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Popmusik aus Kanada voll im Trend

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Auf der großen Landkarte der Popmusik war Kanada jahrzehntelang mehr oder weniger ein weißer Fleck. Video im Bericht

Neil Young, Leonard Cohen oder Joni Mitchell stammen zwar aus dem Land mit dem Ahornblatt auf der Flagge, aber diese Künstler schafften den Durchbruch erst fern der Heimat in den USA. Doch seit Anfang des Nuller-Jahrzehnts hat sich im zweitgrößten Flächenstaat der Erde eine äußerst selbstbewusste Szene etabliert. Die Stars heißen heute Arcade Fire, Feist, Patrick Watson oder eben – ganz kurz und bescheiden – Stars.

Als neues Pop-Mekka gilt Montreal, die größte Stadt der französischsprachigen Provinz Quebec. Dass sich in der 3,4-Millionen- Einwohner-Metropole zuletzt viel getan hat, bestätigt Win Butler von Arcade Fire, der Speerspitze des Kanada-Trends: „In den vergangenen Jahren sind da immer mehr tolle Konzertorte und große Festivals wie Pop Montreal entstanden.“ Für die siebenköpfige Band war es ganz selbstverständlich, ihre aktuelle Platte „Neon Bible“ in einer Kirche unweit der Heimatstadt Montreal aufzunehmen statt in einem der komfortablen US-Studios.

Der Sänger Patrick Watson, dessen CD „Close To Paradise“ (V2) in diesem Herbst auch hierzulande euphorische Kritiken erntete, begründet den kreativen Aufschwung im Gespräch mit der Deutschen Presseagentur dpa so: „In Montreal macht sich der starke französische, europäische Einfluss bemerkbar. Wir verharren nicht bei unseren amerikanischen Wurzeln.“ Daraus ergebe sich eine ganz besondere Mischung, wenngleich von einem einheitlichen Stil kanadischer Popmusiker oder auch nur „Montreal-Sound“ nicht die Rede sein könne. Watson: „Man kennt sich und man schätzt sich, aber die hier entstehende Musik ist doch sehr unterschiedlich.“

In der Tat liegen Welten zwischen Watsons raffiniert-verträumter Artrock-Melancholie, den von Kirchenorgel, Chören und Marschrhythmen angetriebenen Arcade-Fire-Songs oder den Pop-Operetten des begnadeten Pianisten und Sängers Rufus Wainwright. Ebenfalls aus Montreal stammen die Stars, eine fünfköpfige Band mit Wurzeln im lange verpönten bittersüßen Synthie-Softpop der 80er Jahre, deren Album „In Our Bedroom After The War“ (City Slang) kürzlich erschienen ist und die am vergangenen Sonntag in Wien spielten. „Ich habe uns immer als Punkband gesehen. Ich finde, es ist ein ziemliches Punk-Statement, soft zu rocken“, sagte Bassist Evan Cranley kürzlich ironisch einer Sonntagszeitung.

Diese Künstler scheuen dabei auch nicht vor ganz und gar unmodischen Stilrichtungen zurück. Und alle haben den Mut zu unkonventionellen, auch schrägen Sound-Ideen, lassen sich nicht in Formate zwängen, um den Plattenfirmen die Etikettierung leichter zu machen. „Wir sind immer offen für das Chaos“, sagt Win Butler von Arcade Fire – und freut sich, dass die Band mit ihrer hochkomplexen, wuchtigen Musik schon Millionen Platten losschlagen konnte, ohne groß auf US-Vorbilder zu schielen.

Auch die aus Calgary stammende Sängerin Leslie Feist fertigt ihre kunstvollen Lieder mit Chanson- und Jazz-Anleihen am liebsten im vertrauten Kreis kanadischer Kreativer. Nach dem Erscheinen des dritten Albums „The Reminder“ (Polydor/Universal) vor einigen Monaten wurde Feist als beste weibliche Pop-Stimme ihrer Generation bejubelt. Doch auf diesen Lorbeeren ruht sich die 31-Jährige nicht aus: Nebenbei gehört Feist einem in Toronto beheimateten Musikerkollektiv namens Broken Social Scene an. 


The Arcade Fire mit “Crown of Love”:

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