Schöner ist es miteinander

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Attila Dincer hat vor zwölf Jahren das erste Integrationsbüro in Vorarlberg gegründet.

Über 440 Menschen aus ganz Österreich haben sich für den ersten Österreichischen Integrationstag am morgigen Freitag in Wien angekündigt. Sie kommen aus Unternehmen, NGOs, Vereinen, Interessensvertretungen, politischen Parteien, Bildungs- und wissenschaftlichen Einrichtungen. Gemeinsam leben, arbeiten, die Gesellschaft und Zukunft gestalten. Integration als Miteinander. Das sind die Ziele der Veranstalter. Ziele, denen sich Attila Dincer schon seit Jahren verschrieben hat. Seit 1989 ist der gebürtige Türke im Integrationsbereich tätig, 1999 gründete er das erste Integrationsbüro (INKA) in Vorarlberg. „Beim Thema Integration bleiben wir stets auf der Stufe Deutsch stecken. Die Sprache ist zwar die Bedingung, damit Integration überhaupt beginnen kann. Integration passiert aber vor allem durch Zusammenkommen“, betont Dincer. Bei den Türken etwa sei es üblich, dass diejenigen, die zuziehen, willkommen geheißen werden. Die Vorarlberger würden warten, bis sich die Neuankömmlinge vorstellen kommen. „Und das oft schon seit 45 Jahren“, ergänzt er. Schön fände er es auch, wenn nicht immer nur über die Problemfälle, sondern über positive Beispiele berichtet werden würde. Und davon gäbe es zahlreiche – erfolgreiche Ärzte, Anwälte, Richter, Unternehmer. „80 Prozent der Türken sind integriert, wir sprechen immer nur über jene 20 Prozent, die nicht integriert sind“, ärgert sich der Doktorand. Die türkische Sprache und Kultur sei nichts wert, sogar von Schulhöfen würde sie verbannt, poltert Dincer. „Italienisch oder Französisch ist hingegen super cool.“ Die Muttersprache bilde jedoch die Basis für die deutsche Sprache und Deutsch wiederum die Basis für die Integration.

Keine Definition

„Wenn du nicht lernst, dann hauen wir dich wieder raus“, so würden Neuankömmlinge hierzulande begrüßt. „Das könnte man auch positiver formulieren“, ist der dreifache Familienvater überzeugt. Und er kritisiert: „Es gibt noch immer keine Definition dafür, wann jemand integriert ist.“ Es heiße immer nur: „Sie sollen so tun wie wir.“ Seine eigene hat er indes längst gefunden: „Integration war dann erfolgreich, wenn man nicht mehr darüber spricht.“ Heute aber gäbe es viel mehr frustrierte Jugendliche als früher, da diese trotz Schulbildung aufgrund ihres Namens keine Ausbildungsstelle bekommen würden. „Wir stehen derzeit an der Kippe. Die nächsten drei Jahre werden entscheidend sein“, sagt der Integrationsexperte. Dass immer mehr migrantische Vereine und konservative Strukturen entstehen, führt Dincer auf das fehlende Miteinander zurück: „Anpassen tue ich mich dort, wo ich aufgenommen werde, ohne dass ich meine eigene Identität aufgeben muss.“ Dincer selbst kam mit fünf Jahren nach Vorarlberg – besuchte das Gymnasium und „war einer der ersten Türken, der maturiert hat“, erinnert er sich an seine Zeit am Gymnasium Schoren zurück. „Meine Lehrer haben mich immer sehr unterstützt.“ Er habe es immer gut gehabt, war der „Vorzeigetürke“. Bis er eines Tages aus einem Dornbirner Lokal hinausgeworfen wurde. „Türken bedienen wir hier nicht“, hieß es. „Das kann es nicht sein“, dachte sich Dincer. Die eigene Diskriminierung war der Auslöser für sein Engagement. Heute ist der Wirtschaftswissenschafter Mediator für interkulturelle Angelegenheiten und setzt sich für mehr Respekt, Dialog und ein Miteinander der Kulturen ein.

ZUR PERSON

Attila Dincer gründete 1999 das erste Integrations­büro in Vorarlberg Geboren: 1.10.1970 in Konya/Türkei Wohnort: Dornbirn Ausbildung: Diplomierter Mediator, Coach und Trainer, MBA in Wirtschaftswissenschaften – arbeitet derzeit an seiner Dissertation Beruf: Referent an zahlreichen Fortbildungsstätten, selbstständiger Mediator, Obmann von INKA (Institut für interkulturelle Angelegenheiten) Familie: verheiratet, drei Kinder

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