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Rummenigge: "Hatten die beste Mannschaft am Abgrund"

Bayern-Boss Rummenigge sah Real "am Abgrund".
Bayern-Boss Rummenigge sah Real "am Abgrund". ©AFP PHOTO / Christof STACHE
Trauer, Leere und schonungslose Fehleranalyse. Der FC Bayern verpasst es, "das große Real in den Abgrund zu stoßen". Heynckes verpasst das mögliche Triple-Revival. Ein Bayern-Boss rühmt die Mannschaft. Und in einer bewegenden Kabinenansprache wird ein finaler Auftrag erteilt.
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Bayern scheitern an Real

Der große Jupp Heynckes rang nach dem dramatisch knapp verpassten europäischen Krönungsfinale mit feucht schimmernden Augen um Fassung. Und auch auf der Heimreise von Madrid nach München herrschte am Mittwoch weiter eine große Leere beim Trainer, den Spielern um den untröstlichen Torwart Sven Ulreich und den Bossen des FC Bayern. “Leider sind wir nicht im Endspiel. Das bedeutet für meine Spieler und für mich eine große Enttäuschung”, sagte Heynckes nach seinem allerletzten Champions-League-Spiel, das eine finale Zugabe absolut verdient gehabt hätte. “Das 2:2 bedeutet für uns eine Niederlage”, urteilte Heynckes nach dem heldenhaften und glücklosen, aber auch zu fehlerhaften Halbfinalkampf gegen Real.

Bewegende Ansprache

Heynckes hielt noch im Estadio Santiago Bernabeu eine bewegende Kabinenansprache, wie Anwesende berichteten. Er rühmte sein “Truppe”, mit der er die Zeit zurückdrehen und das einzigartige Triple von 2013 wiederholen wollte. “Ich habe den FC Bayern in der Verfassung, in der Form schon viele Jahre nicht mehr gesehen”, schwärmte der Coach nach 97 Minuten “Fußball vom Feinsten, Fußball, den man selten in Europa sieht”. Beim Bankett im Teamhotel pries Karl-Heinz Rummenigge die paralysiert zuhörenden Spieler in seiner Rede. “Wenn ich einen Hut aufhätte, würde ich ihn ziehen und mich vor der Mannschaft verneigen”, sprach der Bayern-Chef. Die Edelfans applaudierten.

Individuelle Fehler

Ein Törchen fehlte gegen die Königlichen um den Ex-Münchner Toni Kroos, die am 26. Mai in Kiew den dritten Königsklassen-Triumph nacheinander anpeilen. Vielleicht war es aber auch nur ein Fehler zu viel, den die Bayern beim fünften Königsklassen-K.o. nacheinander gegen eine spanische Mannschaft machten. “Wir müssen uns natürlich auch die Frage stellen, was machen wir in diesen Spielen falsch?”, sagte Kapitän Thomas Müller – und gab die Antwort gleich selbst. “Es liegt nicht an irgendwas Grundsätzlichem, dass es nicht reicht. Das Einzige, was sich in den letzten Jahren wiederholt in den Spielen, in denen wir ausscheiden: Wir machen zu viele deutliche individuelle Fehler, ob es verschossene Elfmeter sind, ob es Rote Karten sind.”

Zwei Tore geschenkt

Im Hinspiel hatte Abwehrspieler Rafinha den Überlebenskünstlern von Real ein Torgeschenk zum 1:2 gemacht. In Madrid war es Ulreich, der sich in der Schlüsselszene wieder zum 1:2 direkt nach Wiederanpfiff einen “Blackout” leistete, wie Heynckes sagte. Den “unnötigen” Rückpass von Corentin Tolisso habe Ulreich wohl erst mit den Händen aufnehmen wollen. Dann sei er “konfus geworden”, patzte, und Reals Doppeltorschütze Karim Benzema überstrahlte ausnahmsweise sogar den wie Robert Lewandowski in beiden Spielen torlosen Cristiano Ronaldo.

