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"Social-Media-Sucht ist ein Sym­p­tom der psychischen Verfassung der Kinder"

©Matthias Weissengruber
Die Sozialen Medien sind in der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen zentral verankert. Das hat auch große Auswirkungen auf ihre psychische Gesundheit. Primaria Dr. Maria-Katharina Veraar, Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie im LKH Rankweil weiß, welche Auswirkungen ein exzesiver Social-Media-Konsum haben kann.
Gefahr in der Krise: Smartphone-Sucht

Fast die Hälfte aller Kinder (6-13 Jahre) und nahezu jeder Jugendliche (12-19 Jahre) verfügt mittlerweile über ein eigenes Smartphone. Soziale Medien sind in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen zentral verankert.

Entzugsähnliche Symptome

"Der suchtartige Gebrauch beziehungsweise Missbrauch des Internets wird entsprechend der Studienlage für 4 Prozent der Kinder und Jugendlichen angegeben", so Primaria Dr. Maria-Katharina Veraar, Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie des LKH Rankweil. Damit verbunden zeigen sich suchttypische Phänomene wie übermäßige gedankliche Beschäftigung mit Videospielen, mit entzugsähnlichen Symptomen wie Reizbarkeit, Ängstlichkeit oder Traurigkeit, ein Kontrollverlust in Bezug auf Dauer oder Frequenz des Gebrauchs, Interessensverlust, anderen Hobbies und Freizeitbeschäftigungen wird nicht mehr nachgegangen, fortgesetztes Spielen trotz Einsicht in die negativen Folgen, Lügen etc.

Gesamtsituation hat sich für Kinder und Jugendliche geändert

Bislang wurde die Gefahr für Kinder und Jugendlichen an einer manifesten Internetsucht zu leiden, tendenziell gering angesiedelt. "Allerdings zeigte sich in unterschiedlichen Studien, dass Kinder und Jugendliche, die an einer psychischen Erkrankung leiden, wesentlich häufiger auch einen suchtartigen Internetgebrauch zeigen", führ die Primaria weiter aus. Diese Datenlage beziehungsweise Einschätzung wurde vor der Einflussnahme durch die Coronapandemie erstellt.

Zwischenzeitlich hat sich die Gesamtsituation für Kinder und Jugendliche, insbesondere durch die folgenschweren Pandemiebeschränkungen; Schließung der Schulen, Kinder und Jugend relevanten Infrastrukturen und Freizeitangebote (Sportvereine, Musikschulen etc.) verändert.

Internet als Alternative zu fehlenden realen Angeboten

"Der Internetgebrauch ist eine digitale Alternative zu fehlenden realen Angeboten und kann als einzige Alternative zu einem Übergebrauch beziehungsweise zu einer Vereinseitigung derselben führen", schildert die
Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie des LKH Rankweil weiter. In diesem Zusammenhang ist der intensivierte Internetgebrauch nicht unbedingt als eine "Social Media Sucht" mit entsprechenden Suchtkriterien zu bewerten, sondern kann ein Symptom der aktuellen psychischen Verfassung der Kinder und Jugendlichen sein.

Die kinder- und jugendspezifischen Folgen der Pandemie beziehungsweise Pandemiebeschränkungen führen zu einer bis jetzt noch nicht absehbaren deutlichen Verschlechterung der psychischen Verfassung von Kindern und Jugendlichen. "Das bedeutet einerseits, dass Kinder und Jugendliche mit psychischen Vorerkrankungen dekompensieren, andererseits, dass Kinder und Jugendliche mit bislang unauffälligen Entwicklungen und bislang unerkannten Vulnerabilitäten psychische Erkrankungen zeigen."

Täglich Kinder mit psychischen Neuerkrankungen

"Auch an der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Landeskrankenhaus Rankweil werden täglich Kinder und Jugendliche mit psychischen Neuerkrankungen ambulant vorgestellt", macht die Primaria auf die Dringlichkeit der Situation aufmerksam. Das Phänomen "ununterbrochen online zu sein" ist in der Regel Teil oder Folge eines anderen Störungsbildes und führt häufig zu Schlafstörungen, ausgeprägter Tagesmüdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, eingeschränkte schulische Leistungsfähigkeit und Ähnlichem. Häufig beschreiben sich die Kinder und Jugendlichen auch als Opfer von Cybermobbing.

Kein Gebrauch von sozialen Medien bei Nacht

"Den aktuellen Umständen angepasst, sollte grundsätzlich der Gebrauch von sozialen Medien Kindern und Jugendlichen altersadäquat ermöglicht werden", rät die Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie des LKH Rankweil. Die Tagesstruktur sollte trotz Schullockdown aufrechterhalten werden. "Gesundheitsfördernd ist es für medienfreie Zeiten zu sorgen, keinesfalls ist der nächtliche Gebrauch von sozialen Medien zu tolerieren."

Präventionsmaßnahmen gegen die Social-Media-Sucht

"Die Wiederaufnahme des Schulbetriebs, Ermöglichung sportlicher und analoger Freizeitaktivitäten unter Einhaltung der gebotenen Vorsichtsmaßnahmen ist als vorrangiges Ziel und als wichtigste Präventionsmaßnahme gegen eine Zunahme des süchtigen Gebrauchs von sozialen Medien zu bewerten", schließt Primaria Dr. Maria-Katharina Veraar, Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie des LKH Rankweil ab.

Gefahr der Smartphone-Sucht

(VOL.AT)

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