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"Sowohl ein Elixier als auch eine Droge"

Primar Dr. Reinhard Haller referierte beim Minimed-Abend in Wolfurt zum Thema Alkohol.

Der Leiter des Suchtkrankenhauses Maria Ebene will Alkohol nicht generell verteufeln: „Er hat verschiedene Funktionen, von sehr gut bis sehr schlecht.“ Neben der Funktion als Genussmittel ist er auch ein soziales Schmiermittel, weil er etwas enthemmt und Ängstlichkeit nimmt. Leider nicht nur im positiven Sinn: „Früher hat man von Kriegsabenteuern etc. erzählt, inzwischen kriegt man leuchtende Augen, wenn man vom letzten Rausch berichtet“, so Haller, der an die Folgen dieses Männlichkeitsgehabes mit den schweren Autounfällen im Ländle vom vergangenen Wochenende in Verbindung erinnerte.

„Bin gut drauf . . .“

Denn: „Alkohol erzeugt eine verhängnisvolle Kombination von Leistungsverschlechterung und gleichzeitig dem Gefühl, ich bin besonders gut drauf.“ Die für Haller wichtigste Frage – warum braucht jemand Alkohol?

„Das gut schmecken ist nicht der wahre Grund, der liegt vielmehr in der psychischen Wirkung“, so der Experte. Viele Menschen verhalten sich demnach im Rausch genau gegenteilig wie nüchtern: der Schüchterne traut sich was, der Nervöse wird ruhig, der Unruhige schläft besser, etc. – für Haller ein ganz entscheidender Grund, warum man zuviel Alkohol trinkt.

Eine Droge ist laut Experten „eine Substanz, die einen Rausch erzeugen kann.“ Der Primar: „Ein Rausch ist – aus der Sicht des Psychiaters – im Prinzip sogar eine kurzdauernde Geisteskrankheit.

Geisteskrankheit

Haller erklärte die Krankheiten, für die Alkohol zumindest mitverantwortlich ist, und die Einteilung des Alkoholrausches nach Schweregraden: „Wir dürfen ja nicht glauben, dass für die Probleme im Autoverkehr und in der Berufswelt die Alkoholkranken verantwortlich sind. Nicht die starken Berauschungen sind gefährlich, sondern die niedrigen bis höchstens mittelgradigen Alkoholisierungen. Bei denen passiert am meisten.“

Die Folgen des Alkohols betreffen nicht nur den Körper, sondern vor allem die Psyche – allmählich ändert sich das Wesen: Man wird emotional labil, reizbarer, bekommt eine unkritische Dauereinstellung, es folgt ein genereller intellektueller Abbau. „Das tut nicht weh, aber es ist natürlich von den Folgen her sehr relevant“, so Haller.

Die Suchtentwicklung reicht von der Probier- über die Experimentier- und Übergangsphase bis zur Abhängigkeit, wo der Betroffene „nicht mehr Herr in seinem Haus ist“. Der Primar: „Wenn jemand diese Phase einmal erreicht hat, wird es ihm auch später nicht mehr gelingen, normal mit dem Alkohol umzugehen. Das Suchtgedächtnis ist permanent vorhanden – und darf nicht mehr geweckt werden.“

Nicht genug kriegen

Für Haller gilt: „Süchtig bin ich dann, wenn ich immer mehr brauche – es ist die Krankheit des ‚Nichtmehraufhörenkönnens‘, des ‚Nichtgenugkriegens‘.“ Anzeichen dafür sind Nachtschweiß, Morgenübelkeit und Zittern als Entzugserscheinungen – die sich bessern, wenn man wieder trinkt.

