Satiriker Böhmermann inmitten einer diplomatischen Groteske

Jan Böhmermann brachte Kanzlerin Merkel in die Bredouille
Jan Böhmermann brachte Kanzlerin Merkel in die Bredouille
Seit Tagen ist er abgetaucht - nun stellt sich die Frage, ob Jan Böhmermann aus der selbst gewählten Versenkung wieder auftaucht. Denn nach der Zustimmung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu seiner Strafverfolgung liegen alle Karten auf dem Tisch.


Böhmermann wird auf der einen Seite zivil- und strafrechtlich verfolgt, auf der anderen Seite wollen er und das ZDF dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan nicht nachgeben.

Der am 23. Februar 1981 in Bremen geborene Böhmermann löste eine Auseinandersetzung aus, die fast beispiellos in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist. Hier der junge Satiriker, dort der Präsident der Türkei – und Bundeskanzlerin Merkel, die mit kritischen Worten über Böhmermanns Beitrag der ganzen Geschichte noch zusätzlichen Zündstoff gab und nun gegen den Wunsch vom Koalitionspartner SPD den Ermittlungen gegen Böhmermann zustimmte.

Eigentlich könnte Böhmermann den Streit als eine Art Ritterschlag empfinden. “Ich möchte, dass so viele Leute wie möglich sehen, was ich mache”, sagte er vor zweieinhalb Jahren der “Zeit”. Bisher vom ZDF mit seiner Sendung “Neo Magazin Royale” in Randsendezeiten untergebracht, ist Böhmermann im Moment der meistgenannte deutsche Satiriker.

Und er kann sich auf die Fahne schreiben, die Abschaffung eines Paragrafen im Strafgesetzbuch ausgelöst zu haben: Der Paragraf 103, der die Beleidigung von ausländischen Staatsvertretern unter Strafe stellt, soll gestrichen werden. Merkel ermächtige also Ermittlungen auf Grundlage einer Regelung, die sie nun abschaffen will.

Ob Böhmermann über solche Dinge inzwischen wieder lachen kann, ist ungewiss. Zuletzt wirkte das nicht so. “Ich fühle mich erschüttert in allem, an das ich je geglaubt habe”, schrieb er vor Tagen in seinem bisher letzten Facebook-Eintrag. Danach meldete er sich nicht mehr zu Wort. Bekannt ist aber, dass er die Frist zur Unterzeichnung einer Unterlassungserklärung verstreichen ließ.

Welchen Weg Böhmermann in Zukunft gehen will, lässt sich nicht prognostizieren. Er gibt sich äußerst distanziert, hält sein Privatleben bedeckt. Der Mann, der mit dem “Enthusiasmus eines Entwicklungshelfers” die Ironie in Deutschland fördern will, nutzt diese für sich selbst zum Aufbau von Distanziertheit. Böhmermann lebt in Köln und hat mehrere Kinder – “ungefähr dreieinhalb”, sagte er einmal. Zu seinem Familienstand sagt er ansonsten nichts.

Für den seit einiger Zeit als das Gesicht einer neuen, intelligenten Moderatorengeneration geltenden Böhmermann gab es mit 17 Jahren mit dem Leukämietod seines Vaters, eines Polizisten, praktisch einen erzwungenen Berufsstart. Er musste Geld verdienen. Böhmermann fing an, für Zeilenhonorar in einer Bremer Lokalzeitung zu schreiben, ging bald als Reporter zu Radio Bremen.

Nachdem er dort selbst Nachrichten über Gewalt im Gazastreifen so verlas, als ginge es um einen Witz, wendete er sich dem Komischen zu. Böhmermann zog nach Köln, studierte, arbeitete beim WDR-Jugendsender 1Live und als Mitarbeiter von Harald Schmidt.

2006 bekam Böhmermann nach eigenen Worten das erste Mal eine Ahnung, was er anrichten kann. Er erfand für die Fußballweltmeisterschaft “Lukas’ Tagebuch” über WM-Star Lukas Podolski. Dort schuf er Sätze wie “Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel”. Podolksi klagte deshalb gegen den Moderator.

Podolski nimmt Böhmermann diesen Spott bis heute krumm. Andere reagieren gelassener. In der Vergangenheit persiflierte Böhmermann wiederholt den bekannten Medienanwalt Christian Scherz als den “Scherzanwalt Dr. Christian Witz”. In seiner Moderation rund um sein “Schmähgedicht” empfahl Böhmermann Erdogan diesen Anwalt. Tatsächlich ist nun Christian Scherz an dem Rechtsstreit beteiligt – der offenbar nicht nachtragende Jurist vertritt aber Böhmermann.

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