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Scharfe Klänge aus der Heimat

Wien/Montafon - Gerade noch versetzte der langgezogene Ruf des Horns in die Bergwelt des Montafon, die Heimat Herbert Willis, die dem vierteiligen Konzert-Zyklus des Komponisten seinen Namen gab.

Doch Kontrabass und Percussion verwandeln die Alpen unvermittelt in einen Jazzclub und Hornisten Stefan Dohr in dessen scheinbar improvisierenden Mittelpunkt. Bei der Uraufführung des Hornkonzerts “Äon”, dem vierten und letzten Teil des “Montafon”-Zyklus, gestern, Freitag, wurde der Wiener Musikverein zum Schauplatz eines raschen Szenerie-Wechsels zwischen Bergspitze, Jazzkeller und einem reichhaltigen Bernstein mit Angelika Kirchschlager.

Das Hornkonzert, das im Rahmen eines Kompositionsauftrages des “Wiener Mozartjahres 2006” entstand, schrieb Willi für Stefan Dohr, den Solohornisten der Berliner Philharmoniker, und tatsächlich stellt dieses Werk den ausführenden Instrumentalisten gleichsam wie einen Improvisationskünstler ins Zentrum. Oder wie ein einzelnes, kämpferisches Individuum gegen eine übermächtige Natur.

Das Horn heult heiser auf über dem scharfen, fast maschinellen Säbeln des Orchesters. Wo im ersten Satz erzählerische Jazz-Melodien der Solostimme immer wieder von gefährlich aufbrausendem Tutti-Hämmern unterbrochen werden, steht im zweiten Satz kreisförmige Lethargie, die an Filmmusik einer seltsam erstarrten Handlung zwischen Heimatfilm und Thriller erinnert, um sich im Finale schließlich in einem Rausch ungerader Rhythmen zu entladen.

Eine harte, klanglich eindrucksvolle Uraufführung, die vom Radio-Symphonieorchester Wien unter Yutaka Sado nicht weniger hart gebettet wurde. So ließ sich der Abend mit einem knappen und unlyrischen Haydn an. Die Symphonie in D-Dur, eine der “Pariser”, spannte Sado in großer Klarheit auf, den Streichern jeden sanften Ausklang hart beschneidend, den scharfen Dialog der Stimmen schlicht herausschälend. Doch die Trockenheit, die den Haydn verflachte, bereitete den Weg für einen fesselnden Bernstein.

Schon in der zweiten Ballettsuite aus “Dybbuk” wird die leichtfüßige Dramatik Leonard Bernsteins von den scharfen Grenzziehungen unterstützt. Romantische, jazzige und atonale Elemente treten klar hervor, in Bernsteins großer “Jeremiah”-Symphonie schließlich werden sie zu einem wilden, immer wieder in beißend schöner Harmonie zusammenfließenden Mix. Auch durch Angelika Kirchschlager, die jeden melancholischen Klang der “Lamentation” ebenso voll, wie gefühlvoll verkündete, endete das Programm mit einem unverhofft emotionalen Höhepunkt. (Schluss) whl

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