Der Kontrollverlust ist ganz entscheidend: „Man verliert nicht generell die Kontrolle, sondern kann nicht mehr aufhören mit dem Trinken – der Süchtige kann nicht aufhören, er muss weitertrinken bis zum Vollrausch!“ Schließlich klärte Haller ein großes Mißverständnis auf: „Früher hat man dieses Suchtverhalten als Charaktermangel gesehen, die Menschen als unbeherrscht, willensschwach oder als Resultat unglücklicher Umstände gesehen. Heute weiß man, dass es zu 70 Prozent in den Genen liegt.“

Hallers Fazit: „Der Süchtige kann nichts dafür – aber er muss natürlich die Verantwortung übernehmen.“ Darum wurden auch noch die diversen Therapiemöglichkeiten vorgestellt.

Publikumsfragen in Wolfurt

Es gibt Meldungen in den Medien, dass jemand mit vier oder sechs Promille durch die Gegend fährt – ist das möglich?

Primar Haller: Das muss ich differenziert beantworten – für einen Gerichtsmediziner wäre das eine falsche Messung, meistens nur der Atem-
alkoholkonzentration. Es ist natürlich tatsächlich so, dass jemand außerordentlich viel verträgt, wenn er sich an große Mengen gewöhnt hat. Er kann auch routinemäßige Tätigkeiten noch machen, ohne dass man es ihm besonders anmerkt.

Gibt es Statistiken, die den Unterschied zwischen Burgenland, Niederösterreich und z. B. Vorarlberg darstellen – wegen Wein- und Biertrinkern?

Primar Haller: Die gibt es, wir haben unterschiedliche Verteilungsmuster in Österreich bezüglich der Alkoholtypen. In Weingegenden finden wir häufiger die sogenannten „Spiegeltrinker“. Die fallen in der Regel erst im fünften, sechsten Lebensjahrzehnt auf, wenn die Organe bereits geschädigt sind. In Vorarlberg, Tirol und Salzburg haben wir viel mehr den Rauschtrinker.

Haben rote Handinnenflächen etwas mit Alkohol zu tun?

Primar Haller: Bei diesen Dingen ist es generell wichtig, dass wir nicht aus einzelnen Symptomen die Diagnose ableiten, solche Erscheinungen können auch andere Ursachen haben. Tatsächlich haben Alkoholpatienten sehr häufig solche Hautprobleme – warum das so ist, weiß man nicht.

Sie haben gesagt, der Grenzwert für eine Leberzirrhose liegt etwa bei einem halben Liter Wein oder einem Liter Bier?

Primar Haller: Das ist ein Missverständnis. Korrekt heißt es 50 Gramm Alkohol – das wären zwei große und ein kleines Bier oder ca. ein halber Liter Wein. Das sollte man aber nicht allzu wörtlich nehmen, ich bin kein großer Freund von solchen Grenzwertangaben. In diesem Zusammenhang ist es weniger wichtig, wieviel sie trinken, sondern, wieviel Pausen sie machen. Ich würde Ihnen raten, machen Sie einmal im Jahr mit bei der „Aktion trocken“ – wo sie dem Körper die Chance geben, die Abbauprodukte auszuscheiden, wo der Suchtmechanismus unterbrochen wird. Die Mäßigkeit ist in diesem Zusammenhang ganz wichtig – man muss auf einem bestimmten Geleis bleiben und Pausen machen.

Es ist ja erwiesen, dass Bier, wenn man es mäßig und regelmäßig trinkt, ausgesprochen gesund ist?

Primar Haller: Paracelsus hat gesagt, allein die Dosis macht das Gift. Das ist auch bei jeder Droge so: Es kommt immer darauf an, wie ich sie einsetze. Ich würde Ihnen raten, nicht von diesem täglichen Bier auszugehen, sondern lieber einmal zwei oder drei zu trinken, und dann wieder länger Pause zu machen.

Was tut man, wenn der Betroffene keine Einsicht hat?

Primar Haller: Ich kann Ihnen kein Rezept liefern. Wir können niemand zu seinem Glück zwingen. Es gibt lediglich die Möglichkeit der zwangsweisen Behandlung, wenn jemand süchtig ist und sich selbst oder andere gefährdet. Man sollte Zeit haben, nicht allzusehr moralisieren – sondern ein neutrales Beratungsgespräch vorschlagen.

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