Rechtschreibung: Verlage lassen sich Zeit

Der genaue Zeitpunkt einer Rückkehr zu den alten Rechtschreibregeln steht bei den deutschen Großverlagen, die die aktuelle Kontroverse ausgelöst haben, noch nicht fest.

Nur die Axel Springer AG nannte einen konkreten Termin und will mit der Umstellung in etwa vier Wochen beginnen. Die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ) hat eine Entscheidung sogar erst frühestens für den Oktober angekündigt. Unterdessen hat Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (V) betont, dass Österreich bei der neuen Rechtschreibung bleiben werde, Vizekanzler Hubert Gorbach (F) ist damit einverstanden. Sowohl in der SPÖ als auch in der SPD haben sich dafür reformkritische Politiker zu Wort gemeldet.

In einer Erklärung in eigener Sache erläuterte die SZ in ihrer Dienstag-Ausgabe: „Eine Entscheidung darüber, was wir konkret ändern, wird erst fallen, wenn wir mit den Kultusministern, den Schulbuchverlagen, den Nachrichtenagenturen und anderen Verlagshäusern über Sinn und Unsinn der neuen Regeln gesprochen haben. Das wird nicht vor Oktober sein.“ Die SZ werde jede Initiative unterstützen, die ein „möglichst einheitliches Erscheinungsbild der deutschen Schriftsprache garantiert“. Hans-Ulrich Stoldt, Ressortleiter Information beim „Spiegel“, sagte: „Wir schreiben auf Basis der alten Regeln.“ Einen Zeitpunkt für die Umstellung gab er allerdings ebenfalls nicht an.

Schüssel wünscht sich ein rasches Ende der Debatte über die Rechtschreibung. Nicht jede Diskussion in Deutschland müsse auch zu einer in Österreich führen. Gorbach betonte, er persönlich sei nie ein großer Freund der neuen Rechtschreibung gewesen. Mittlerweile habe er sich wie viele Andere aber daran gewöhnt und akzeptiere sie. Es bestehe kein besonderer Grund, eine Änderung durchzuführen. Von Seiten der Freiheitlichen waren in den vergangenen Tagen Überlegungen laut geworden, auch in Österreich zur alten Rechtschreibregelung zurückzukehren. Auch die Grünen und Teile der SPÖ regten ein Umdenken an. Einzig die ÖVP tritt bisher geschlossen dafür ein, die neuen Regelungen beizubehalten.

In Deutschland forderte der SPD-Rechtsexperte Volker Neumann in der „Bild“-Zeitung eine Rückkehr zur alten Schreibweise. „Fast die gesamte deutschsprachige Literatur ist nach den bewährten Regeln verfasst“, sagte er zur Begründung. Der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz will sich nach eigenem Bekunden nicht von „irgendwelchen Bürokraten“ vorschreiben lassen, wie er zu schreiben habe. Bisher war die SPD praktisch einheitlich für die Reform eingetreten.

Von den Schriftstellern wird die Rückkehr von Springer AG, Spiegel-Verlag und Süddeutschem Verlag zur alten Rechtschreibung begrüßt. Von Anfang an sei „an den beruflichen Sprachanwendern vorbei reformiert“ worden, die deutschen Medien hätten nun gezeigt, dass sie sich auf dem „Verordnungsweg“ eine derartige Umstellung nicht aufzwingen lassen, betonte Gerhard Ruiss (IG Autorinnen Autoren). „Das ist der Anfang vom Ende der unsinnigen Rechtschreibreform, die eine Sprachverarmung bedeutet und eine reine Bürokraten-Beschäftigungsaktion ist,“ so Elfriede Jelinek.

Die Volksschulen in Österreich sind mit der Einführung der neuen Rechtschreibung hingegen gut zurechtgekommen. Das zeigt eine bereits 1997 kurz nach Einführung der neuen Regeln an den Schulen durchgeführte Erhebung des Bildungsministeriums – neuere Studien liegen derzeit nicht vor. Erst für das kommende Jahr ist eine Folgeuntersuchung geplant.

Die ARD teilte am Dienstag mit, nicht von der reformierten Schreibweise abzurücken. Das hätten die Intendanten übereinstimmend in einer Schaltkonferenz festgestellt. Auch ZDF-Sprecher Alexander Stock geht davon aus, dass sein Sender bei den neuen Regeln bleibt. Auch die Publikationen der Verlagsgruppe Handelsblatt werden weiter in neuer Rechtschreibung erscheinen.

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