Sattelt die Hühner: Call of Juarez 2

Weil Blut dicker ist als Wasser: Ray und Thomas.
Weil Blut dicker ist als Wasser: Ray und Thomas. ©Waibel
Schon der Vorgänger war nicht nur grafisch ein Leckerbissen. Nun schicken die Entwickler Call of Juarez – Bound in Blood ins Rennen um den besten Western Shooter aller Zeiten.  

Nur Engel fressen blaue Bohnen: Seit der Ära der Italo-Western mit Clint Eastwood oder den zwei Teufelskerlen Bud Spencer und Terence Hill träumt so mancher Gamer davon, in einem PC Spiel einmal der raubeinige, bärbeißige Revolverheld sein zu können. Mit Call of Juarez war dies erstmals möglich, wenn auch mit Einschränkungen. Doch aus den Erfahrungen mit dem Westerngame von anno dazumal haben die Entwickler gelernt, herausgekommen ist ein Shooter, technisch auf der Höhe der Zeit, brillant umgesetzt, wenn auch mit klaren Balancingproblemen.

Bound in Blood ist, ganz dem Trend der Zeit folgend, ein Prequel zu Call of Juarez und. Im Sinne des Titels steuert man hier an Stelle von Billy aus dem ersten Teil Ray und dessen Bruder Thomas. Anfänglich noch in den Diensten der Südstaatler haben die beiden recht schnell die Schnauze voll von schlechtbezahltem Morden im Staatsauftrag und desertieren. Schließlich wartet zuhause die heimatliche Farm, die wieder aufgebaut werden muss. Dafür braucht es Bares, das die beiden Deserteure nicht haben. Durch die Lande ziehend, kommt ihnen die Saga vom Schatz des Juarez zu Ohren. An ihrer Backe klebt als hartnäckiger Verfolger ein pflichtgetreuer Colonel der Südstaatler, der die Deserteure schnappen will.

Die beiden Brüder könnten unterschiedlicher nicht sein: Während Thomas als altgedienter Cowboy das Lasso schwingt wie kein anderer und sich somit geschickt durch die Level hangelt und beim Schleichen so manchen Indianer vor Neid zum Bleichgesicht mutieren lassen würde, hält sich Ray an durchschlagskräftigere Argumente vom Kaliber 38 aufwärts. Thomas Gegner hören vor ihrem Ableben meist nur das leise Zischen vom Pfeil aus dem für einen Cowboy untypischen Bogen, Ray´s Opponenten blicken in die Läufe diversester Schießeisen. Vor so gut wie jedem Level gilt es, den geeigneten der beiden Streiter für die kommenden Aufgaben auszuwählen.

Unterschiede im Ausschalten der Gegner gibt es auch beim für Call of Juarez so typischen Konzentrationsmodus. Ray muss in einer bestimmten Zeit so viele Gegner wie möglich erfassen, nach Ablauf der Stoppuhr ballert er aus allen Rohren. Wenn sich der Pulverdampf gesenkt hat, hat der Undertaker jede Menge Arbeit. Thomas dagegen erfasst die Gegner automatisch, jedoch muss man aktiv jeden Schuss setzen.

Das Setting der Level wechselt von klassischen Wild-Weststädten hin zu Wüstenlandschaften mit tiefen Schluchten, wo die geschickte Lassohand von Thomas gefragt ist. Aufgelockert wird das ganze durch Schleichpassagen oder Sequenzen, wo man mit einem der Protagonisten ein Geschütz oder eine Gatling besetzen muss. Hier offenbart sich aber oft eine der aus meiner Sicht größten Schwächen des Spiels. Vorgabe ist nämlich die Abwehr aus allen Richtungen anstürmender Gegnermassen. Befördert man diese nicht in kurzer Zeit in vom Spiel vorgegebenen Limits vom Dies- ins Jenseits, gilt die Mission als gescheitert und muss neu vom letzten Speicherpunkt an gestartet werden. Casualgamer dürften sich an manchen Punkten des Spiels vor Frust die Zähne an der Tastatur oder dem Controller die Zähne ausbeißen. Auch sind die Missionssettings oft Schema  F: Rein ins Level, alles umnieten, was nicht schneller zieht als Lucky Luke`s Schatten und gut is. Für einen Western Shooter ausreichend, aber mangelhaft im Bemühen, so etwas wie eine vorantreibende Story um Ray und Thomas zu stricken.

