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Sizilien: "Vittória -  der Lenz ist da"

Unter Mandelblüten fließt der Wein -  starke Frauen sind die Hüterinnen des Cerasuolo di Vittória.
Sizilianische Impressionen

Blassblau der Himmel, vom Meer her wehen weiße Wolken. An der Straße wuchern Kamillen. Der Honigduft der gelben Blüten zieht bis ins Auto. Links und rechts schwingen knorrige Rebzeilen mit. Wir fahren durchs Land des Cerasuolo-Weins, vor uns die Stadt Vittória. Eine ideale Barockstadt im Schachbrettmuster, benannt nach der spanischen Königstochter Vittória.

Ein neuer Lenz ist da, Vittória!

Und mit ihm der neue Wein. Passend zum Namen der Stadt sind es Frauen, die hier beim Wein den Ton angeben. Frauen- Power – etwa so: In engen Jeans, blond mit blauen Augen, so empfängt Francesca Planeta die Besucher. Die Planetas sind Pioniere des Weinbaus. Sie sitzen an allen Hotspots der Insel. Hier, im rosaroten Gut Dorilli, produzieren sie einen glanzvollen Cerasuolo Classico. Cerasuolo, gesprochen Tscherasuolo, das Wort wärmt deutschsprachig geprägte Ohren wie eine Liebkosung. Schon dieser Duft: Hauchzarte Aromen von Kirsche und Erdbeer steigen in die Nase. Frucht und seidige Tannine umschmeicheln die Zunge. Sie genießt das Produkt einer Liebesheirat: kräftiger Nero d‘ Avola und duftiger Frappato – vermählt zu einer einzigartigen Cuvée. Hausgäste des Planeta-Guts Dorilli dürfen ihn ab Sommer im neuen B & B genießen. Stets wird er auch in der Enoteca Regionale in Vittoria entkorkt, die mal Kloster, dann Gefängnis war. Sie ist Nabel der neuen Weinstraße. Eine Faltkarte zeigt die Routen zu den Kellereien. Durch Zitrusgärten kurven wir in ein breites Talbecken hinab und erreichen über eine Palmenallee die Cantina Valle dell‘ Acate.

Sturzfluten im Winter

Schlimm sei dieser Winter gewesen, klagt der Senior. Sturzfluten hätten die Lehmböden weggeschwemmt. Aber schon übernimmt eine weibliche Stimme: Gaetana Jacono, zierlich mit kastanienbraunem Langhaar und leidenschaftlicher Gestik, hält die Fäden in der Hand. Partner Francesco Ferreri kann als Präsident des Weinkonsortiums am ersten Rundkurs der Weinstraße tüfteln. Beide zelebrieren den fulminanten Aufstieg des Cerasuolo gerne vertikal: vom Jahrgang 2002 bis heute. Da macht sich Andacht breit im alten Weinlager, das hoch ist wie ein Kirchenschiff. Gleich zwei Frauen erwarten uns vor dem Kamm der MontiIblei, die Schwestern Occhipinti. Mit burschikoser Frische pflanzt sich Arianna im Weinberg auf. Die 28-Jährige Aufsteigerin mit den umflorten Augen der Insulanerin setzt kompromisslos auf Bio. Kein Dünger, minimalst Schwefel, viel Spontaneität im Keller. Gepflanzt und abgefüllt wird nach den Mondphasen. Das alles gibt ihrem Cerasuolo eine traumhafte Finesse. Zumal am flackernden Kamin: Schwester Fausta, zwei Jahre älter, hat mit blühenden Mandelzweigen dekoriert. Jetzt schneidet sie Fenchelsalami auf und reicht Orangensalat mit Frühlingszwiebeln. Mit ihrer Schwester plant die Architektin einen Agriturismo. Dann kann der Tourist auch das grasige Öl der hundertjährigen Olivenbäume genießen.

Mustergut Terre di Giurfo

Brandrot flammen die Haare um das Puppengesicht von Francesca la Marca. Blaue Augen blicken keck durch die gleichfalls rot gerandete Brille. Das Mustergut Terre di Guirfo der 32-Jährigen liegt frei über dem Dirillo-Tal. Ihr Cerasuolo wird zweifach ausgebaut: eine Charge in Stahl, eine in Barrique – ein Wein leicht und fruchtig, der andere mit mehr Gehalt. Beide haben eingeschworene Freunde. Alle Sorten sind im Dialekt benannt, „Ronna“ heißt „Frau“. Er passt famos zu streifendünnen Orangenschalen in Schokoguss. Gestern noch eine Nacht mit Halbmond, heute nieselt es aus grauen Wolken. Die winkeligen Treppen der Altstadt von Ragusa glänzen nass. Eine Freitreppe führt zum Dom des Heiligen Georg, dessen barocke Fassade mit Säulen und Voluten sich der Piazza entgegenwölbt.

Weinprofis auf der Bühne

Am unteren Ende des Platzes, im plüschigen Theater des Palazzo Donnafugata, sitzen gerade die bedeutendsten Köpfe des sizilianischen Weinbaus auf der Bühne. Vorne dran die starken Frauen: Was der Branche zu empfehlen sei, will Weinpionier Diego Planeta (Settesoli) von den zum Weintest „Sicilia en primeur“ geladenen Journalisten aus aller Welt wissen. Der scheidende Präsident der bei „assovini“ organisierten Top-Produzenten ganz Siziliens gibt sich gleich selbst die Antwort: „Ich hätte gerne als Nachfolger eine Frau.“ Und mit einem verschmitzten Lächeln in Richtung Rom: „Aber bitte keine Minderjährige.“

 

Die Weinregion in Italien
Sizilien mit der Hauptstadt Palermo ist mit 133.518 Hektar Rebfläche die größte Weinregion Italiens. Der Boden ist größtenteils vulkanischen Ursprungs, die Weingärten liegen in bis zu 900 Metern Seehöhe. Rund drei Viertel der Rebfläche ist mit weißen Sorten bestockt, die wichtigsten sind Catarratto (mit 40%), Grillo, Inzolia und Trebbiano. Die häufigsten roten sind Nero d´Avola (Calabrese) und Nerello. Eine führende Stelle nimmt die Produktion von Tafeltrauben ein. Jährlich werden knapp neun Millionen Hektoliter Wein produziert. Hauptsächlich sind es Grundweine für die Destillation oder einfache Verschnitte in rot, rosé und weiß.

 

REISEINFOS

Anreise: Catania wird von Air Berlin (www.airberlin.com, ab 49 Euro one way), Lufthansa (www.lufthansa. com, ab 89 Euro) und Air Malta (www.airmalta.com) angeflogen. Mit dem italienischen Festland ist Sizilien über Fähren verbunden, die die Häfen von Palermo und Messina anlaufen – von Palermo aus gibt es Bahnverbindungen der Trenitalia nach Messina, Agrigent und Trapani, von Messina aus nach Catania, Syrakus und Agrigent.
Zum Wein: Consorzio Cerasuolo di Vittória (www.cerasuolovittoria.eu). Weingüter: Occhipinti (www.agricolaocchipinti. it), Planeta Dorilli (www. planeta.it), Terre di Giurfo (www.terredigiurfo. it), Valle dell’Acate (www. valledellacate.com).
Aktuelle Lektüre: Italiens Weinwelten, Steffen Maus, 35 Euro.
Allgemeine Informationen: im Internet unter www.enit-italia.de, www.italien-inseln.de, www.italienaktuell.info/sizilien, www.feriensizilien.de, www.sizilien-netz.de

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