hält, weil sie sich mit den Tatsachen halt nicht decken. Wenn wir uns nicht mehr darauf einigen können, in welcher Welt wir leben, dann ist das auf jeden Fall kein gutes Zeichen. Wir haben aufgrund vieler grundsätzlich positiver Errungenschaften eine sehr komplexe Welt erschaffen, die kaum mehr zu durchschauen ist und aus der man sich schnell ausgesperrt fühlt. Dann gibt es nur mehr den wütenden Wunsch, dreinzuhauen. Der hat sich immer schon in Parteien wie der FPÖ mitartikuliert und ist nun umgeschwappt in ein völlig vernunftbefreites Corona-Protestieren.

APA: Sie haben im März öffentlich gemacht, dass Ihr Vater kurz vor seinem Impftermin an Corona gestorben ist. Damals gab es die Debatte um "Impfdrängler". Inzwischen drohen Impfdosen abzulaufen, Impfgegner ziehen regelmäßig durch die Städte, Impfstraßen und Spitäler müssen geschützt werden. Was ist da passiert?

Maurer: Könnte er noch, würde sich mein Vater vermutlich aufs Hirn greifen. Der einzige Affekt, den ich noch irgendwie nachvollziehen kann, ist diese Grundrechtsdebatte. Es gibt eine massive Vertrauenskrise in sämtliche Institutionen. Aber wenn die Leute bereit sind überhaupt in Erwägung zu ziehen, dass global sämtliche Ärzte von dunklen Mächten bezahlt werden, um im Interesse irgendwelcher nebuloser Mächtiger oder der Pharmaindustrie zu lügen, ist das so verrückt, dass einem gar nicht mehr viel dazu einfällt. Aber ich glaube, die Impfdebatte ist eine Art Stellvertreterkrieg.

APA: Inwiefern? Wo kommt diese Wut in der Bevölkerung her?

Maurer: Es klingt einfacher, als ich es meine. Die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte in Richtung neoliberaler Weltordnung tragen viel dazu bei. Es gibt eine Erosion in das Vertrauen der Institutionen, weil es eine Verflechtung von Politik und Wirtschaft gibt. Es gibt immer mehr Leute, die sich - nicht unbedingt zu Unrecht - abgehängt und ungehört fühlen. Gleichzeitig aber ist dieses Narrativ "Die da oben lachen kaviarfressend über euch" offenbar total in Mode gekommen. Interessanterweise laufen - wie man bei Trump gesehen hat - diese Menschen dann den zynischsten und ausgekochtesten Ausbeutern dieser Emotionen nach. Bei uns war Jörg Haider eine erste solche "Lichtgestalt" der Unterprivilegierten.

APA: Corona hat auch den Kulturbetrieb hart getroffen. Hat man da auch als sehr erfolgreicher Bühnenmensch zwischendurch Existenzängste?

Maurer: Mein letztes Programm ("Woswasi", Anm.) hatte Mitte Jänner 2020 Premiere und ist dann nicht einmal auf die Hälfte der geplanten Vorstellungen gekommen und die waren obendrein schlechter besucht. Das hat schon durchgeschlagen. Ich habe schon ein bisschen Geld aus dem Hilfsfonds bekommen, aber das deckt die Lücke natürlich nicht annähernd ab. Ich habe aber das halbe Jahr davor wahnsinnig viel gearbeitet - fast mehr als gesund war - und dadurch die Geldzisterne recht gefüllt. Aber da sehe ich langsam auch auf den Grund. Zwei Jahre mit weniger als der Hälfte der normalen Einkünfte - weder meine Kinder noch mein Zins noch meine Kreditrate haben sich in der Zeit halbiert -, das haut schon rein.

APA: Ihr neues Programm heißt "Zeitgenosse aus Leidenschaft". Das klingt doch trotz allem recht positiv.

Maurer: Es ist eine Art Zweckenthusiasmus, weil der Zeitgenossenschaft ja wurscht ist, ob die Leidenschaft dabei ist oder nicht. Denn die Zeitgenossenschaft bleibt einem ja nicht erspart - egal, was man von ihr hält.

APA: "Woswasi" hat sich sehr am Buch "Schnelles Denken, langsames Denken" von Daniel Kahnemann entlanggehantelt. Hat das neue Programm auch eine wissenschaftliche Klammer?

