Rückkehrer des IS erzählen: Enttäuscht vom Jihad

Der IS hat nichts mit dem Islam zu tun
Der IS hat nichts mit dem Islam zu tun ©AFP
Sie kamen, um zu kämpfen, zu siegen und um in einem islamistischen Gottesstaat zu leben. Doch sie erlebten stattdessen Gewalt, Massaker, Angst, Korruption, Enttäuschung und auch Langeweile.

Immer mehr westliche Kämpfer der Miliz “Islamischer Staat” (IS), die dem Ruf der Jihadisten 2014 noch begeistert gefolgt waren, wenden sich von ihr ab und kehren aus Syrien oder dem Irak in ihre Heimatländer zurück. In Europa sind sie ein Sicherheitsrisiko: Sie sind kampferprobt und ihre wahren Absichten für die Geheimdienste oft undurchschaubar.

Immer mehr Kämpfer wollen fliehen

Blitzschnell hatte der IS 2014 große Gebiete in Syrien und im Irak erobert und ein Kalifat für seinen Herrschaftsbereich ausgerufen. Doch zuletzt gerieten die Extremisten in die Defensive und allmählich rennen ihr die Kämpfer davon. Experten und Geheimdiensten zufolge hatten sich seit 2014 mehrere tausend westliche Freiwillige dem IS angeschlossen.

“Die Gründe, weshalb sie geflohen sind, sind ebenso komplex wie die, die sie ins IS-Gebiet gezogen haben”, erklärt Peter Neumann, Direktor des Internationalen Zentrums zur Erforschung von Radikalisierung (ICSR) am King’s College in London. Sie hätten Angst vor den Luftangriffen, seien enttäuscht, weil sie etwas anderes erwartet hätten, beklagten Korruption in der IS-Führung und Angriffe auf andere Muslime – oder sie seien schlicht gelangweilt vom Jihad.

Der IS hat nichts mit dem Islam zu tun

Seit Jänner 2014, also vor der offiziellen Ausrufung des Kalifats, pflegt das ICSR eine Datenbank auf der Basis von Interviews mit bisher 60 IS-Deserteuren. Immer wieder gehe es um dieselben Vorwürfe: “Der IS bekämpft lieber andere Muslime als die Assad-Regierung, der IS begeht Gräueltaten an Muslimen, der IS ist korrupt und folgt nicht den Grundsätzen des Islams”, erklärt das ICSR. Kämpfer beschrieben den Alltag unter dem Joch der Extremisten als “hart und enttäuschend”.

Ein desertierter Kämpfer sagte demnach: “Ich möchte allen Mujaheddin sagen, dass sie nicht nach Syrien gehen sollen. Das ist nicht der Jihad. Ihr werdet Muslime töten.” Die Extremisten würden nicht davor zurückschrecken, ein ganzes Haus mit Frauen und Kindern in die Luft zu jagen, nur um einen einzigen Menschen darin zu töten. “Das ist kein revolutionärer Jihad, das ist schlicht ein Massaker”, zitiert Shiraz Maher vom ICSR einen Kämpfer.

Ist das Terrorregime am Ende?

Frankreichs nationaler Geheimdienstkoordinator Didier Le Bret erzählt von etlichen Kontaktaufnahmen kriegsmüder Kämpfer. “Sie spüren, dass die Endphase begonnen hat.” Viele fragten, wie sie zurückkehren könnten. Um die Ausdehnung des Kalifats gehe es längst nicht mehr. “Wir wissen auch, dass einige bei dem Versuch zu fliehen getötet werden”, sagt er.

Ähnlich berichtete es der Generaldirektor des französischen Inlandsgeheimdienstes DGSI, Patrick Calvar, bei einer Parlamentsanhörung. Bis Mitte Mai seien aus dem syrisch-irakischen Kampfgebiet 244 Kämpfer nach Frankreich zurückgekehrt. Erschwert würden die Fluchtversuche durch die Politik des IS, der jeden Fliehenden “als Verräter betrachtet” und zur sofortigen Tötung freigibt.

Der Unterschied zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit ist groß

Die Geheimdienste haben allerdings bei der Resozialisierung der Kämpfer das Problem, dass ein Deserteur ebenso gut mit einer “Mission” des IS zurückkehren könnte, sagt Le Bret. Und Neumann vom ICSR gibt zu bedenken, dass es sich bei den Rückkehrern nicht um glühende Anhänger der westlichen Demokratie handelt. “Einige haben schwere Verbrechen begangen.”

Der Alltag unter dem IS ist den Kämpfern zufolge von Gewalt und Barbarei geprägt, von Entbehrungen und Diskriminierung aufgrund des Herkunftslandes. Möge die Entscheidung einiger Kämpfer, in den Jihad zu ziehen, auch eine Kurzschlusshandlung gewesen sein – die Sehnsucht nach einem idealen Leben unter der Scharia, nach Kameradschaft und Adrenalin einte wohl manche Ausreisende.

Wie groß die Diskrepanz zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit dann sein kann, bringt ein indischer Kämpfer auf den Punkt: “Das hat nichts mit Jihad zu tun. Ich musste dort die Toiletten putzen.”

(APA/AFP)

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