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Thema Gesamtschule: "Schüler verdienen Besseres"

Schwarzach - Das "Nein" zur flächendeckenden Einführung einer Gesamtschule, das ÖVP-Klubobmann Wolfgang Schüssel am Freitag in den "VN" bekräftigt hat, bleibt nicht unwidersprochen.

Ganz im Gegenteil: „Ich habe den Eindruck, wenn der gute Wolfgang dazwischenfunkt, dann wird betoniert“, kritisiert der Chef der Schulreformkommission des Unterrichtsministeriums, Bernd Schilcher, im „VN“-Interview.

Pikant: In den 70er Jahren sei er gemeinsam mit Schüssel für die Einführung einer Gesamtschule eingetreten, berichtet Schilcher: „Wir sind einmal gemeinsam vor den damaligen Generalsekretär der Industriellenvereinigung zitiert und gefragt worden, warum wir kommunistische Ideen verwirklichen wollen.“

Schilcher, seines Zeichens auch langjähriger ÖVP-Politiker in der Steiermark, ist trotz des Widerstands überzeugt davon, dass sich die gemeinsame Schule der 10- bis 14-jährigen letztendlich durchsetzen wird. „Die Fronten bröckeln, das ist doch nur noch ein Rückzugsgefecht“, meint er.

VN: Herr Professor, Sie als ÖVP-Vordenker, die Wirtschaftskammer und die Industriellenvereinigung sind für die Gesamtschule. Die ÖVP selbst ist dagegen. Wie ist das erklärbar?

Bernd Schilcher: Ich kann mir das auch immer schwerer erklären: Die ÖVP in Gestalt von Fritz Neugebauer, Wolfgang Schüssel und vielen anderen waren 1974 auf der Seite der gemeinsamen Schule, Schüssel war federführend dabei.

VN: Gibt es parteipolitische Gründe für den heutigen Kurs? Umfragen sprechen ja gegen eine Gesamtschule.

Natürlich, wenn ich heute frage, sind Sie für die Gesamtschule, dann bekomme ich über 50 Prozent Ablehnung. Wenn ich aber fragen, möchten Sie Begabungsförderung, weniger für Nachhilfe zahlen, weniger Sitzen bleiben, dann erhalte ich 80 Prozent Zustimmung – und genau das sind die Inhalte der gemeinsamen Schule.

VN: Das heißt, dass es zu wenig Information gibt.

Die Informationsstand ist 30 Jahre alt. Gesamtschule ist demnach eine Schule, die nach unten nivelliert. Das will keiner. Eine Gesamtschule, die sehr gut funktioniert, ist die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden – sie war gesamtdeutscher PISA-Sieger und der dortige CDU-Ministerpräsident hat sie erst vor wenigen Monaten für die beste Begabtenförderung im Land Hessen ausgezeichnet.

VN: Die Gesamtschule wäre ein Systembruch …

… wir gehen damit vom 18., 19. ins 21. Jahrhundert. Das 20. Jahrhundert haben wir verschlafen.

VN: Wie soll die Gesamtschule ausschauen?

Entscheidend ist, dass die Schüler länger (bis zum 14. Lebensjahr) beieinander sind und sehr breite Angebote erhalten, damit ihre Begabungen festgestellt werden können. Anders ausgedrückt: Jedes Kind hat spezielle Begabungen, Aufgabe der Lehrer ist es, diese zu erkennen und zu fördern. Dazu brauche ich ein breites Angebot. Handwerk, zum Beispiel: Vielleicht ist ja jemand dabei, der sich im Tun besser verwirklichen kann als im theoretischen Nachdenken.

VN: Lehrervertreter haben sich bereits quergelegt …

… ja, aber nur die AHS-Vertreter, die ihre Privilegien verteidigen wollen.

VN: Vorsicht, Lehrergewerkschafter sind die stärksten Standesvertreter!

Sie sind es gewöhnt, zu siegen. Diesmal wird es anders sein, diesmal wird die Standespolitik nicht über die Bildungspolitik siegen. Die AHS-Lehrervertreter haben ja ein tiefsitzendes Standesdenken. Gewerkschafter haben mir in den letzten Wochen schlimme Argumente gegen eine gemeinsame Schule genannt: „Jeder Obsthändler weiß, dass man zu gesunden Äpfeln keine faulen dazugeben darf.“ Die faulen Äpfel sollen die Hauptschulen sein. Oder: „Die einen spielen halt in der Oberliga, die anderen in der Unterliga.“ Das ist bedauerlich, zumal das (die Gewerkschafter) überwiegend Leute aus meiner Partei sind. Nur: Was soll man machen? Ich bin in erster Linie den Lehrern, Schülern, Eltern verpflichtet; sie haben etwas besseres verdient.

VN: Ab Herbst 2008 soll es einen neuen Schulversuch „Gesamtschule“ geben. Gibt es überhaupt Lehrer dazu?

Die Pädagogischen Hochschulen haben bereits die gemeinsame Fort- und Weiterbildung für alle Lehrer übernommen. Das läuft schon: Es gibt Seminare zu Teamteaching, individualisierten Unterricht, Leistungsdifferenzierung ohne Leistungsdruck, etc. Wir brauchen ja ganz neue Zugänge: Wenn sich besonders gute Schüler herauskristallisieren, dann müssen sie u.a. mit eigenen Schularbeiten gefordert werden. Schwächere müssen besonders gefördert werden.

VN: Wie soll die Leistungsbeurteilung ausschauen?

Heute – das kenne ich (als Rechtsprofessor) auch von der Universität – wird versucht, Leute nach der „Sherlock Holmes“-Methode zu überführen, dass sie nix können. Das geht doch nicht! Ich muss mich freuen, wenn jemand etwas zusammenbringt. Ich sehe auch nicht ein, dass man wegen eines Nichtgenügend sitzen bleiben soll. Vernünftiger ist es, nur das betreffende Fach zu wiederholen.

VN: Wann soll es die Gesamtschule in ganz Österreich geben?

Wir rechnen mit 15 Jahren.

VN: Was macht Sie zuversichtlich, wenn entscheidende Politiker wie ÖVP-Klubchef Schüssel dagegen sind?

Die Fronten bröckeln, das ist doch nur noch ein Rückzugsgefecht. Ich habe den Eindruck, wenn der gute Wolfgang (Schüssel) dazwischenfunkt, dann wird betoniert. Ich kenne ihn seit 1970 und frage mich, was ihn verändert hat: Wir sind einmal gemeinsam vor den damaligen Generalsekretär der Industriellenvereinigung (Krejci) zitiert und gefragt worden, warum wir kommunistische Ideen verwirklichen wollen mit der Gesamtschule. Davon ist er (Schüssel) völlig abgewichen – während der Krejci immer weiter nach links gerückt ist, ist er immer mehr nach rechts gerückt.

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