Wie es sich für einen richtigen Western nach gutem altem Muster natürlich noch gehört, gehören Duelle zum Alltag der beiden, was hier saucool umgesetzt wurde. Aus der Perspektive der Schusshand gesehen, gilt es, den richtigen Zeitpunkt zum Ziehen zu treffen, wenn man als gefürchteter Pistolero und nicht waagerecht aus dem Wettstreit hervorgehen will. Sobald ein Glöckchen bimmelt, zieht der Held die Waffe und drückt ab, wenn das Fadenkreuz über den Feind wandert.

Wie in feinen RPG´s üblich, gibt es auch hier zuweilen Loot: Nach dem Ableben hinterlassen Feinde nicht nur Munition und Waffen, sondern auch harte Währung in Form von Gold, das beim nächsten Waffenhändler in durchschlagkräftigere Schießprügel investiert werden kann. Einige Level sind zudem als Open World Ebene ausgeführt, mit optionalen Aufgaben, die noch ein wenig Geld in die Kasse spülen.

Ein Koopmodus wäre eine echte Bereicherung für das Spiel gewesen und hätte auch geholfen, so manche unfaire Stelle zu entschärfen. So muss man sich einsam und verloren und zuweilen frustriert durchs Spiel beißen oder eben frustriert das Pad oder die Maus strecken.

Zur Steuerung sei gesagt, dass diese optimal an die Möglichkeiten des jeweiligen Systems angepasst wurde. Auf dem PC bewegt man den Protagonisten mit der Tastatur, die Maus wird zum Zielen verwendet. Auf der Konsole dienen zur Bewegung und zum Zielen die Analogsticks. Auch optisch weiß Bound in Blood zu überzeugen. Abgesehen von geringfügigen Tearing oder Pop Up Problemen ist der Titel einer der technisch überzeugendsten Shooter auf der Konsole derzeit und verlangt auch einem High End Rechner so einiges ab. Die deutsche Synchronisation bleibt hinter diesem hohen Niveau leider etwas zurück, die Musik ist allerdings recht stimmig geraten. Die 360-Version setzt sich gegenüber der Playstation 3 mit mehr Schärfe ab, auf leistungsfähigen PCs glänzt Bound in Blood mit knackigen Texturen und schöner Ausleuchtung der Level.

Fazit:

Western rockt – sowohl auf der Leinwand als auch auf heimischen Spielsystemen. Mit Call of Juarez – Bound in Blood setzen die polnischen Entwickler noch eins drauf auf den ersten Teil. Wären nicht die aus meiner Sicht gravierendsten Probleme in Form von unfairen Stellen, an denen ungeübte Spieler das Spiel schlichtweg nicht fortsetzen können, – ich könnte den Titel jedem Spieler, der auch nur einigermaßen an Western oder Ego-Shootern interessiert ist uneingeschränkt empfehlen. Action, knifflige Geschicklichkeitspassagen, spannende Duelle und der Konzentrationsmodus, in dem man sich fühlt wie Wyatt Earp am OK-Corral, gekrönt mit einer tollen Grafik, ansonsten ist alles da, was man sich wünscht. Ich wünsche mir für Teil 3 der Serie einen gut abgestuften Schwierigkeitsgrad. Dann werde ich den Titel mit Freude von Anfang bis Ende als ruhmreicher Pistolero durchzocken können. Nur für Profis!

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