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Tauziehen im Fall Marco W. geht weiter

Auch nach der Freilassung des deutschen Schülers Marco W. aus türkischer Untersuchungshaft dauert das juristische Tauziehen in dem spektakulären Missbrauchsprozess an.

Der Anwalt des angeblich von Marco missbrauchten britischen Mädchens Charlotte legte Beschwerde gegen die Freilassung ein und stellte Strafanzeige gegen Marcos Verteidiger. Die deutsche Justiz prüft unterdessen ihr weiteres Vorgehen in dem Fall.

Der 17-Jährige aus Uelzen (Niedersachsen) soll während eines Osterurlaubs in der Türkei die 13-jährige Charlotte missbraucht haben. Er bestreitet das. Nach 247 Tagen Haft hatte das Gericht im türkischen Antalya Marco am Freitag ohne Auflagen auf freien Fuß gesetzt. Der Prozess soll am 1. April 2008 fortgesetzt werden.

Die Prozess-Akten aus der Türkei seien in Lüneburg eingetroffen und würden übersetzt und ausgewertet, sagte Oberstaatsanwalt Manfred Warnecke am Montag. Dann werde geschaut, ob es weitere Ermittlungen in Deutschland gebe. Bereits nach Bekanntwerden des Falles hatte die Staatsanwaltschaft Lüneburg ein eigenes Ermittlungsverfahren eröffnet, auch um den Prozess gegen den Schüler nach Deutschland holen zu können. Mit Blick auf das in der Türkei gestartete Gerichtsverfahren ruhen die Ermittlungen allerdings. Geprüft werden müsse nun, ob und wann die deutsche Justiz sich mit dem Fall beschäftigt, sagte Warnecke.

„Das Gericht hätte Marco nicht die Ausreise nach Deutschland erlauben dürfen. Sie hätten ihn in der Türkei behalten müssen“, sagte Charlottes Rechtsanwalt Ömer Aycan am Montag. „Die Beweise zeigen, dass Marco meine Mandantin vergewaltigt hat.“ Deshalb legte er Beschwerde gegen die Entscheidung der Richter ein. Außerdem warf er Marcos Verteidigern eine unerlaubte Beeinflussung des Gerichts vor und stellte Strafanzeige gegen die beiden deutschen Juristen Matthias Waldraff und Michael Nagel. Sie hätten Druck auf das Gericht ausgeübt, sagte er. Er verwies zudem auf Berichte, wonach für die Freilassung Marcos Kontakte genutzt worden seien.

Der deutsch-türkische Reiseunternehmer und SPD-Europaabgeordnete Vural Öger gab deutschen Politikern nach der Freilassung Marcos eine Mitschuld an der langen Untersuchungshaft. Türkeifeindliche Politiker hätten den Fall instrumentalisiert, sagte er dem TV-Sender N24. Die Einmischung habe dazu geführt, dass die türkische Justiz ihre Unabhängigkeit in besonderem Maße habe unter Beweis stellen wollen. Entscheidend für die Länge der Untersuchungshaft sei letztendlich aber die Verzögerungstaktik von Charlottes Anwalt gewesen.

Nach seiner Freilassung war Marco Sonntag früh mit einem Privatjet auf dem Nürnberger Flughafen gelandet. Seither hält er sich an einem geheimen Ort auf und wird weitgehend von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Die Stadt Uelzen stellte am Montag klar, dass es für Marco keinen offiziellen Empfang geben werde. Der Bürgermeister sei allerdings jederzeit zum Gespräch mit Marco und seiner Familie bereit. Die Stadt und die Bevölkerung hätten sich sehr über Marcos Freilassung gefreut.

In einem RTL-Interview sagte Marco am Sonntagabend, er hoffe auf ein möglichst ruhiges, normales Leben. Auf die Frage, ob er glaube, wieder so leben zu können wie vorher, antwortete er: „Ja, das hoffe ich. Das möchte ich auch.“ Wenn er zurückkehre in seinen Heimatort, wolle er Freunden „Hallo“ sagen und „alte Gewohnheiten“ wieder pflegen. Marco sagte jedoch nicht, wann er wieder nach Uelzen fahren wolle. In den acht Monaten der Haft habe er viel Zeit zum Nachdenken gehabt. „Ich bin schon noch der Marco“ – aber vielleicht ein „bisschen reifer“.

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