Ulreich ist nicht Neuer

Vor über 80 000 Zuschauern konnten die Bayern nach Joshua Kimmichs frühem 1:0 trotz etlicher Chancen nur noch einmal durch den starken James Rodríguez zurückschlagen. “Das ist sehr bitter für den Spieler”, sagte Heynckes über Ulreich, der wortlos verschwand. “Sven hat eine ganz tolle Saison gespielt.” Ein Manuel Neuer ist Ulreich am Ende aber doch nicht. Weltmeister Mats Hummels urteilte schonungslos: “Natürlich ist es auch Unvermögen, wenn man jetzt vor allem jeweils das 1:2 für Real sieht in beiden Spielen.” Heynckes verwies auf den Mann im anderen Tor, Reals Retter Keylor Navas: “Der gegnerische Torwart hat heute wirklich mitgespielt.”

Wenig Stress in der Bundesliga

Hummels berichtete vom kurzen Wortwechsel mit Weltmeister-Kollege Kroos. “Toni hat nach dem Spiel zu mir gesagt, Mats, das Ding haben nicht wir gewonnen, das habt ihr euch selber zuzuschreiben, dass ihr nicht im Finale seid. Und da hat er leider recht damit.”

Hinten patzten die Bayern fatal. Und vorne fehlten in beiden Spielen zu häufig “Zentimeter”, wie es Hummels ausdrückte. Heynckes nannte die Chancenverwertung einen “Kritikpunkt”, den er akzeptieren müsse. Den seit sechs Meisterjahren national nicht geforderten Bayern fehlt im Bundesliga-Alltag einfach der Stressfaktor der großen Spiele.

Bestes Spiel in fünf Jahren

“Wir sind alle ein Stück traurig, weil es heute einfach möglich war, das große Real in den Abgrund zu stoßen”, haderte Rummenigge. Und doch waren die Bosse auch stolz. “Wir haben das beste Spiel in der Champions League gesehen, das ich in den letzten fünf Jahren mit Bayern München erlebt habe”, sagte Rummenigge: “Ich glaube, nicht nur Bayern, sondern Deutschland und die ganze Fußballwelt wird unserer Mannschaft und unserem Cheftrainer Jupp Heynckes mit seinem Gespann höchsten Respekt und höchstes Lob zollen.”

Heynckes machte auch das Fehlen von fünf Topspielern (Neuer, Boateng, Robben, Vidal, Coman) mitverantwortlich für das vierte Scheitern im Halbfinale seit 2013. Für ihn selbst war es das letzte internationale Spiel. “Natürlich ist das jetzt eine Situation, wo ich weiß, es ist endgültig, dass ich nie mehr auf die Trainerbank zurückkehre bei einem Champions-League-Spiel. Und ich finde, das ist auch gut so”, sagte Heynckes, der im vergangenen Oktober nach der Trennung von Carlo Ancelotti noch einmal zum FC Bayern zurückgekehrt war: “Ich denke, nicht viele gehen mit 72 Jahren noch solche Abenteuer ein.”

Neues Ziel: Double

Dieses ist noch nicht ganz beendet. Es war der Coach selbst, der den Blick sofort wieder nach vorne richtete, auf das letzte Saisonspiel am 19. Mai gegen Eintracht Frankfurt, auch wenn das in der Trauernacht von Madrid noch nicht in die Spielerköpfe vordrang. “Jupp hat sich eben in der Kabine bei den Spielern bedankt. Das war sehr emotional. Und er hat dann noch etwas Wichtiges gesagt: Wir haben zwar nicht das Champions-League-Finale erreicht, aber wir haben noch ein Finale im DFB-Pokal in knapp zweieinhalb Wochen in Berlin”, sagte Rummenigge.

So endete die nächste glücklose Madrid-Reise mit einem finalen Auftrag des Vorstandsvorsitzenden an die Heynckes-Bayern. “Ich glaube, es ist jetzt in unserer Verantwortung und das Ziel, dass wir zumindest das Double gewinnen und mit diesem Halbfinale heute eine Saison abrunden, die ihresgleichen sucht.”

(dpa)

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