Maurer: Nein. Ich versuche grundsätzlich, mit jedem Programm einen etwas anderen Ansatz und eine andere Dramaturgie zu finden. Das jetzige Programm ist formal sehr nah am Stand-up mit einem auf den ersten Blick bunten Strauß verschiedener Themen zur Gegenwart und ein bisschen Historischem, die aber miteinander ein komplexeres Bild ergeben.

APA: Es gibt also einen roten Faden?

Maurer: Es gibt eine Art Myzel, das das Ganze zusammenhält. Alle Passagen korrespondieren auf mehreren Ebenen miteinander.

APA: Waren Sie kurz versucht, ein Corona-Programm zu schreiben?

Maurer: Gar nicht. Ich habe mir erstens gedacht, es werden sowieso Fluten an Corona-Autobiografien und Ähnliches erscheinen. Und zweitens fasziniert mich Corona per se nicht. Es ist einfach scheiße, es ist ärgerlich, es blockiert das normale Leben. Aber ich habe eher vermieden, introspektiv in mich hineinzuhören, was das mit mir macht, sondern einfach geschaut, dass ich meiner Arbeit nachkomme, mich um meine Kinder kümmere, was Vernünftiges zu essen koche und nicht allzu blad werde. (lacht)

APA: Als Sie im Sommer zu schreiben begonnen haben, war noch nicht absehbar, welches innenpolitische Beben sich im Herbst ereignen würde. Ist der Rücktritt von Sebastian Kurz noch eingeflossen ins Programm?

Maurer: Nein, solo nicht. Das Wir Staatskünstler-Programm "Jetzt erst recht" haben wir allerdings noch einmal umgeackert. Die Schmid-Chats und der Kurz-Rücktritt sind ja der logische Abschluss jenes Films, der mit Ibiza begonnen hat.

APA: Inwiefern hat Kurz die heimische Politik bzw. die politische Kultur geprägt? Was bleibt von ihm?

Maurer: Er ist ja noch gar nicht so lange weg. Aber diese absurde Überinszenierung, diese völlige Inhaltsleere und die belanglosen Floskeln, die auch noch als rhetorische Brillanz gefeiert wurden, das mutet jetzt schon so an, als wäre es aus einer anderen Dekade. Das ist so, wie wenn du heute Fotos von dir anschaust mit einem 80er-Jahre-Anzug und einer 80er-Jahre-Frisur und dir denkst: "Oida, warum ist uns das damals nicht aufgefallen?"

APA: Hat sich diese Art von politischer Inszenierung mit dem Ende von Kurz erledigt?

Maurer: Ich glaube, die Kurz-Inszenierung war noch nicht annähernd dort, wo sie hätte sein sollen. Ich glaube, Endstation wäre letztlich das amerikanische Modell gewesen: komplette Diskussionszerstörung mit der Annahme, dass man tendenziell eine konservativ-reaktionäre Mehrheit im Land hat. Die Republikanischen Strategen haben Anfang der 90er die Doktrin ausgegeben: "Es gibt keinen Dialog. Alles, was ein Demokrat sagt, ist falsch und das Gegenteil ist richtig." Daran halten sich die Republikaner bis heute sehr diszipliniert - natürlich um den Preis einer vollkommenen Zerstörung der politischen Kultur und derzeit sogar aktiv mit dem Versuch, die Demokratie abzuschaffen. Damit kannst du eine Politik, die ausschließlich den reichen Spendern verpflichtet ist, Leuten auch als "Wir sind für Euch" verkaufen. Die Strategen hierzulande haben daran Maß genommen. Und ich glaube, das langfristige Ziel ist schon die illiberale Demokratie - eine formale Demokratie, die aber vorwiegend den Interessen der Kapitalkräftigsten dient. Und das ist ja letztlich auch die Vision von Peter Thiel, bei dem Kurz nun angedockt hat.

APA: Wie sehr haben Kurz und sein Team die politische Kultur beschädigt?

Maurer: Das werden wir erst sehen. Oft werden ja Pendelbewegungen beschrieben. Eigentlich sollte die SPÖ schon rein rechnerisch die stärkste Gegenkraft sein, sie ist aber offenbar von einer inneren Paralyse erfasst, sodass man nicht einmal sagen kann, wohin das Pendel eigentlich ausschlagen soll.

APA: Wird 2022 ein gutes Jahr?

Maurer: Ich will nichts verschreien. Ich hoffe, dass es 2019 stärker ähnelt als 2020 und 2021. Und 2019 haben wir auch alle Grund genug gehabt, uns zu ärgern. (lacht)

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(APA)

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